Bisher kamen die Spione meist aus dem Osten. Beim Mittelständler Rieder zum Beispiel fing alles ganz harmlos an: Ein Gast wollte das Unternehmen in Bayern besuchen. Er  behauptete, großes Interesse an den Spezialanfertigungen aus Faserbeton zu haben, die Rieder für die Hülle eines neuen WM-Stadions in Südafrika baute. Ein neuer, lukrativer Kunde?

Als die Mitarbeiter den Mann durch die Produktionsanlagen führten, lugte unter seiner Jacke ein eigenartiges Gerät hervor: eine Minikamera, die er an seinem Gürtel befestigt hatte. Rieder alarmierte die Polizei, der Fall kam im Dezember 2009 vor das Münchener Landgericht. Das Urteil: eineinhalb Jahre auf Bewährung und 80.000 Euro Entschädigung. Ein klassischer Fall von Wirtschaftsspionage.

In Deutschland ist unter anderem der Verfassungsschutz dafür zuständig, Späh-Angriffe auf Unternehmen abzuwehren. Der deutsche Inlandsgeheimdienst warnt die heimische Industrie schon seit Jahren vor gezielter Wirtschaftsspionage. "Hauptträger der Spionageaktivitäten gegen Deutschland sind derzeit die Russische Föderation und die Volksrepublik China", heißt es in einer Vorabversion des aktuellen Verfassungsschutzberichts.    

Wie agieren die westlichen Dienste?

Von den USA und Großbritannien dagegen schien keine Gefahr auszugehen, meinten zumindest die Verfassungsschützer. In einer Broschüre an deutsche Unternehmer heißt es: "Die Spionageabwehr geht – nach derzeitiger Erkenntnislage – davon aus, dass durch westliche Nachrichtendienste keine systematische Wirtschaftsspionage gegen die Bundesrepublik Deutschland durchgeführt wird." Jedem Verdacht werde jedoch nachgegangen.

Die Sachlage hat sich aber durch die Enthüllungen des früheren US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden schlagartig verändert. Von keiner offiziellen Stelle wurde bislang bestätigt, dass die USA per Internetüberwachung auch deutsche Unternehmen ausspionieren. Fachleute halten das aber für wahrscheinlich.

Die Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW) kooperiert mit dem Verfassungsschutz, um Unternehmen besser vor Spionage  zu schützen. Vorstand Ulrich Brehmer sagt: "Ausländische Nachrichtendienste haben vielfach den Auftrag, mit ihrer Tätigkeit gezielt die heimischen Unternehmen zu stärken."

Ähnlich äußert sich Christian Schaaf, Geschäftsführer der privaten Sicherheitsfirma Corporate Trust aus München, die deutsche Unternehmen beim Thema Spionageabwehr berät. Die Späh-Programme des US-Geheimdienstes NSA könnten dazu eingesetzt werden, sich ein umfassendes Bild von der Strategie deutscher Unternehmen zu machen, sagt er. 

Es genügten die Absender und Empfänger von E-Mails, Daten über Flug- oder Kontoverbindungen, um zurückzuverfolgen, welche Kunden ein Unternehmen hat, welche Zulieferer, welche Geschäftsbeziehungen. Wer diese Informationen über seinen Konkurrenten hat, könne sich leicht einen Vorteil im Markt verschaffen, sagt Schaaf. Bereits jetzt nutzen sogenannte Daten-Mineure in der Finanzindustrie diese Möglichkeit, damit Banken die Börsen-Performance von Unternehmen möglichst treffsicher voraussagen können.

Nach Aussage von Edward Snowden haben die NSA und der britische Geheimdienst GCHQ ähnliche Kommunikationsmuster erstellt. US-Präsident Barack Obama allerdings sagt, das diene vor allen Dingen dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Es ist schwierig, nachzuweisen, dass solche Informationen im Unternehmen abgeschöpft wurden, zumal die Geheimdienste dafür nicht einmal auf die lokale IT-Infrastruktur eines Unternehmens zugreifen müssen, sondern die Daten an zentralen Knotenpunkten des Internets abgreifen können. Auf den Computern in den betroffenen Firmen selbst hinterlässt das keine direkten Spuren.