FukushimaJapans Regierung will Tepco demontieren

Premier Abe und seine Minister kritisieren den Betreiber von Fukushima auf ungewöhnlich harsche Weise. Der Zeitpunkt der öffentlichen Demontage ist geschickt gewählt. von 

Japans Wirtschaftsminister Toshimitsu Motegi (links) Anfang August während eines Treffens mit Mitgliedern einer Kommission, die entscheiden soll, wie gegen die Lecks in Fukushima vorgegangen wird.

Japans Wirtschaftsminister Toshimitsu Motegi (links) Anfang August während eines Treffens mit Mitgliedern einer Kommission, die entscheiden soll, wie gegen die Lecks in Fukushima vorgegangen wird.   |  © Issei Kato/Reuters

Die schlechten Nachrichten aus Fukushima reißen nicht ab. Gerade hat die Aufsichtsbehörde ein Leck, durch das rund 300 Tonnen verseuchten Wassers aus dem Kraftwerk strömten, als "ernsten Zwischenfall" eingestuft. Anfang des Monats hatten offizielle Quellen sogar erklärt, eine ähnliche Menge radioaktiven Wassers sei täglich in den Pazifischen Ozean gelangt. Schon seit dem Reaktorunfall im März 2011 ströme Wasser aus, wenngleich nicht klar sei, wie lange die Lecks schon derart groß sind.

Jetzt erhöht Japans Regierung den Druck auf den Kraftwerksbetreiber. Sie kündigte an, künftig aktiv ins Katastrophenmanagement einzugreifen. Wirtschaftsminister Toshimitsu Motegi sagte am Dienstag auf einer Pressekonferenz: "Das Problem mit dem Wasser wird sich nicht lösen, wenn wir es Tepco überlassen." Nun wolle die Regierung personell und finanziell "eine aktive Rolle einnehmen". Der Minister warf Tepco auch mangelnde Sorgfalt vor. Wäre die Firma vorsichtiger gewesen, hätte das jüngste Leck vermieden werden können, sagte er.

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Diverse Zwischenfälle haben schon vor den jüngsten Meldungen gezeigt: Tepco hat die Lage in Fukushima nicht im Griff. Japans Regierung hat das allerdings erst vor drei Wochen eingeräumt. Anfang August erklärte Premierminister Shinzo Abe die Verschmutzung des Wassers zum "dringenden Thema". Der Vorsitzende der Atomregulierungsbehörde, Shinji Kinjo, setzte dann noch einen drauf: Im Hause Tepco bestehe "wenig Bewusstsein" für das Ausmaß der Katastrophe.

Viele Beobachter erklären die späte Einsicht mit Fahrlässigkeit, sowohl seitens der Regierung als auch von Tepco selbst. Schließlich behauptet etwa Tepco-Chef Naomi Hirose, einige seiner Mitarbeiter hätten schon lange von den Lecks gewusst – aber leider die Führungsetage nicht informiert. Viele hochrangige Politiker erklären nun öffentlich, wie sehr sie von den jüngsten Enthüllungen seit Ende Juli überrascht seien.

Informieren erst nach der Wahl

Doch so richtig glaubwürdig ist das alles nicht. Ende Juli gestand Tepco erstmals, dass unterhalb der havarierten Reaktoren verseuchtes Wasser in den Ozean fließt. Das Management des Unternehmens beteuerte, erst am 18. Juli darüber informiert worden zu sein. Ehe man aber die Öffentlichkeit in Kenntnis setzte, wartete man noch einige Tage. Ausgerechnet direkt nach der Oberhauswahl am 21. Juli meldete Tepco das Problem.

"Dass all diese Informationen erst so spät rauskommen, ist kein Zufall", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Majia Nadesan. Die US-Amerikanerin ist Professorin an der Arizona State University und veröffentlichte vor Kurzem ein Buch zu Fukushima, das auch die Krisenkommunikation diskutiert. "Man macht dort so viel falsch", sagt Nadesan. "Jedes Krisenmanagement-Lehrbuch empfiehlt, die Risiken immer als genauso schlimm darzustellen, wie man sie selbst ehrlich einschätzt." Nur so könne man das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen.

