ZEIT ONLINE: Herr O'Neill, Sie haben vor zwölf Jahren den Begriff der BRIC-Staaten erfunden. Es sollten die Boom-Staaten der Zukunft sein: Brasilien, Russland, Indien und China. Später kam noch Südafrika hinzu ...

Jim O' Neill: Ich habe Südafrika nicht hinzugefügt, das haben andere getan. Südafrika ist viel zu klein. Sein Bruttoinlandsprodukt beträgt nur 400 Milliarden Dollar im Jahr. Selbst Indien, das kleinste der BRIC-Länder, erwirtschaftet fast fünfmal so viel. Meine Definition der BRIC-Staaten basiert auf der Größe der Volkswirtschaften.

ZEIT ONLINE: Sie sagten vor allem voraus, dass die BRICs viel schneller wachsen würden als andere Länder. Heute sieht es gar nicht mehr danach aus. In Brasilien gehen die Leute auf die Straße, in China bremst die Regierung das Wachstum. Sind Sie von Ihrer Erfindung enttäuscht?

O'Neill: Nein. Vielleicht sind die Leute enttäuscht, die Unrealistisches erwartet haben. In den ersten zehn Jahren, nachdem das Label der BRICs geschaffen wurde, wuchsen sie sogar schneller, als ich es erwartet hatte. Manche Leute dachten, das würde ewig so weitergehen. Das scheint mir naiv. Wir sind immer davon ausgegangen, dass sich das Wachstum eines Tages verlangsamen würde.

Und obwohl das für den Durchschnitt aller BRICs auch stimmt, muss man sagen, dass zumindest China alle Erwartungen übertrifft. Die chinesische Volkswirtschaft ist so groß wie die drei anderen zusammen. Und sie wächst sehr schnell. Ich hatte für die laufende Dekade ein Wachstum von 7,5 Prozent gerechnet, und bisher wächst China mit 8,5 Prozent. Brasilien und Indien allerdings hätten besser abschneiden müssen.

ZEIT ONLINE: Was hat Brasilien falsch gemacht? Warum hat es das Land nicht geschafft, die Wachstumsgewinne besser zu verteilen?

Die Proteste kamen daher, dass Brasilien so erfolgreich war

O'Neill: Dass die Menschen ausgerechnet in Brasilien auf die Straßen gehen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn gerade in Brasilien ist es der Politik lange Zeit viel besser gelungen als in Russland, China oder Indien, die Wachstumsgewinne gleichmäßig zu verteilen. Ich glaube, die Proteste kamen genau daher, dass Brasilien in der vorigen Dekade so erfolgreich war. Dann hat sich das Wachstum abgeschwächt. Das ist schmerzhaft.

Die Botschaft der Demonstrationen war aus meiner Sicht: Die Menschen sind zufrieden mit der wirtschaftlichen Entwicklung, sie wollen weiteres Wachstum – und sie wollen, dass das Geld nicht für die persönlichen Lieblingsprojekte der Politiker ausgegeben wird.

ZEIT ONLINE: Was müsste Brasilien tun, um weiter zu wachsen?

O'Neill: Brasilien hängt, ähnlich wie Russland, zu sehr von Rohstoffen ab. Außerdem braucht das Land mehr private Investitionen. Um sie anzuziehen, sollte die Regierung die Rolle des Staates in der Wirtschaft reduzieren und mehr Wettbewerb erlauben, auch auf dem Arbeitsmarkt. 

Die indische Demokratie ist zu kompliziert

ZEIT ONLINE: Was ist mit Indien, Ihrer anderen Enttäuschung?

O'Neill: In Indien ist die Lage am verwirrendsten. In den vergangenen Jahren war die indische Entwicklung definitiv die, die mich am meisten enttäuscht hat. Man könnte sagen: Die indische Demokratie ist zu kompliziert. So kann die Politik einfach keine Entscheidungen treffen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das konkret?

O'Neill: Die Zentralregierung hat beispielsweise seit Jahren versucht, mehr ausländische Investitionen ins Land zu locken, vor allem im Einzelhandel und im Bankgewerbe. Aber die politischen Koalitionen sind so komplex, dass sie ihr Vorhaben aufgeben musste. Gemessen an Indien arbeiten sogar deutsche Koalitionen sehr erfolgreich. Indien bräuchte andere Bündnisse. Wenn die Politik dort zu keiner Einigung kommt, wird das Land es sehr schwer haben, die Erwartungen zu erfüllen. Das ist sehr frustrierend, denn gerade Indien hat wegen seiner sehr jungen Bevölkerung ein großes Potenzial.

ZEIT ONLINE: Bleibt – neben der Erfolgsgeschichte Chinas – noch Russland.

O'Neill: Russland hängt zu sehr von Rohstoffen ab, und es wird zu zentralistisch und diktatorisch regiert. Unternehmen haben dort kaum Spielraum. Seit 2008 scheuen Investoren das Land. Damals wurde Yukos enteignet. Seither haben die Finanzmärkte und die ausländischen Unternehmen ihr Vertrauen in Russland verloren.

China muss den Status der Wanderarbeiter überdenken

ZEIT ONLINE: China macht alles richtig?

O'Neill: So gut wie. Ich habe nur zwei Ratschläge für China: Die Regierung sollte ihre Konsolidierungspolitik fortsetzen. Und sie sollte den Status von Wanderarbeitern überdenken. In Zukunft muss es völlig normal sein, dass Menschen in die Städte ziehen, die dort nicht geboren sind. Um weiter zu wachsen, braucht China in Zukunft mehr Konsumenten.

ZEIT ONLINE: China erwirtschaftet im Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von 8,2 Billionen Dollar, ungefähr viermal so viel wie Indien. Gründen Sie nach den BRICs nun bald einen neuen Klub nur für China?

O'Neill: China ist wirklich ein Sonderfall. Es hat im Moment als einziges BRIC-Land das Potenzial, die USA und die EU als Wirtschaftsweltmacht abzulösen. Indien hätte dieses Potenzial im Prinzip auch. Aber Indien schafft es nicht, seine Möglichkeiten zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn die Schwellenländer zuletzt langsamer gewachsen sind als erwartet, so verschiebt sich die wirtschaftliche Macht auf der Welt doch, weg von Europa und den USA. Was müssten wir tun, um darauf zu reagieren?

O'Neill: Darüber schreibe ich gerade ein ganzes Buchkapitel. Kurz gesagt: Die globalen Institutionen müssen sich verändern. Die Industriestaaten müssen den Schwellenländern mehr Raum einräumen. Es ist doch aberwitzig, dass mehrere europäische Länder im Gremium der G 8 mitreden, aber die Schwellenländer – bis auf Russland – keine Stimme haben.

Die Menschen in den Industrieländern müssen offener für den Wandel werden. Deutschland ist das ganz gut gelungen. In der nächsten Dekade wird sich alles darum drehen, wer die Konsumenten in den aufstrebenden Ländern mit Waren versorgt, denn die Leute dort werden immer wohlhabender. Die USA sind als Exportwirtschaft ein wenig besser aufgestellt als Europa.