Immer mehr Menschen wandern von den armen osteuropäischen Ländern Rumänien und Bulgarien nach Deutschland aus. In der Öffentlichkeit wird dies oft als Problem und teilweise sogar als Gefahr gesehen.

Viele Menschen glauben, die Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien seien schwerer als andere Ausländergruppen in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft zu integrieren. Zudem würden die öffentlichen Finanzen durch den Bezug von Sozialleistungen belastet. Die Medien haben dieses Bild aufgegriffen und zahlreiche Beispiele für diese Form der Armutszuwanderung in einigen Großstädten gefunden.

Tatsächlich gehören Bulgarien und Rumänien zu den ärmsten EU-Staaten: Nach Schätzungen von Eurostat beläuft sich das Pro-Kopf-Einkommen auf 39 Prozent des deutschen Niveaus. Zum Vergleich: Die Länder der ersten EU-Osterweiterung erreichen immerhin noch 58 Prozent.

Diese großen Einkommensunterschiede führen natürlich auch zu einer höheren Zuwanderung: Während rund fünf Prozent der Bevölkerung aus Polen und den anderen Ländern der ersten Osterweiterungsrunde in den alten EU-Mitgliedsstaaten leben, so sind es mehr als zehn Prozent aus Bulgarien und Rumänien. Davon leben mehr als zwei Millionen Menschen in Italien und Spanien. Seit sich die wirtschaftlichen Bedingungen dort stark verschlechtert haben, nimmt die Zuwanderung nach Deutschland zu.

Die Frage ist nun, ob diese Zuwanderung ein finanzielles und soziales Problem für Deutschland darstellt. Ein einfacher Blick in die Statistik reicht, um die Frage zu beantworten: Ende 2012 waren 9,6 Prozent der in Deutschland lebenden Bulgaren und Rumänen arbeitslos. Die Quote liegt damit nur leicht über dem gesamtdeutschen Schnitt (7,4 Prozent) und weit unter der Arbeitslosenquote für alle in Deutschland lebende Ausländer (16,4 Prozent). Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man sich die Zahlen der Leistungsbezieher anschaut. So haben Ende des Jahres 9,3 Prozent der Bulgaren und Rumänen ganz oder teilweise Hartz IV oder andere Sozialleistungen erhalten. Für alle in Deutschland lebenden Ausländer liegt die Quote bei 16,4 Prozent und für ganz Deutschland bei 7,4 Prozent.

Gemessen an diesen Zahlen gehören die Bulgaren und Rumänen gegenwärtig zu den am besten integrierten Ausländergruppen in Deutschland, besser als etwa die Bevölkerung aus den südeuropäischen Ländern oder den Ländern der ersten Osterweiterungsrunde. Das kann sich natürlich ändern, die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien ist noch sehr jung.

Aber warum ergibt sich eine solche Diskrepanz zwischen dem Bild, das in der Öffentlichkeit herrscht und der nationalen Statistik?  Ein Antwort darauf liegt womöglich in den regionalen Differenzen: Die Arbeitslosenquoten der Bulgaren und Rumänen reichen von 5,6 Prozent in Stuttgart und 6,7 Prozent in München bis zu knapp 27 Prozent in Duisburg und knapp 25 Prozent in Berlin. Der Anteil der Hartz-Empfänger unter den Bulgaren und Rumänen beläuft sich in den süddeutschen Kommunen Stuttgart und München auf 5,2 und 5,6 Prozent, in Berlin auf knapp 20 Prozent und in Köln auf 15 Prozent.

Hinzu kommen Leistungen, die von der offiziellen Statistik nicht oder noch nicht erfasst werden: Die Unterbringung von Wohnsitzlosen oder die Kosten von akuten Erkrankungen bei Personen ohne Krankenversicherung. Ein Teil dieser Personen ist in Deutschland gar nicht gemeldet. Insofern sind die Phänomene, die in den Medien und in der Öffentlichkeit diskutiert werden, Teil der Realität in Deutschland.

Es wäre jedoch falsch, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass der Sozialstaat und die öffentlichen Finanzen durch die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien insgesamt belastet werden. Das Gegenteil ist richtig.

Generell beziehen Ausländer und Personen mit Migrationshintergrund mehr staatliche Unterstützung. Aber der Staat spart Bildungsausgaben, vor allem aber profitiert die Rentenversicherung. Das liegt an der günstigen Altersstruktur der Zuwanderer. Sie zahlen in die umlagefinanzierte Rentenversicherung ein, der Anteil der Rentenbezieher ist aber verschwindend gering. Natürlich erwerben auch Migranten Rentenansprüche. Sie zahlen jedoch über ihr Leben gerechnet mehr ein als sie am Ende herausbekommen.

Der Beitrag zur Rentenversicherung ist erheblich und übersteigt die Ausgaben für Sozialleistungen deutlich. Die Bilanz fällt umso positiver aus, je besser die Zuwanderer qualifiziert sind und je besser sie in den Arbeitsmarkt integriert sind. Gegenwärtig dürften wir von der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien erheblich profitieren, weil die Arbeitslosen- und Leistungsbezieherquote nur unwesentlich höher als im Bevölkerungsdurchschnitt ist.

Das heißt nicht, dass alle öffentlichen Körperschaften gleichermaßen gewinnen. Die Erträge und Lasten sind vielmehr ungleich verteilt. Die Kommunen gehören eher zu den Verlierern, da sie für die Grundsicherung aufkommen. Die Rentenversicherung gehört demgegenüber zu den Gewinnern.

Insgesamt gilt jedoch: Wir müssen das herrschende Bild, bei der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien handele es sich überwiegend um eine Armutszuwanderung, korrigieren. Eine solche Korrektur ist auch deshalb notwendig, um die Bevölkerung aus diesen Ländern nicht ungerechtfertigt zu stigmatisieren. Damit werden die Integrationsprobleme nicht kleiner, sondern größer.