Schwellenländer"China braucht mehr Konsumenten"

Jim O'Neill hat 2001 den Begriff der BRIC-Staaten erfunden. Von der Euphorie für die Schwellenländer ist nicht viel übrig. Im Interview sagt O'Neill, was falsch lief. von 

Chinesische Konsumenten auf einer Messe für klimafreundliche Fahrzeuge. Der Elektro-Kleinstwagen wird von einer chinesischen Firma hergestellt.

Chinesische Konsumenten auf einer Messe für klimafreundliche Fahrzeuge. Der Elektro-Kleinstwagen wird von einer chinesischen Firma hergestellt.  |  © Mark Ralston/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr O'Neill, Sie haben vor zwölf Jahren den Begriff der BRIC-Staaten erfunden. Es sollten die Boom-Staaten der Zukunft sein: Brasilien, Russland, Indien und China. Später kam noch Südafrika hinzu ...

Jim O' Neill: Ich habe Südafrika nicht hinzugefügt, das haben andere getan. Südafrika ist viel zu klein. Sein Bruttoinlandsprodukt beträgt nur 400 Milliarden Dollar im Jahr. Selbst Indien, das kleinste der BRIC-Länder, erwirtschaftet fast fünfmal so viel. Meine Definition der BRIC-Staaten basiert auf der Größe der Volkswirtschaften.

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ZEIT ONLINE: Sie sagten vor allem voraus, dass die BRICs viel schneller wachsen würden als andere Länder. Heute sieht es gar nicht mehr danach aus. In Brasilien gehen die Leute auf die Straße, in China bremst die Regierung das Wachstum. Sind Sie von Ihrer Erfindung enttäuscht?

Jim O'Neill

Der scheidende Chef von Goldman Sachs Asset Management hat den Begriff der BRIC-Staaten geprägt. Kritiker werfen ihm vor, das Etikett der BRICs sei vor allem eine Masche gewesen, mit deren Hilfe Goldman Sachs seine Anlageprodukte verkaufen konnte. Dennoch gilt O'Neill unter Ökonomen als einer der besten Kenner der Entwicklungs- und Schwellenländer.

O'Neill: Nein. Vielleicht sind die Leute enttäuscht, die Unrealistisches erwartet haben. In den ersten zehn Jahren, nachdem das Label der BRICs geschaffen wurde, wuchsen sie sogar schneller, als ich es erwartet hatte. Manche Leute dachten, das würde ewig so weitergehen. Das scheint mir naiv. Wir sind immer davon ausgegangen, dass sich das Wachstum eines Tages verlangsamen würde.

Und obwohl das für den Durchschnitt aller BRICs auch stimmt, muss man sagen, dass zumindest China alle Erwartungen übertrifft. Die chinesische Volkswirtschaft ist so groß wie die drei anderen zusammen. Und sie wächst sehr schnell. Ich hatte für die laufende Dekade ein Wachstum von 7,5 Prozent gerechnet, und bisher wächst China mit 8,5 Prozent. Brasilien und Indien allerdings hätten besser abschneiden müssen.

ZEIT ONLINE: Was hat Brasilien falsch gemacht? Warum hat es das Land nicht geschafft, die Wachstumsgewinne besser zu verteilen?

Die Proteste kamen daher, dass Brasilien so erfolgreich war

O'Neill: Dass die Menschen ausgerechnet in Brasilien auf die Straßen gehen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn gerade in Brasilien ist es der Politik lange Zeit viel besser gelungen als in Russland, China oder Indien, die Wachstumsgewinne gleichmäßig zu verteilen. Ich glaube, die Proteste kamen genau daher, dass Brasilien in der vorigen Dekade so erfolgreich war. Dann hat sich das Wachstum abgeschwächt. Das ist schmerzhaft.

Die Botschaft der Demonstrationen war aus meiner Sicht: Die Menschen sind zufrieden mit der wirtschaftlichen Entwicklung, sie wollen weiteres Wachstum – und sie wollen, dass das Geld nicht für die persönlichen Lieblingsprojekte der Politiker ausgegeben wird.

ZEIT ONLINE: Was müsste Brasilien tun, um weiter zu wachsen?

O'Neill: Brasilien hängt, ähnlich wie Russland, zu sehr von Rohstoffen ab. Außerdem braucht das Land mehr private Investitionen. Um sie anzuziehen, sollte die Regierung die Rolle des Staates in der Wirtschaft reduzieren und mehr Wettbewerb erlauben, auch auf dem Arbeitsmarkt. 

Die indische Demokratie ist zu kompliziert

ZEIT ONLINE: Was ist mit Indien, Ihrer anderen Enttäuschung?

O'Neill: In Indien ist die Lage am verwirrendsten. In den vergangenen Jahren war die indische Entwicklung definitiv die, die mich am meisten enttäuscht hat. Man könnte sagen: Die indische Demokratie ist zu kompliziert. So kann die Politik einfach keine Entscheidungen treffen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das konkret?

