Katrin Göring-Eckardt und Michael Hüther im Berliner Büro von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Herr Hüther, wie erklären Sie sich, dass in Umfragen drei Viertel der Bürger sagen, es gehe in Deutschland ungerecht zu?

Michael Hüther: Mit einer verzögerten Wahrnehmung. Die gesellschaftliche Debatte hinkt der tatsächlichen Entwicklung hinterher. 2003 hatte die Klage, dass es in Deutschland ungerecht zugeht, noch eine besondere Berechtigung: Damals stieg die Arbeitslosigkeit von Jahr zu Jahr, die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich, der Niedriglohnsektor war seit dem Ende der neunziger Jahre gewachsen. Seit 2005 aber, also seit immerhin acht Jahren, bewegen sich die meisten Indikatoren wieder in die andere Richtung. Die Einkommen sind wieder gleicher verteilt, auch die Zahl der von der Armut bedrohten Personen wächst nicht mehr.  

Katrin Göring-Eckardt: Falsch. Selbst die Bundesregierung schreibt in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht, dass die Armutsgefährdung zwischen 2005 und 2011 gestiegen ist – auf mehr als 15 Prozent. Gerade erst hat sogar der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise davor gewarnt, dass die Kluft zwischen den Einkommen wächst und die Chancen für Langzeitarbeitslose immer schlechter werden.  

Hüther: Mag sein. Die Ungleichheit wächst statistisch trotzdem nicht, sie geht zurück. Mir scheint, dass in der öffentlichen Debatte zwei Fragen dominieren: Einerseits gibt es eine Vielzahl von Krisen und die Frage, wer die Verantwortung dafür trägt. Andererseits sind die Agenda-Reformen der nuller Jahre gesellschaftlich noch nicht verdaut. Das schafft das Gefühl von wachsender Ungerechtigkeit. Fragt man die Leute hingegen konkret, wie es ihnen in den vergangenen Jahren ergangen ist, fallen die Antworten viel positiver aus. Die Arbeitszufriedenheit in Deutschland liegt zum Beispiel weit über dem EU-Durchschnitt.  

ZEIT ONLINE: Dennoch bleibt da ein Widerspruch: Deutschland geht es wirtschaftlich besser denn je, mehr Menschen haben Arbeit – doch das Gefühl der Ungerechtigkeit verschwindet nicht.