Das Ergebnis dieser Studie stimmt optimistisch: Die genetischen Grundlagen für den Altruismus könnten trotz evolutionären Drucks vererbt werden. Sollten wir also nicht versuchen, unsere gesamte Gesellschaft am Homo Socialis auszurichten?

Doch so einfach ist es nicht. Dafür bräuchten wir nicht nur die richtige genetische Anlage, sondern auch die richtigen institutionellen und kulturellen Umstände. Nun lehrt uns aber die Geschichte, dass genau diese Umstände erschreckend schnell zusammenbrechen können. Scheinbar stabile, kooperative Gesellschaften entarten innerhalb von wenigen Jahren in brutales Chaos. Wie im ehemaligen Jugoslawien oder im heutigen Syrien können sich Nachbarn, die sich gestern noch auf unzählige kleine Weisen behilflich waren, morgen schon auf das Brutalste bekämpfen.

Der Homo Oeconomicus lässt sich nicht verteufeln

In guten Zeiten mag sich der Altruismus schnell verbreiten. Aber genauso schnell kann in schlechten Zeiten der Homo Socialis zum Homo Oeconomicus verkommen. Jeder kennt das von sich selbst: Sehen wir im Fernsehen die Bilder eines furchtbaren Unglücks, spenden wir oft vorbehaltlos gerne Geld. Eine Viertelstunde später, beim Einkaufen, fahnden wir dagegen kompromisslos nach Schnäppchen.

Das muss noch nicht einmal problematisch sein. Denn es gibt zwar viele Bereiche unseres Lebens, in denen Selbstlosigkeit dem Gemeinwohl zugute kommt. Zugleich aber dient – innerhalb bestimmter Schranken – das Profitdenken dem wirtschaftlichen Fortschritt.

Den Homo Oeconomicus prinzipiell zu verteufeln, greift also zu kurz. Aber unsere Zukunft hängt davon ab, ob wir etwa im Kampf gegen die Erderwärmung oder bei Fragen der kollektiven Sicherheit die kulturellen und institutionellen Voraussetzungen zur Kooperation schaffen und erhalten. Und hier genau brauchen wir den Homo Socialis.