Karl-Heinz Neugebauer. Im Hintergrund weiden einige seiner Schafe unter einer Autobahnbrücke. © Alexandra Endres für ZEIT ONLINE

Das Paradies für Schafe existiert nur noch auf alten Polaroids. So hat Karl-Heinz Neugebauer es konserviert. Die Bilder zeigen Wiesen mit Blumen und Kräutern besprenkelt, im Hintergrund ein paar Bäume. Durchs Tal floss ein Bach, aber der ist auf den Polaroids nicht zu sehen. Frisches Gras, kühles Wasser, ein wenig Schatten, einen feuchten, aber keinesfalls sumpfigen Weidegrund: Mehr braucht ein Schaf nicht zum Glücklichsein.

Neugebauer ist glücklich, wenn seine Schafe es sind. "Das ist für ihn das Wichtigste", sagt seine Frau Maria. "Die Familie kommt danach."

Vielleicht aber wird Neugebauer das Wichtigste bald verlieren. 45 Jahre lang, sein ganzes Erwachsenenleben, ist er mit seinen Schafen umhergezogen, aus Unterfranken auf die Schwäbische Alb, nach Thüringen, auf die Rhön. Er hat den elterlichen Bauernhof umgekrempelt und seine eigene Schäferei daraus gemacht. Die Familie arbeitete immer mit: Ehefrau Maria, die vor 32 Jahren von den Philippinen kam und seinen Heiratsantrag annahm, als sie sich vier Wochen kannten, Tochter Rosemarie und Sohn Andreas. Der 24-jährige Andreas will den Hof übernehmen. Er hat Schäfer gelernt, der Betrieb wäre seine Zukunft.

Keine Weiden mehr

Doch Neugebauers finden keine Weiden mehr für ihre Tiere. Seit 2010 kämpfen sie um ihre Existenz. Sie sind kurz davor, aufzugeben. Der Grund liegt in Neugebauers persönlicher Geschichte und in der Agrarpolitik Europas. 

"Nichts gegen die EU, wir leben ja von den Subventionen", sagt Neugebauer. "Aber für die kleinen Betriebe haben die noch nie etwas gemacht."  

Seit Jahrzehnten geben Bauern in ganz Europa ihre Höfe auf. In Deutschland gab es 1997 mehr als eine halbe Million Bauernhöfe, 2012 waren es nur noch knapp 290.000. Zugleich werden die Betriebe immer größer. Ein durchschnittlicher deutscher Bauernhof bewirtschaftet heute fast 60 Hektar.

Neugebauer kennt die Gründe aus eigener Erfahrung. "Nahrungsmittel dürfen heute nichts mehr kosten", sagt er. Früher zahlte der Schlachter ihm für ein Lamm mehr als zweihundert Mark, für ein ausgewachsenes Schaf bekam Neugebauer ein bisschen weniger als die Hälfte. Wolle brachte vier Mark pro Kilo ein. Die Preise heute: 84 Euro für ein Lamm, 15 für ein Schaf, ein paar Dutzend Cent für die Wolle. "Das ist doch ein Hohn", sagt Neugebauer. "Mir blutet das Herz, wenn ich so billig verkaufen muss."     

Vielen Bauern geht es wie ihm. Die Landwirte nehmen immer weniger ein, der Einzelhandel drückt die Preise. Nur wer sich spezialisiert und investiert, überlebt. Größere Höfe sind dabei im Vorteil.