Javier López Menacho

Als Erstes musst du dich bis auf die Unterhose ausziehen. Die Koordinatorin ist dabei immer anwesend. Wir lassen die Hosen runter, sie bleibt stehen. Es ist das Gefühl, das du als Kind hattest, wenn deine Mutter dich bedenkenlos vor den Augen einer ihrer Freundinnen auszog oder wenn du als Jugendlicher zum ersten Mal mit jemandem ins Bett gingst. Eine seltsame Mischung aus Scham und Schamlosigkeit. Zumindest sucht die Koordinatorin immer einen Fluchtpunkt, etwas, das ihre Aufmerksamkeit von unserer Misere ablenkt: Sie blickt auf ihr Handy, spricht mit verlorenem Blick oder dreht uns einfach den Rücken zu.

So verläuft es das erste Mal, bald ist es Routine. Dann reichen sie dir eine weiße, gepolsterte Hose, die aussieht wie die eines Astronauten, und du ziehst sie an. Das Unterhemd hat einen weiten Kragen und klebt auf der Haut. Etwas darunter zu tragen, sei eine Frage der Hygiene, insistiert die Koordinatorin. Sie weiß nicht oder will nicht wissen, wie heiß es unter diesem Kleidungsstück wird, wenn man es über ein zweites zieht. Zu dumm, dass ich mir zu Hause ein langärmliges Shirt angezogen habe. Nach zwei Minuten ist die Hitze unerträglich. Und noch steckst du nicht im Schokoriegel.

Du beugst dich vor und montierst die Schuhe. Gigantisch, einen Meter lang, sinnesfreudig und rot-weiss, sind sie der Form von Sportschuhen nachgeahmt. Mit Gummis werden deine nackten Füße im Inneren des Schuhs befestigt. Es bleibt Platz für zwei weitere Füße. Als ob sie dich unbeholfen machen wollten, abhängig.

"Wir haben keine Kosten gescheut"

Gekürzter Vorabdruck der Reportage Ich bin ein Precario aus dem Magazin Reportagen - ab 29. August im Buchhandel und an großen Kiosken erhältlich. Das Magazin ist ausschließlich auf Reportagen fokussiert.

Es ist das Vorspiel, bevor sie dich in die Schachtel stecken und in einen Schokoriegel verwandeln. Im Inneren ist es dunkel. Du musst dich an das Licht draußen gewöhnen und lernen, mit dem Harnisch umzugehen. Er ermöglicht es dir, das Ungetüm wie einen Rucksack anzuschnallen. Synthetische Bänder, verstärkt mit Schaumstoff, sollen deine Schultern schützen. Sehr rücksichtsvoll von den Herren Fabrikanten. "Wir haben keine Kosten gescheut", sagte man uns in der Agentur. An uns, die Maskottchen, haben sie leider nicht gedacht, nicht an das Gewicht der Montur und nicht an die Zeit, die wir in ihr verbringen werden. Vier oder acht Stunden ohne Pause, je nach Tag. Dein neuer Schokoriegel-Körper ist schwer wie der Rucksack, mit dem du als Bub ins Ferienlager gingst. Du rückst ihn zurecht und bittest jemanden, dir die Handschuhe anzuziehen.

Ende 2011 beschloss ich, nach Barcelona zu ziehen und Arbeit zu suchen. Trotz meines Studiums, dem Master und mehreren Weiterbildungen gelang es mir in meiner Heimatstadt Jerez nicht, eine feste Anstellung zu finden, und so hangelte ich mich von einer Arbeit zur nächsten, keine von ihnen bot Sicherheit, keine war von Dauer. Dann stieß ich auf eine Anzeige, in der für die Monate März und April Arbeit angeboten wurde als Maskottchen für die Promotion eines Schokoriegels. 

Ich reichte mein Curriculum ein und wurde ausgewählt. Die Werbeaktion würde durch verschiedene Einkaufszentren und Sportanlagen Barcelonas führen. Ich hatte wenig Lust auf diese Arbeit, aber die Umstände erlaubten es mir nicht, wählerisch zu sein. Die Miete musste pünktlich bezahlt werden, und meine Würde verbot es, mir noch mehr Geld zu borgen. Während dieser Zeit nahm ich als Hörer teil an einer Vorlesung über journalistische Reportagen. Also schrieb ich, kaum war ich abends zu Hause, die Erlebnisse als Schokoriegel-Maskottchen auf.