Wenn Francesco Giavazzi dieser Tage auf die ökonomische Situation Italiens blickt, sieht er wenig Grund zu Hoffnung. Noch in diesem Jahr, sagt der Regierungsberater und Ökonom der renommierten Bocconi-Akademie in Mailand, könnte Italien neue Probleme bekommen: "Die Wachstumsrate wird doppelt so stark sinken, als die Regierung annimmt." Schon im Herbst könnte es eng werden. "Spätestens dann kommt ein neues Defizitverfahren auf uns zu." Bricht dann wieder Marktpanik aus, könnte es sogar zum Äußersten kommen – die Europäische Zentralbank (EZB) müsste einspringen und ihr Versprechen wahr machen, unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen.

Das ist das pessimistische Szenario. Eines, dass die Währungshüter in Frankfurt zutiefst beunruhigt. In Italien, einem jener Länder, die zu groß sind, um gerettet zu werden, geht derzeit einfach zu viel schief: Die Schulden wachsen, statt zu sinken. Reformen kommen nur langsam voran, weil die Koalition unter Ministerpräsident Enrico Letta gespalten und zerstritten ist. Zugleich steckt Italien in einer tiefen Rezession: Um 1,9 Prozent wird die Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen, schätzt der italienische Unternehmerverband. Schon im vergangenen Jahr ging die Wirtschaftsleistung um mehr als zwei Prozent zurück. Italien kommt nicht aus der Krise und die Frage ist, ob das Land die Finanzmärkte noch einmal in Panik versetzen kann.

Fast unbemerkt vom Rest Europas rutscht das Land immer tiefer in eine Spirale aus wachsenden Schulden und schrumpfender Wirtschaft. Die Regierung Letta versucht mit einem Konjunkturprogramm gegenzusteuern. Der Haken dabei: Es darf nicht zu viel kosten, weil sonst die Schulden weiter steigen. Zuletzt verschaffte die EU-Kommission dem Land ein wenig Luft, als es ankündigte, die Defizitgrenzen nicht ganz so eng zu ziehen, falls die Länder in künftiges Wachstum investieren. Bereits in der vergangenen Woche hatte Brüssel zugesagt, sich mit 1,5 Milliarden an Italiens Wachstumsplan zu beteiligen. Letta spricht nun schon von den "großen Erfolgen unserer Sparpolitik".

Braucht auch Italien irgendwann Finanzhilfe?

Doch es gibt auch Zweifel an der Solidität des Haushalts. Vergangene Woche zitierte der Daily Telegraph aus einem vertraulichen Bericht des italienischen Instituts Mediobanca. Die Autoren warnen darin vor steigenden Renditen auf mehrjährige italienische Staatsanleihen. Diese deuteten daraufhin, dass Anleger zunehmend Angst vor einem Schuldenschnitt in Italien hätten. Dem Bericht zufolge sei ein bail-out Italiens wahrscheinlich.

Die zweite Warnung steckte in einem Report, den die britische Financial Times und die Zeitung Republicca veröffentlicht hatten. Beide Zeitungen berufen sich auf einen Halbjahresbericht des Finanzministeriums, den die Behörde regelmäßig an den Rechnungshof in Rom schickt. In dem Papier geht es auch um die Art der Kreditgeschäfte, insbesondere um Derivategeschäfte, die der italienische Staat in den neunziger Jahren vor dem Beitritt der EU abschloss.

Der Verdacht: Italien soll sich mit dem Derivategeschäft eine bessere Note für den Euro-Beitritt erkauft haben. Das italienische Finanzministerium dementierte die Nachricht: Die Zins- und Währungs-Swaps hätten nur zum Zweck der Risiko-Reduzierung gedient. Dennoch sagten Experten der Financial Times, dass die Derivategeschäfte den italienischen Staatshaushalt um weitere acht Milliarden Euro belasten könnten.

Ökonomen fordern Steuersenkungen

Seither steht die Frage im Raum, wie hoch die Fehlbeträge sind, die sich in den Schattenseiten des italienischen Haushalts verbergen. Der Fraktionschef der Berlusconi-Partei PDL, Renato Brunetta, sagte kürzlich, der italienische Haushalt sei "so transparent wie die Geheimformel der Coca Cola".

"Die italienische Haushaltspolitik ist absurd", sagt der Ökonom Giavazzi. Er denkt, dass die Regierung durchaus Spielraum hat, um das Wachstum anzukurbeln – diesen aber nicht nutzt. "Es würde reichen, die Staatsausgaben um 40 Milliarden zu kürzen, um die Steuerlast deutlich zu reduzieren und damit den Unternehmen und den Verbrauchern Mut zu machen", sagt der Ökonom.

800 Milliarden gibt der Staat zurzeit in einem Jahr aus – subtrahiert man Zinsen und Sozialausgaben bleiben ungefähr 200 Milliarden, wovon ein Großteil Verwaltungskosten sind. Ob diese sich nicht kürzen lassen? "Das Hauptproblem ist unser gigantische Staatsapparat", sagt Giavazzi. "Sobald jemand eine Rationalisierung vorschlägt, stellen sich die Bürokraten in den Ministerien quer."