TürkeiVerliebt ins Plastikgeld

In kaum einem anderen Land nutzen Kunden die Kreditkarten so freigiebig wie in der Türkei. Nun steuert die Politik gegen. von Manuel Heckel

Okan Akkin geht nie ohne seine Kreditkarte aus dem Haus. Gut also, dass er nicht nur eine hat, sondern gleich sechs. "Manchmal braucht man alle Karten bei einem Einkauf, weil es für verschiedene Dinge verschiedene Werbeangebote gibt", sagt der 30-jährige Doktorand. Oft trägt er überhaupt kein Bargeld mehr mit sich. Sogar Obst und Gemüse kauft er mit Kreditkarte. "Die Karte vermittelt mir die Illusion, ich könnte mehr kaufen, als ich mir leisten kann", sagt er. Seiner Bekannten Özlem Ünlu haben die Kreditkarten schon rund 2.000 Euro Schulden eingebracht. Wann sie diese zurück bezahlen kann? "Gott weiß wann und wie."

In kaum einem Lande gehen die Konsumenten so freigiebig mit Kreditkarten um wie in der Türkei. Die Bürger lieben die Plastikkarten und ihre Vorteile: schnell einkaufen, morgen bezahlen. Laut einer Studie der Weltbank nutzten im Jahr 2011 rund 45 Prozent aller Türken eine Kreditkarte. Der Anteil liegt damit deutlich höher als in Ländern mit größerem Pro-Kopf-Einkommen wie Frankreich, Deutschland oder den Niederlanden. Hinzu kommt jedoch: Die Türken verwenden die Karten oft nicht nur, um zu bezahlen. "Die Menschen nutzen die Kreditkarte als ein Leihinstrument", sagt Martin Raiser, Länderdirektor der Weltbank in der Türkei. Konkret heißt das: Die Karten sind das Mittel der Wahl, um sich zu verschulden.

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Die Banken haben diese Entwicklung lange gefördert. Sie verteilten die Karten jahrelang freigiebig an die Mittelschicht. Diese sammelte die Karten und verteilte die Verschuldung auf verschiedene Banken. In manchen Fällen wurden die Schulden lediglich von einer Bank zur nächsten geschoben. Die Kreditbedingungen waren extrem locker: Wer etwa einen neuen Flachbildfernseher mit der Kreditkarte CardFinans kauft, darf die Summe in fünf Raten bezahlen, mit der Kreditkarte der Garantibank sind sogar zwölf Raten möglich. "Ich kenne kein anderes Land, das so vielfältige Ratenzahlungen bei Kreditkarten ermöglicht wie hier", sagt Ozan Acar vom türkischen Forschungsinstitut TEPAV

Die Konsequenz: Ende 2012 hatten die Türken rund 30 Milliarden Dollar an Kreditkartenschulden angehäuft. Die Zahlen stammen aus Berechnungen von Sinan Aygün, einem Abgeordneten der größten Oppositionspartei CHP, der sich seit Langem mit dem Problem der privaten Verschuldung beschäftigt. "Die Verschuldung der türkischen Familien ist seit 2002 rapide angestiegen", sagt er. Und er warnt davor, dass derzeit zwei Millionen Türken von der Pfändung bedroht seien. Im Durchschnitt machten finanzielle Verpflichtungen heute etwa die Hälfte des verfügbaren Haushaltseinkommens einer Familie aus. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es gerade mal rund fünf Prozent.

"Der einzige Weg wäre eine Abschaffung der Ratenzahlung"

Die Politik ist mittlerweile alarmiert. Und sie steuert gegen. Seit Kurzem müssen die Konsumenten monatlich 40 Prozent ihrer Kreditkartenschulden an die Bank überweisen, um die Karte weiter nutzen zu dürfen – vorher lag dieser Wert bei 20 Prozent. Experten fordern zudem, die Menge der Ratenzahlungen per Karte zu beschneiden. Der Oppositionspolitiker Aygün fordert noch radikalere Maßnahmen: "Der einzige Weg wäre eine Abschaffung der Ratenzahlung. Nur so kann man sicherstellen, dass die Nutzer am Ende des Monats ihre Bilanz sehen."

Ist die hohe Verschuldung der Türken auch makroökonomisch ein Problem? Platzt womöglich eine Blase? Noch gibt die Weltbank Entwarnung. Die hohen Schulden seien zwar eine Belastung für die privaten Haushalte, bedrohten aber nicht das Wirtschaftssystem. "Es gibt immer das Risiko, dass einige Leute schlecht haushalten und in Schulden geraten", sagt Weltbank-Länderdirektor Raiser, "aber bislang ist die Haushaltsverschuldung kein makroökonomisches Problem."

Ein weiterer Grund für die Gelassenheit: Nach der Bankenkrise zum Anfang des Jahrhunderts haben viele Bürger ihr Vermögen zu Hause liegen, weil sie den Banken misstrauen. Ein erheblicher Teil des türkischen Vermögens liegt seitdem unter der Matratze oder ist in Schmuck investiert. Es ist also unklar, wie hoch die Vermögen sind, die die Verschuldung abfedern könnten.

