Microsoft ohne BallmerDer PC-Guy tritt ab

Microsoft-Chef Steve Ballmer hat seinen Rücktritt eingeleitet. Branchenkenner sind sich einig: Dem Konzern hätte nichts Besseres passieren können. von 

Der scheidende Microsoft-Chef Steve Ballmer

Der scheidende Microsoft-Chef Steve Ballmer  |  © Steffen Schmidt/EPA

Abschiedsschmerz sieht anders aus. Als der Softwarekonzern Microsoft am Freitag überraschend den baldigen Rücktritt seines Chefs Steve Ballmer ankündigte, schnellte der Aktienkurs des Unternehmens aus Seattle schon im vorbörslichen Handel um acht Prozent nach oben. Analysten zeigten sich ebenfalls wenig sentimental. "Ballmer hätte Microsoft schon vor acht Jahren verlassen sollen", schrieb Trip Chowdhry von der Investmentberatung Global Equities Research. "Die Zeiten haben sich geändert, jetzt braucht es jemand Neues", stimmte Analyst Zeus Kerravala ein.

Ballmer hatte es als Microsoft-Chef nie leicht. Nicht nur musste der in Harvard ausgebildete Mathematiker und Ökonom in die gewaltigen Fußstapfen von Firmengründer Bill Gates treten, dessen Name bis heute viel enger mit dem Konzern verknüpft ist. Auch übernahm der Manager seinen Posten, als der Stern von Microsoft zu verblassen begann. Einst unangefochtener Platzhirsch mit einem Marktanteil im Softwarebereich von nahezu 100 Prozent, verlor der Konzern zunehmend an Boden. Seit dem Start Ballmers vor 13 Jahren hat die Microsoft-Aktie fast 20 Prozent an Wert eingebüßt.

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Die Investoren sind deshalb schon seit Längerem nervös. Großaktionäre wie der kalifornische Hedgefonds Value Act haben in den vergangenen Wochen den Druck auf Ballmer und die Microsoft-Spitze erhöht und drängen auf Änderungen. Die Anleger werfen dem Chef vor, kein Rezept gefunden zu haben gegen die wachsende Übermacht der innovationsstarken Konkurrenz von Google, Amazon und Apple.

Sinkende PC-Verkäufe setzen Microsoft zu

Ballmers größtes Versäumnis: Der 57-Jährige gilt als ein "PC Guy", ein Typ der alten Computerära. Zu lange verließ sich Ballmer auf den Verkauf von Software für Personal Computer. Doch die Sparte schrumpft seit Jahren, zuletzt brachen die PC-Verkäufe branchenweit zweistellig ein. Aus der einstigen Geldmaschine Windows, über Jahrzehnte das Fundament des Erfolgs, wurde ein Sorgenkind. Die Verzweiflung zeigte sich im November, als Windows-Chef Steven Sinofsky mitten im größten Konzernumbau seit Jahren zurücktrat. Es war nur einer von zahlreichen Versuchen, das Unternehmen mit Umstrukturierungen zurück in die Spur zu bringen.

Chancen zum Neuanfang ließ Ballmer, ein enger Freund von Gates, der immer wieder schützend die Hand über ihn hielt, aus. Den Einstieg in das Geschäft mit Tabletcomputern etwa, längst das am schnellsten wachsende Segment der Branche, hat Ballmer schlicht verschlafen. Als Microsoft im vergangenen Jahr endlich sein Surface-Tablet vorlegte und mit Windows 8 auch eine ernstzunehmende Mobilplattform einführte, war es zu spät – trotz einer aggressiven Kampagne, die vor allem auf Apples iPad zielte, und einer ebenso aggressiven Preisstrategie. Die Verkaufszahlen für die Hoffnungsträger blieben weit hinter den Erwartungen zurück, der Marktanteil unter den Plattformen liegt bei vier Prozent. 900 Millionen Dollar musste der Konzern in der Folge abschreiben. "Wir haben ein paar mehr Geräte gebaut, als wir verkaufen konnten" sagte Ballmer im Juli kleinlaut.

Weitere Versuche, Innovationen vorzulegen, verpufften meist in den Forschungsabteilungen, nachdem sie Milliarden an Dollar verschlungen hatten. Auch in anderen Sparten wie dem Mobilfunkgeschäft und dem Cloud Computing werfen Beobachter dem Konzernchef Versäumnisse vor. Seine Fehleinschätzung zum iPhone verfolgt den Microsoft-Boss noch immer. "Das iPhone hat kein Potenzial, einen signifikanten Marktanteil zu gewinnen", hatte Ballmer 2007 gesagt.