Tepco hingegen hat die Lage in Fukushima immer verharmlost. Ende vergangenen Jahres erklärte das Unternehmen sogar, es habe schon vor dem Reaktorunfall gewusst, dass die Sicherheit des Kraftwerks nicht auf der Höhe war. Man habe aber nichts unternehmen wollen, um Unruhe in der Bevölkerung zu vermeiden.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

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    2 Leserempfehlungen
  2. Man glaubt es nicht, aus wahltaktischen Gründen, wird atomar verseuchtes Wasser ins Meer geleitet, bzw. nichts dagegen unternommen.
    Leute merkt ihr überhaupt noch irgendwas? Wenn ihr so weiter macht, gibt es bald kein Volk mehr, das euch wählen könnte.
    Da fällt mir kein passender Begriff, für diese Leute mehr ein, bzw. eine ganze Reihe, die aber zur Löschung meines Beitrags führen würden.

    5 Leserempfehlungen
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    und dann spielen die Gefährdung der Menschen und die unentwegte Verseuchung der Umwelt keine Rolle, wenn man sie geschickt vertuschen kann.

    Die Tragik ist leider, dass die breiten Wählerschichten die Taktik und wahren Ziele derer, die sie an die Macht wählten, nie durchschauen werden. So setzt jetzt die neugewählte Regierung im Gegensatz zur abgewählten wieder auf den Bau neuer Atomkraftwerke, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung eigentlich gegen die Kernrenergie eingestellt ist.

    Das Drama um Fukushima wird aber weitergehen und das verseuchte Wasser wird mehr und mehr. Wer soll denn das eines Tages entsorgen? Die Lösung bietet am Ende auch hier wieder das Meer für eine strahlende Zukunft.

  3. und dann spielen die Gefährdung der Menschen und die unentwegte Verseuchung der Umwelt keine Rolle, wenn man sie geschickt vertuschen kann.

    Die Tragik ist leider, dass die breiten Wählerschichten die Taktik und wahren Ziele derer, die sie an die Macht wählten, nie durchschauen werden. So setzt jetzt die neugewählte Regierung im Gegensatz zur abgewählten wieder auf den Bau neuer Atomkraftwerke, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung eigentlich gegen die Kernrenergie eingestellt ist.

    Das Drama um Fukushima wird aber weitergehen und das verseuchte Wasser wird mehr und mehr. Wer soll denn das eines Tages entsorgen? Die Lösung bietet am Ende auch hier wieder das Meer für eine strahlende Zukunft.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wahlen überalles?"
  4. sind halt kein Pappenstiel und es wird dauern bis die Probleme alle erkannt und Wege zur Beseitigung gefunden sind. Gut Ding will Weile haben und ich persönlich gehe davon aus, daß alle technisch Beteiligten ihr Bestes geben um die Probleme im Griff zu halten. Ebenso gehe ich davon aus, daß Politiker, Ideologen und Finanzleute ihren jeweiligen Vorteil zu ergattern suchen. Deswegen wird TEPCO jetzt zum Buhmann aufgebaut. Da sind sich Politiker und Ideologen ausnahmsweise einig. Zur technischen Problemlösung wird das nichts beitragen.aber Hauptsache man ist in der Presse präsent.

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    Können Menschen AKWs sicher betreiben?
    Die Frage möchte sich eigentlich kaum einer ernsthaft stellen. Zwei Lager haben reflexartige antworten:
    "Natürlich" (und diese Natürlichkeit ist beiden Lagern gemein) "ja/nein"

    Aber wir Menschen haben immer mit dem Menschlichen Fehler zu kämpfen (Harrisburg, Tschernobyl) und wir werden immer wieder Naturgewalten unterschätzen (Fukushima).

    Es wird auch ein linkes Lager geben, welches reflexartig nach Verstaatlichung schreien wird - dann wäre ja alles gut gewesen. Nur muss man dafür Die Tetscha und Tschernobyl ignorieren.