O'Neill: Die Zentralregierung hat beispielsweise seit Jahren versucht, mehr ausländische Investitionen ins Land zu locken, vor allem im Einzelhandel und im Bankgewerbe. Aber die politischen Koalitionen sind so komplex, dass sie ihr Vorhaben aufgeben musste. Gemessen an Indien arbeiten sogar deutsche Koalitionen sehr erfolgreich. Indien bräuchte andere Bündnisse. Wenn die Politik dort zu keiner Einigung kommt, wird das Land es sehr schwer haben, die Erwartungen zu erfüllen. Das ist sehr frustrierend, denn gerade Indien hat wegen seiner sehr jungen Bevölkerung ein großes Potenzial.

ZEIT ONLINE: Bleibt – neben der Erfolgsgeschichte Chinas – noch Russland.

O'Neill: Russland hängt zu sehr von Rohstoffen ab, und es wird zu zentralistisch und diktatorisch regiert. Unternehmen haben dort kaum Spielraum. Seit 2008 scheuen Investoren das Land. Damals wurde Yukos enteignet. Seither haben die Finanzmärkte und die ausländischen Unternehmen ihr Vertrauen in Russland verloren.

China muss den Status der Wanderarbeiter überdenken

ZEIT ONLINE: China macht alles richtig?

O'Neill: So gut wie. Ich habe nur zwei Ratschläge für China: Die Regierung sollte ihre Konsolidierungspolitik fortsetzen. Und sie sollte den Status von Wanderarbeitern überdenken. In Zukunft muss es völlig normal sein, dass Menschen in die Städte ziehen, die dort nicht geboren sind. Um weiter zu wachsen, braucht China in Zukunft mehr Konsumenten.

ZEIT ONLINE: China erwirtschaftet im Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von 8,2 Billionen Dollar, ungefähr viermal so viel wie Indien. Gründen Sie nach den BRICs nun bald einen neuen Klub nur für China?

O'Neill: China ist wirklich ein Sonderfall. Es hat im Moment als einziges BRIC-Land das Potenzial, die USA und die EU als Wirtschaftsweltmacht abzulösen. Indien hätte dieses Potenzial im Prinzip auch. Aber Indien schafft es nicht, seine Möglichkeiten zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn die Schwellenländer zuletzt langsamer gewachsen sind als erwartet, so verschiebt sich die wirtschaftliche Macht auf der Welt doch, weg von Europa und den USA. Was müssten wir tun, um darauf zu reagieren?

O'Neill: Darüber schreibe ich gerade ein ganzes Buchkapitel. Kurz gesagt: Die globalen Institutionen müssen sich verändern. Die Industriestaaten müssen den Schwellenländern mehr Raum einräumen. Es ist doch aberwitzig, dass mehrere europäische Länder im Gremium der G 8 mitreden, aber die Schwellenländer – bis auf Russland – keine Stimme haben.

Die Menschen in den Industrieländern müssen offener für den Wandel werden. Deutschland ist das ganz gut gelungen. In der nächsten Dekade wird sich alles darum drehen, wer die Konsumenten in den aufstrebenden Ländern mit Waren versorgt, denn die Leute dort werden immer wohlhabender. Die USA sind als Exportwirtschaft ein wenig besser aufgestellt als Europa.

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Leserkommentare
    • rexi
    • 21. August 2013 7:13 Uhr

    "Denn gerade in Brasilien ist es der Politik lange Zeit viel besser gelungen als in Russland, China oder Indien, die Wachstumsgewinne gleichmäßig zu verteilen."

    Legt man einen Koeffizienten zu Grunde den ein Kollege von Herrn O'Neill, nämlich Herr Gini, erfunden hat, so darf weiterhin behauptet werden dass Brasilien einer der Spitzenreiter bei der globalen Einkommensungleichverteilung ist (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gini_Coefficient_World_CIA_Report...)

    "Die indische Demokratie ist zu kompliziert."

    Klingt irgendwie bekannt. Schließlich predigen die Ökonomen schon seit Dekaden den mageren Staat um die nationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen("Deutschland AG"). Und endlich sagt mal ein Ökonom auf Ökonomendeutsch (englisch) was Ökonomen von der Demokratie halten: Maß halten! Und endlich ist für jeden offensichtlich wie Forderungen der Ökonomen mit den philosophischen Erkenntnissen eines Slavoj Zizek konvergieren: "Der autoritäre Kapitalismus ist der Gewinner der Krise" (http://www.zeit.de/kultur/2011-08/slavoj-zizek-interview). Man könnte es böse meinen und den gemeinen Ökonomen als Feind der Demokratie unter nachrichtendienstliche Beobachtung stellen!

