JapanInflation, wo bleibst du?

Seit Jahren wünscht sich Japan nichts sehnlicher als die Inflation. Jetzt könnte es bald soweit sein. Von Felix Lill, Tokio von 

Straße in Tokio

Straße in Tokio  |  © Yuriko Nakao/Reuters

"Das macht 500 Yen", ruft Sho Ogura in den Kneipenraum und hält seine Hand auf. Er steht hinter der Theke seiner Bar im Tokioter Stadtviertel Shimbashi. Viele Anzugträger trinken bei ihm ihr Feierabendbier, seit 30 Jahren führt er seine Kneipe. Einiges habe sich in Japan seither verändert, sagt Ogura, nur die Preise seien schon zu lange gleich geblieben. "Ich habe meine Preise seit 15 Jahren nicht erhöht." Die Konkurrenz sei hart, und die Kneipen in der Nachbarschaft seien auch bei ihren Tarifen geblieben. Er könne seine Preise einfach nicht anheben.

Japan steckt seit Jahren in einer Deflation. Das bedeutet, dass die Preise nicht steigen, sondern sinken. Nun gibt es erstmals Hoffnung, dass die Abwärtsspirale stoppt: Im Mai gab es zwar immer noch keine Preissteigerungen. Immerhin aber sank das Preisniveau zum ersten Mal seit sieben Monaten nicht mehr. Zudem wuchs Japans Wirtschaft im ersten Quartal 2013 wieder – aufs Jahr gerechnet sogar um 4,1 Prozent. Zum Jahresende hatte das Land noch in der Rezession gesteckt.

Anzeige

Am Montag veröffentliche Japans Zentralbank zudem ihren Geschäftsklimaindex. Erstmals gab eine Branche an, dass die Mehrzahl der Unternehmen in den vergangenen drei Monaten höhere Preise verlangen konnte. Das meldeten die Hersteller einfacher Materialien wie Papier, Stahl und chemischen Stoffen. Zwar handelte es sich nur um eine Branche und die Preissteigerungen waren insgesamt gering. In den Augen vieler Ökonomen war das Ergebnis der Umfrage dennoch ein Fortschritt.

Japans lange Deflation erklärt sich auch damit, dass die Unternehmen ihre steigenden Kosten vor allem durch Einsparungen kompensiert haben, anstatt die zusätzlichen Ausgaben an die Kunden weiterzureichen. Die Nachfrage der Konsumenten war dafür zu schwach. Seit rund 20 Jahren sind die Einkommen japanischer Haushalte praktisch nicht gewachsen. Sollten in den nächsten Monaten weitere Branchen mit Preissteigerungen folgen, wächst die Hoffnung, dass die Deflationsphase zu Ende geht.

Das wäre ganz nach dem Wunsch der japanischen Regierung. Als Premierminister Shinzo Abe im Dezember sein Amt antrat, versprach er, schnellstmöglich für Wachstum zu sorgen. Mit seiner als "Abenomics" bezeichneten Wirtschaftspolitik will Abe binnen zwei Jahren eine Inflationsrate von zwei Prozent erreichen, wie sie auch die Europäische Zentralbank anstrebt. Dafür hat Japan ein gewaltiges Investitionsprogramm beschlossen und seine Geldpolitik gelockert. Das Ziel: Die Deflation, die das Wachstum des Landes lähmt, zu überwinden.

Dabei wäre es jedoch falsch, nur auf die offizielle Statistik zu schauen. Entscheidend sind auch die inoffiziellen Inflationsindizes. Etwa der Preis einer Portion "Gyudon" bei Yoshinoya, Japans beliebtester Fastfoodkette. Die Schüssel Reis mit gebratenen Zwiebeln und Rindfleischstreifen wird täglich von Millionen Angestellten verzehrt. Womöglich auch deshalb, weil kein Kunde über steigende Kosten klagen kann.

Seit der Jahrtausendwende haben sich die Preise pro Schüssel sogar halbiert. Im April diesen Jahres, zeitgleich mit der Ankündigung einer Verdopplung der Geldbasis und einem massiven Staatsanleihekaufprogramm durch Japans Zentralbank, reduzierte Yoshinoya noch einmal die Preise – von 380 auf 280 Yen. Der Schweizer Finanzjournalist Gérard Moinat gab Gyudon unlängst den Namen "Deflationsgericht".

Eine andere Branche, die als Spiegelbild der japanischen Wirtschaftslage gilt, ist das Rotlichtmilieu. In den 1980er Jahren bis in die erste Hälfte der 1990er war Tokio für extravagante Partys berüchtigt. Heute kommen den Bordellen die Kunden abhanden. Akira Ikoma, Chefredakteur des Erotikfachmagazins für Männer Ore No Tabi ("Meine Reise"), sagte im Mai, dass in seiner Branche keine Inflation absehbar sei. "Die Preise werden eher fallen."

