Okan Akkin geht nie ohne seine Kreditkarte aus dem Haus. Gut also, dass er nicht nur eine hat, sondern gleich sechs. "Manchmal braucht man alle Karten bei einem Einkauf, weil es für verschiedene Dinge verschiedene Werbeangebote gibt", sagt der 30-jährige Doktorand. Oft trägt er überhaupt kein Bargeld mehr mit sich. Sogar Obst und Gemüse kauft er mit Kreditkarte. "Die Karte vermittelt mir die Illusion, ich könnte mehr kaufen, als ich mir leisten kann", sagt er. Seiner Bekannten Özlem Ünlu haben die Kreditkarten schon rund 2.000 Euro Schulden eingebracht. Wann sie diese zurück bezahlen kann? "Gott weiß wann und wie."

In kaum einem Lande gehen die Konsumenten so freigiebig mit Kreditkarten um wie in der Türkei. Die Bürger lieben die Plastikkarten und ihre Vorteile: schnell einkaufen, morgen bezahlen. Laut einer Studie der Weltbank nutzten im Jahr 2011 rund 45 Prozent aller Türken eine Kreditkarte. Der Anteil liegt damit deutlich höher als in Ländern mit größerem Pro-Kopf-Einkommen wie Frankreich, Deutschland oder den Niederlanden. Hinzu kommt jedoch: Die Türken verwenden die Karten oft nicht nur, um zu bezahlen. "Die Menschen nutzen die Kreditkarte als ein Leihinstrument", sagt Martin Raiser, Länderdirektor der Weltbank in der Türkei. Konkret heißt das: Die Karten sind das Mittel der Wahl, um sich zu verschulden.

Die Banken haben diese Entwicklung lange gefördert. Sie verteilten die Karten jahrelang freigiebig an die Mittelschicht. Diese sammelte die Karten und verteilte die Verschuldung auf verschiedene Banken. In manchen Fällen wurden die Schulden lediglich von einer Bank zur nächsten geschoben. Die Kreditbedingungen waren extrem locker: Wer etwa einen neuen Flachbildfernseher mit der Kreditkarte CardFinans kauft, darf die Summe in fünf Raten bezahlen, mit der Kreditkarte der Garantibank sind sogar zwölf Raten möglich. "Ich kenne kein anderes Land, das so vielfältige Ratenzahlungen bei Kreditkarten ermöglicht wie hier", sagt Ozan Acar vom türkischen Forschungsinstitut TEPAV

Die Konsequenz: Ende 2012 hatten die Türken rund 30 Milliarden Dollar an Kreditkartenschulden angehäuft. Die Zahlen stammen aus Berechnungen von Sinan Aygün, einem Abgeordneten der größten Oppositionspartei CHP, der sich seit Langem mit dem Problem der privaten Verschuldung beschäftigt. "Die Verschuldung der türkischen Familien ist seit 2002 rapide angestiegen", sagt er. Und er warnt davor, dass derzeit zwei Millionen Türken von der Pfändung bedroht seien. Im Durchschnitt machten finanzielle Verpflichtungen heute etwa die Hälfte des verfügbaren Haushaltseinkommens einer Familie aus. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es gerade mal rund fünf Prozent.

"Der einzige Weg wäre eine Abschaffung der Ratenzahlung"

Die Politik ist mittlerweile alarmiert. Und sie steuert gegen. Seit Kurzem müssen die Konsumenten monatlich 40 Prozent ihrer Kreditkartenschulden an die Bank überweisen, um die Karte weiter nutzen zu dürfen – vorher lag dieser Wert bei 20 Prozent. Experten fordern zudem, die Menge der Ratenzahlungen per Karte zu beschneiden. Der Oppositionspolitiker Aygün fordert noch radikalere Maßnahmen: "Der einzige Weg wäre eine Abschaffung der Ratenzahlung. Nur so kann man sicherstellen, dass die Nutzer am Ende des Monats ihre Bilanz sehen."

Ist die hohe Verschuldung der Türken auch makroökonomisch ein Problem? Platzt womöglich eine Blase? Noch gibt die Weltbank Entwarnung. Die hohen Schulden seien zwar eine Belastung für die privaten Haushalte, bedrohten aber nicht das Wirtschaftssystem. "Es gibt immer das Risiko, dass einige Leute schlecht haushalten und in Schulden geraten", sagt Weltbank-Länderdirektor Raiser, "aber bislang ist die Haushaltsverschuldung kein makroökonomisches Problem."

Ein weiterer Grund für die Gelassenheit: Nach der Bankenkrise zum Anfang des Jahrhunderts haben viele Bürger ihr Vermögen zu Hause liegen, weil sie den Banken misstrauen. Ein erheblicher Teil des türkischen Vermögens liegt seitdem unter der Matratze oder ist in Schmuck investiert. Es ist also unklar, wie hoch die Vermögen sind, die die Verschuldung abfedern könnten.