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Leserkommentare
  1. Ist Moskau Inkasso schon in die Türkei expandiert?

    Davor haben viele gewarnt! Die Türkei ist eine Tigerstaatenblase! Kreditkarten, Bauwirtschaft und Erdogans "Kaufen, Essen, Beten" Kultur sind wahre Indizien dafür.

    Spanien wollte Deutschland wirtschaftlich überholen, Irland wollte das genauso und auch die Türkei wird das nicht schaffen.

    4 Leserempfehlungen
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    Der grösste Vorteil der Türkei ist ironischerweise, dass sie nicht in der EU sind.

  2. Der grösste Vorteil der Türkei ist ironischerweise, dass sie nicht in der EU sind.

    8 Leserempfehlungen
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    Bei Griechenland gabs noch die softe wariante. Normalerweise ist der IWF nicht so nett.

    Nicht den Euro haben hilft auch nichts. Beim Währung abwerten steigt die Inflation, da Importe viel ausmachen. Importe in die Türkei sind 2x so groß wie die exporte.
    Abwertung ist wie eine Lohnkürzung. Abwertung wirkt 1:1 wie die Kürzungspolitik. Das ganze gerede "ohne EU/Euro wäre es einfacher" ist am ende quatsch. Wenn eine Blase platzt, dann geht es einem Land schlecht.

  3. Bei Griechenland gabs noch die softe wariante. Normalerweise ist der IWF nicht so nett.

    Nicht den Euro haben hilft auch nichts. Beim Währung abwerten steigt die Inflation, da Importe viel ausmachen. Importe in die Türkei sind 2x so groß wie die exporte.
    Abwertung ist wie eine Lohnkürzung. Abwertung wirkt 1:1 wie die Kürzungspolitik. Das ganze gerede "ohne EU/Euro wäre es einfacher" ist am ende quatsch. Wenn eine Blase platzt, dann geht es einem Land schlecht.

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    Gut dass die sie dass Außenhandelsdefizit erwähnen.

    Wenn sie monieren, dass die Türkei viel mehr importieren muss, als es exportiert (nebenbei erwähnt, kann nicht jedes Land das deutsche Modell übernehmen: wo es Exportweltmeister gibt, muss es auch Importweltmeister geben), müssen sie sagen, wieso dass so ist: Den Großteil seiner Energie muss die rasant wachsende Türkei teuer aus dem Ausland importieren (Russland,Iran). Ein ähnliches Problem hat China. Und ähnlich wie China versucht die Türkei alles, um diese Abhängigkeit zu mildern, schließlich könnte die Abhängigkeit als politische Schwachstelle genutzt werden. Man arbeitet deshalb zusammen mit anderen Partnerländern an den Bau von gleich drei (!) Atomkraftwerken, baut den Anteil von regenerativen Energien aus und und und...

    Sie sagen, die Türkei hat eine Baublase wie einst in Spanien. Das sehe nicht nicht so, denn im Gegensatz zu Spanien erfolgt ein Großteil der Investitionen in Infrastrukturprojekte,teils davon gigantisch, die sich refinanzieren, sieht man von Stadien,Parks und Moscheen einmal ab.

  4. liegt wohl weniger an der letzten Bankkrise. Eine grössere Rolle dürfte die Tradition sein, der Braut Goldschmuck zur sozialen Absicherung mitzugeben.
    " Nach Schätzungen der Istanbuler Goldbörse (IAB) liegt in türkischen Haushalten Gold im Wert von umgerechnet 177 Milliarden Euro "unter dem Kopfkissen".
    Zitat aus:
    http://www.berliner-zeitu...

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    • Zaner
    • 12. Juli 2013 20:48 Uhr
    6. Gold!

    Zurecht haben einige Kommentatoren auf den Goldschmuck verwiesen, den fast alle Türken horten. Sogar die Ärmsten der Armen haben mindestens ein Set Goldschmuck unter dem Kissen. Diese wechseln Türken aber ungern gegen Schulden oder Bargeld ein, weil dieses Gold auch einen ideelen bzw. emotionalen Wert für viele hat. Letzendlich ist es aber für turbulente Zeiten gedacht, wie z. Bsp. Verschuldung.

    2 Leserempfehlungen
  5. was Bewohner eines Billiglohnlandes, dessen Vermögendverteilung sich langsam, dafür aber mit treffsicherer Zielgenauigkeit denen eines mittelalterlichen Fürstentums annähert, so über Wirtschaftsblasen und falsches Haushalten von sich geben können.

    3 Leserempfehlungen
    • exchp
    • 12. Juli 2013 21:21 Uhr

    "Die Türkei ist eine Tigerstaatenblase! "

    ...haben den Köder (diesen Artikel) geschluckt.

    3 Leserempfehlungen
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    Ohne einen Weltverschwöhrungs-kommentar

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kreditkarten | Türkei | Bank | Schulden
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