Einerseits steige in den Rotlichtvierteln rund um Tokios Stadtkern das Angebot an Frauen, die das Geld brauchten. Andererseits seien die Einkommen der Kunden lange nicht mehr gestiegen. Daher bieten viele Etablissements ihren Kunden schon beim dritten Besuch in Folge einen Gratisbesuch an. Viele erotische Massagesalons werben mit 30-minütigen Diensten für nur 6.000 Yen. In den 1990er Jahren hätten die Preise höher gelegen, sagt Ikoma.

Gut möglich also, dass die Freude über die jüngsten Inflationsstatistiken zu früh kommt. Auch Japans Finanzminister Taro Aso sagte unlängst, dass die Inflation noch lange nicht da sei. Auch Sho Ogura wagt noch keine Preiserhöhungen für sein Bier. "Wenn sich nichts tut, drücke ich lieber die Kosten. Ich könnte das Importbier aus meinem Sortiment streichen." Das sei in den letzten Jahren nämlich teurer geworden.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Hokan
    • 05. Juli 2013 20:48 Uhr

    Japansche Rentner leiden seit Jahren an steigender Kaufkraft. Damit muss endlich Schluss sein. Keine neidvollen Blicke mehr nach Deutschland.

    4 Leserempfehlungen
  1. Die Deflationskrise Japans ist altersbedingt und durch keine Politik mehr zu heilen. Denn während in einer „normalen“ Deflationskrise die Bedürfnisse noch vorhanden sind und nur das Geld fehlt (weil große Teile der Bevölkerung ohne Einkommen sind), fehlen in überalterten Gesellschaften die Bedürfnisse. Auch eine noch so expansive Geldpolitik kann unter diesen Bedingungen keine dauerhaft höhere Nachfrage mehr erzeugen. Wachsende Verschuldung und eine in der Spätphase altersbedingt auch nachlassende Produktivität führen schließlich doch in die Depression (und in der Folge zur Auflösung des Staates). Denn während junge Gesellschaften irgendwann ihre Dynamik zurückgewinnen und wieder expansiv werden (weil die Bedürfnisse ja vorhanden sind und das fehlende Geld sich notfalls drucken lässt), gibt es aus der altersbedingten Deflation kein Entkommen (vgl. wie alles so kam und warum und was noch kommt).

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann gehen ältere Männer nicht mehr so oft ins Rotlichtviertel - und deshalb gibt es keine Nachfragesteigerungen.

    Das könnte durchaus so sein. Aber dafür wird in anderen Branchen mehr nachgefragt. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann müßte aber beispielsweise der Markt für Viagra boomen und das Debakel im Rotlichviertel ausgleichen, oder?

    Wenn ich richtig informiert bin, dann soll sich die Zahl der Japaner in den nächsten 50 Jahren mehr als halbieren. Selbst wenn die, die dann leben und konsumieren ihren Konsum ausweiten, wird es wohl kein Wachstum geben.

    Ich lese gerade ein Buch: Wohlstand ohne Wachstum ? Darin wird das Problem wirklich vorurteilslos analysiert. Das kapitalistische System ist, um zu überleben, auf Wachstum angewiesen. Solange die Bevölkerungszahlen stiegen , kommt es zu einem Grundwachstum. Wenn nun die Zahlen sinken (was ja nicht schlecht ist, weil unsere Erde endlich ist), hat das System Kapitalismus ein Problem. Nun kann man versuchen, über Werbung oder Anreize sich mehr zu vermehren, den Konsum ankurbeln.
    Aber ist das wirklich - langfristig - der richtige Weg?
    Vielleicht sollte man daran arbeiten, Wohlstand auch ohne oder mit geringem Wachstum (realem Fortschritt) zu erreichen.
    Was ist denn wichiger? Wachstum oder Wohlstand?

    Außerdem: wenn 99 Prozent nur so viel Einkommen haben, daß es gerade so reicht, und 1 % das Geld bunkert (=Nachfrage bunkert), dann kann es nicht vorwärts gehen.

    • Mika B
    • 06. Juli 2013 10:56 Uhr

    Genau deshalb kämpft wohl Europa mit der massenhaften Jugendarbeitslosigkeit?
    Ich denke die Wirtschafts- Thesen hinken immer weil sie als Politik Rechtfertigung herhalten müssen.