    Fakt ist: in verschieden technologisierten Staaten sind Unfälle in Staats- und Privatbetrieben vorgekommen und sie werden aller Voraussicht nach wieder vorkommen, da die Sicherheitsbestimmungen weltweit nicht wesentlich verschärft wurden und schon gar nicht irgend was für die Kontrolle dieser Regeln getan wurde.

  5. Können Menschen AKWs sicher betreiben?
    Die Frage möchte sich eigentlich kaum einer ernsthaft stellen. Zwei Lager haben reflexartige antworten:
    "Natürlich" (und diese Natürlichkeit ist beiden Lagern gemein) "ja/nein"

    Aber wir Menschen haben immer mit dem Menschlichen Fehler zu kämpfen (Harrisburg, Tschernobyl) und wir werden immer wieder Naturgewalten unterschätzen (Fukushima).

    Es wird auch ein linkes Lager geben, welches reflexartig nach Verstaatlichung schreien wird - dann wäre ja alles gut gewesen. Nur muss man dafür Die Tetscha und Tschernobyl ignorieren.

    Fakt ist: in verschieden technologisierten Staaten sind Unfälle in Staats- und Privatbetrieben vorgekommen und sie werden aller Voraussicht nach wieder vorkommen, da die Sicherheitsbestimmungen weltweit nicht wesentlich verschärft wurden und schon gar nicht irgend was für die Kontrolle dieser Regeln getan wurde.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "4 ruinierte AKW"
  6. Die japanische Regierung will Tepco demontieren? Lächerlich. Sollen sie zuerst mal die kaputten Reaktoren demontieren.

    Aber das geht vermutlich nicht, weil dort das nukleare Feuer noch immer brennt. Keiner will es uns verraten.

    Eine Leserempfehlung
  7. "Nachdem sie mittlerweile Mehrheitseigentümer ist.." Die Gewinne, die jahrelang mit dieser Bude gemacht worden sind, beiben unangetastet. Soe geht Kapitalismus. Bei der britischen Bahnwar es ebenso. ein bewährtes immer wiederholbares Strickmuster. Der Steuerzahler zahlt!

    Eine Leserempfehlung
  8. die Folgekosten des TEPCO-AKW wird der japanische Steuerzahler tragen und auch andere japanische Branchen, falls diese davon real oder in den Empfindungen der Kunden betroffen sind.

    Eigentlich müßte ein riesiges Fukushima-Endlager unterirdisch aufgebaut werden und "Stückchen für Stückchen" Fukushima abgebaut und in eine Art Castorbehälter eingeschlossen und engelagert werden. Dafür müssen sehr viele Castorbehälter gebaut werden und ein entsprechend groß dimensioniertes Endlager. Das kostet sicher große Summen ein solches dauerhaft begehbares Lager zu schaffen. Noch entscheidet Japan allerdings die Ruine am Ozean einfach so dahinstrahlen zu lassen - mit allen damit verbundenen Nachteilen.

    Das es überhaupt solche Endlager nicht noch nicht gibt, zeigt (a) die Naivität der Politiker und (b) eine gewisse Ignoranz.

    In Deutschland sind Granitformationen in Bayern sicher gut geeignet. Bayern wird es aber lieber sehen, wenn es irgendwo in Niedersachsen/Norddeutschland entgelagert werden kann. Wer in "Salzformationen" dauerhaft Atommüll einlagern will, hat sowieso den Knall nicht vernommen. Aber Bayern wird unausgesprochen sagen,dass die Jahre Atomstrom in Bayern gerne genommen wurden, aber der ganze Mist doch bitte schön woanders verbuddelt werden soll ...

    Fukushima kommt um einen Abbruch nicht herum; Deutschland kann hier mit Castorbehältern und Lizenzen helfen.

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  • Schlagworte Shinzo Abe | Regierung | Atomenergie | Atomindustrie | Fukushima | Japan
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