Eigentlich hätten die Chefs von E.on und Siemens, Johannes Teyssen und Peter Löscher, allen Grund zum Feiern. Seit wenigen Tagen produziert der größte Offshore-Windpark der Welt Strom – auch dank deutscher Ingenieurskunst. E.on gehört zu den Betreibern der 175 Windräder, die 500.000 Haushalte mit Strom versorgen können; Siemens hat die Turbinen dafür geliefert.

Das Problem: Das Erfolgsprojekt liegt nicht vor der deutschen, sondern vor der britischen Küste. Die politisch verordnete Energiewende kommt hierzulande nicht voran. Und sie entwickelt sich zu einer schweren Hypothek für den Wirtschaftsstandort, kritisieren Teyssen und Löscher in einem gemeinsamen Interview mit dem Handelsblatt.

"Wir sind auf dem falschen Weg", klagt der Siemens-Chef. "Es geht nicht um Detailanpassungen. Wir brauchen grundsätzliche Korrekturen, die Lage ist ernst", appelliert Teyssen in ungewöhnlicher Schärfe an die Adresse von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Das Ziel der schwarz-gelben Bundesregierung, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 von heute 23 auf dann 35 Prozent zu steigern, führt nach Ansicht der beiden erfahrenen Industriebosse schon jetzt zu erheblichen Belastungen für die Verbraucher und die Wirtschaft. "Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Strompreise verdoppelt", moniert Löscher. Wenn Deutschland so weiter mache, werde der Strompreis für Privathaushalte bis 2020 zusätzlich um 35 Prozent steigen und um 30 Prozent für die Industrie. "Verlierer sind vor allem die kleinen Kunden, die immer mehr für Energie bezahlen", sagt Teyssen.

Beide Vorstandschef sprechen aber auch aus eigener Betroffenheit: Der Energiekonzern E.on muss nach dem politisch verordneten Atomausstieg seinen Kraftwerkspark umbauen. Und Löscher will aus dem Mischkonzern Siemens einen "grünen Infrastrukturgiganten" formen. Allein mit der Windkraft erzielten die Münchener zuletzt mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz.

Wegen der zusätzlichen Kostenbelastung für private und industrielle Stromverbraucher fordern die beiden Manager die schwarz-gelbe Koalition auf, die Energiepolitik nicht länger isoliert zu diskutieren: "Die Energieagenda muss auch eine Wettbewerbs- und Industrieagenda sein", sagt Löscher.

Mehr Marktwirtschaft

Zudem müssten in Deutschland wieder mehr marktwirtschaftliche Instrumente in die Energiepolitik eingeführt werden. Staatliche Regulierung dürfe es nur da geben, wo sie notwendig sei, betont der Siemens-Chef. Andernfalls sei die Stabilität der Netze insgesamt bedroht, weil sich Kraftwerke nicht mehr lohnten.

Löscher und Teyssen fordern eine Radikalreform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das die milliardenschwere Förderung der Wind- und Solarenergie regelt und mitverantwortlich für die steigenden Strompreise ist. Für Teyssen gibt es nur eine Lösung: "Man muss einen Schnitt machen und sagen: Die Musik ist aus."

Das Magazin Focus berichtete unterdessen, dass die Strompreise noch stärker zu steigen drohen als bislang angenommen: Obwohl die EEG-Umlage zum Jahreswechsel stark erhöht worden war, schloss das Ausgleichskonto für Ökostrom im Juni mit einem Minus von 900 Millionen Euro. Das ergebe sich aus einer Aufstellung der vier Übertragungsnetz-Betreiber, hieß es in dem Bericht. Damit weise das Ausgleichskonto bereits seit 13 Monaten ein Defizit aus. Betreiber von Solar- und Windkraftanlagen bekamen also mehr Geld ausgezahlt, als die Stromkunden über die EEG-Umlage einzahlten.

Erschienen im Tagesspiegel