    Die Wahrheit ist wohl das sich die Welt von der massenhaften Lohnarbeit als Erwerbsquelle verabschieden muss , auch die größten Spar- , Inflations , oder sonstigen Sozialkürzungen werden nicht mit der computergestützten Produktion und dem Internet als virtuellen Verkaufs und Dienstleistungsraum auf Dauer mithalten können.
    Denn es können immer mehr Guter mit immer weniger Menschen Hergestellt und Vertrieben werden.
    Wir brauchen daher kein neues Wirtschafts- sondern ein Gesellschaftskonzept.

  2. Japan steckt seit Jahren in einer Deflation. Das bedeutet, dass die Preise nicht steigen, sondern sinken.

    Wir danken Captain Obvious für diese Information ;)

    Eine Leserempfehlung
  3. "Seit Jahren wünscht sich Japan nichts sehnlicher als die Inflation. "

    In den letzten 10 Jahen hatte Japan ín einem einzigen Jahr Deflation. Nicht spürbar. 0,2 %. Im statistischen Fehlerbereich.

    Die Gelddruckapologeten und Lustverschulder lassen sich auch die schrägsten Argumente einfallen, um ihr eigenes Tun zu rechtfertigen.

    6 Leserempfehlungen
  4. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann gehen ältere Männer nicht mehr so oft ins Rotlichtviertel - und deshalb gibt es keine Nachfragesteigerungen.

    Das könnte durchaus so sein. Aber dafür wird in anderen Branchen mehr nachgefragt. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann müßte aber beispielsweise der Markt für Viagra boomen und das Debakel im Rotlichviertel ausgleichen, oder?

    Wenn ich richtig informiert bin, dann soll sich die Zahl der Japaner in den nächsten 50 Jahren mehr als halbieren. Selbst wenn die, die dann leben und konsumieren ihren Konsum ausweiten, wird es wohl kein Wachstum geben.

    Ich lese gerade ein Buch: Wohlstand ohne Wachstum ? Darin wird das Problem wirklich vorurteilslos analysiert. Das kapitalistische System ist, um zu überleben, auf Wachstum angewiesen. Solange die Bevölkerungszahlen stiegen , kommt es zu einem Grundwachstum. Wenn nun die Zahlen sinken (was ja nicht schlecht ist, weil unsere Erde endlich ist), hat das System Kapitalismus ein Problem. Nun kann man versuchen, über Werbung oder Anreize sich mehr zu vermehren, den Konsum ankurbeln.
    Aber ist das wirklich - langfristig - der richtige Weg?
    Vielleicht sollte man daran arbeiten, Wohlstand auch ohne oder mit geringem Wachstum (realem Fortschritt) zu erreichen.
    Was ist denn wichiger? Wachstum oder Wohlstand?

    Außerdem: wenn 99 Prozent nur so viel Einkommen haben, daß es gerade so reicht, und 1 % das Geld bunkert (=Nachfrage bunkert), dann kann es nicht vorwärts gehen.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hokan
    • 06. Juli 2013 11:37 Uhr

    Sie wollen doch nicht etwa das aktuelle Wirtschaftssystem durch Konsumverweigerung destabilisiren? Man liest mit. Haben wir ja nun gelernt. Da nützt auch das schönste Pseudonym bei Zo nichts. Zur Strafe heute abend mal chique ausgehen.

    • bayert
    • 06. Juli 2013 8:37 Uhr

    keine jährlichen Steigerungen von 5-10% bei kommunalen Gebühren und konstante Lebensmittelpreise.

    5 Leserempfehlungen
    • Mika B
    • 06. Juli 2013 10:56 Uhr

    Genau deshalb kämpft wohl Europa mit der massenhaften Jugendarbeitslosigkeit?
    Ich denke die Wirtschafts- Thesen hinken immer weil sie als Politik Rechtfertigung herhalten müssen.

    Die Wahrheit ist wohl das sich die Welt von der massenhaften Lohnarbeit als Erwerbsquelle verabschieden muss , auch die größten Spar- , Inflations , oder sonstigen Sozialkürzungen werden nicht mit der computergestützten Produktion und dem Internet als virtuellen Verkaufs und Dienstleistungsraum auf Dauer mithalten können.
    Denn es können immer mehr Guter mit immer weniger Menschen Hergestellt und Vertrieben werden.
    Wir brauchen daher kein neues Wirtschafts- sondern ein Gesellschaftskonzept.

    4 Leserempfehlungen
    • Hokan
    • 06. Juli 2013 11:37 Uhr

    Sie wollen doch nicht etwa das aktuelle Wirtschaftssystem durch Konsumverweigerung destabilisiren? Man liest mit. Haben wir ja nun gelernt. Da nützt auch das schönste Pseudonym bei Zo nichts. Zur Strafe heute abend mal chique ausgehen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hallo staasdiener"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Japan | Yen
Service