Kein Respekt von Entwicklern und Ingenieuren

Doch der scheidende Chef hat auch Erfolge vorzuweisen. Im Geschäft mit Servern steht Microsoft besser da als zu Beginn von Ballmers Amtszeit. Auch bei den Suchmaschinen hält Microsoft sich mit Bing trotz der übermächtigen Konkurrenz von Google wacker. Und die Xbox ist eine der erfolgreichsten Spielkonsolen der vergangenen Jahre. Doch das allein reicht nicht. "Um an der Spitze eines Technologiekonzerns erfolgreich zu sein, müssen Sie sich als allererstes den Respekt von Software-Entwicklern und Ingenieuren erarbeiten", sagte Analyst Chowdhry. "Ballmer hat das in 15 Jahren nicht geschafft."

Fachleute hoffen, dass der Rücktritt Ballmers den Konzern endlich wachrüttelt. "Seine Ankündigung bringt alles auf den Tisch", schrieb Citi-Analyst Walter Pritchard. Vor allem die schlecht laufenden Sparten des Konzerns müssten sich jetzt "zusammenreißen", wollten sie nicht Gefahr laufen, ganz abgestoßen oder ausgegliedert zu werden. Wer auch immer Nachfolger von Ballmer werde, genieße große Freiheiten, tiefgreifende Änderungen vorzunehmen. Mit einer Einschränkung: Was bei Microsoft passiert, bestimmt auch Bill Gates, der weiter im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt.

Trendbewusster Insider gesucht

Zwar gibt es im Haus einige Kandidaten für die Nachfolge. Viele Experten sind aber der Meinung, Microsoft täte gut daran, Ballmers Nachfolger nicht aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Es sei höchste Zeit für einen vorwärts denkenden Chef, der die Trends erkenne, endlich vom schleppenden PC-Geschäft ablasse und sich nicht mit Verbrauchermarken wie Apple, sondern mit Firmen wie SAP und Oracle vergleiche.

Schnell war deshalb nach der Meldung von Ballmers Rückzug der Name Vic Gundotra im Gespräch. Der gebürtige Inder hatte Microsoft vor sechs Jahren verlassen, um zu Google zu wechseln. Dort ist er Chef-Ingenieur. Der 45-Jährige, meint Branchenkenner Chowdry, bringe die perfekte Mischung mit aus Insider-Wissen und frischer Perspektive. Auch AOL-Chef Tim Armstrong gilt als möglicher Kandidat, ebenso wie der Leiter des Bildungskonzerns Apollo Group, Gregory Cappelli.

Zwölf Monate bleiben dem Board für die Entscheidung, dann spätestens wechselt Ballmer in den Ruhestand. "Einen perfekten Moment für einen Führungswechsel gibt es nicht", schrieb er in der offiziellen Mitteilung. "Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt."


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Leserkommentare
  1. Und tschüss.

    Bitte tragen Sie inhaltlich und argumentativ zum Inhalt des Artikels bei. Weitere Kommentare dieser Art werden entfernt. Die Redaktion/mak

    7 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Die Redaktion/mak

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  2. 2. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/mak

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Dann ist das halt so."
  3. 3. Byebye

    Die Zeit des Microsoft-Monopols ist abgelaufen. Und das ist auch gut so.

    7 Leserempfehlungen
  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Dann ist das halt so."
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    ... Ihr armen Pharisäerlein, wie dauert Ihr mich.

  5. ... Lothar Matthäus sich schon ins Gespräch gebracht?

    7 Leserempfehlungen
  6. Innovation sieht anders aus. Microsoft hat sich vom IT-Motor zu einer IT-Bremse gewandelt. Microsoft stehen karge Zeiten bevor.

    Eine Leserempfehlung
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    Windows ist nicht einmal wirklich Gates Idee gewesen. Er hat dafür nie gezahlt, nun ist sein Erfindersklave illoyal geworden und seine Firma geht bald Pleite, weil Männer einfach zu psychopathisch sind, um selber gute Erfindungen zu machen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/mak

  7. Personal Computing, war schön mit dir.

    Willkommen bunte Obenflächen und app-gesteuerte Unmündigkeit.

    Jedes Zeitalter bekommt was es verdient.

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    • Gerry10
    • 23. August 2013 23:06 Uhr

    PCs verkaufen sich nicht mehr so gut weil es heute einfach ist die Teile die veraltert sind zu ersetzen.
    Die stehen praktisch schon überall, deshalb verkaufen sich weniger.
    Den PC wird's noch in 20 Jahren geben...

  8. Windows ist nicht einmal wirklich Gates Idee gewesen. Er hat dafür nie gezahlt, nun ist sein Erfindersklave illoyal geworden und seine Firma geht bald Pleite, weil Männer einfach zu psychopathisch sind, um selber gute Erfindungen zu machen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/mak

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Steve Ballmer | Bill Gates | Google | Apple | SAP | Amazon
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