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    • Tubus
    • 21. August 2013 9:18 Uhr

    "Der autoritäre Kapitalismus ist der Gewinner der Krise"

    Wenn, wie in Indien, notwendige Investitionsentscheidungen nicht getroffen werden können, weil sich demokratische Institutionen gegenseitig blockieren, dann verliert man eben. Das sieht dann für verwöhnte westliche Augen alles sehr schön demokratisch aus, nützt den armen Massen aber wenig. Für die, die nicht im Überfluss leben gilt immer noch, erst kommt das Fressen, dann die Moral.

  1. Nur weil der Herr mal die Initialen der größten Schwellenländer zu der tollen Wortschöpfung "BRIC" zusammen fügte ist er noch nicht der große Durchblicker.
    Z.B.: Brasilien soll den Arbeitsmarkt "flexibilisieren"? Dort gibt es immer noch sklavenähnliche Abhängigkeiten, und allgemein Zustände wie bei uns vor Jahrzehnten. Das reicht noch nicht damit sich Investoren erbarmen?
    Und ein wesentlicher Punkt der Menschen bewegt entgeht ihm und seinen sturen, ollen, neoliberalen Kollegen völlig: Dass Würde und Gerechtigkeit auch Teil der Lebensqualität sind, siehe gerade die Proteste in Brasilien. Die gab es doch nicht "für mehr Wachstum".

    4 Leserempfehlungen
    • iboo
    • 21. August 2013 8:14 Uhr

    Was dieser Goldman Sachs-Topmanager hier von sich gibt hätte auch jeder KI-Sprachcomputer ausgespuckt, wenn man dort das Knöpfchen "US-Neoliberal" gedrückt hätte: Einfach die bisherigen Trends bewerten und in die Zukunft fortschreiben und als Korrekturfaktoren die üblichen Hausmittelchen "schlanker Staat", "mehr Wettbewerb" und "straffe Führung" empfehlen. So einfach "funktioniert" die Welt der Wirtschaftsberater.

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    Da entsprechen Sie ja glatt ihrer eigenen Überschrift.

    "Was dieser Goldman Sachs-Topmanager hier von sich gibt hätte auch jeder KI-Sprachcomputer ausgespuckt, wenn man dort das Knöpfchen "US-Neoliberal" gedrückt hätte:"
    Da sind Sie auf einen politischen Kampfbegriff reingefallen (eben Phrasen). Der Neoliberalismus ist unserer sozialen Marktwirtschaft recht nahe. Was Lafo und Konsorten aus dem Begriff gemacht haben, kann man den Schöpfern aus den 30er Jahren ja kaum vorwerfen - ob mit oder ohne "US".

    "Einfach die bisherigen Trends bewerten und in die Zukunft fortschreiben und als Korrekturfaktoren die üblichen Hausmittelchen "schlanker Staat", "mehr Wettbewerb" und "straffe Führung" empfehlen. So einfach "funktioniert" die Welt der Wirtschaftsberater."
    Hier geht es speziell um Indien bzw. deren öffentliche Administration. Und die ist nun mal verbesserungswürdig - dezent ausgedrückt. Man kann sich darüber durchaus informieren, falls man die Erschütterung des eigenen Weltbildes als Option akzeptiert.

  2. der Ökonomen so scheint es. Der Staat soll sich zurückziehen, liberalisierte Arbeitsmärkte die Austtauschbarkeit von Arbeitskraft erleichtern - ja und wo sollen dann neue Konsumenten herkommen? Wenn der Lohnanteil an der Produktion immer kleiner wird, dann reduziert sich der Kreis der Konsumenten auf die Führungsschicht und die paar Prozent Gutverdiener oder die Handvoll Superperformer, die es in allen diesen Ländern gibt.
    Arbeit wird in BRIC Staaten nur als Mittel zum Zweck gesehen und deren Kosten sind eben nur Kosten, die den Profit schmälern, aber nichts was eigentlich dazu dient, einer breiteren Schicht eine einigermaßen verlässliche Lebensgrundlage zu schaffen. Proteste sind da nur folgerichtig. Vielleicht sollten sie sich auch stärker gegen selbstverliebte Ökonomen richten?

    4 Leserempfehlungen
    • Tubus
    • 21. August 2013 9:18 Uhr

    "Der autoritäre Kapitalismus ist der Gewinner der Krise"

    Wenn, wie in Indien, notwendige Investitionsentscheidungen nicht getroffen werden können, weil sich demokratische Institutionen gegenseitig blockieren, dann verliert man eben. Das sieht dann für verwöhnte westliche Augen alles sehr schön demokratisch aus, nützt den armen Massen aber wenig. Für die, die nicht im Überfluss leben gilt immer noch, erst kommt das Fressen, dann die Moral.

    Eine Leserempfehlung
    • snoek
    • 21. August 2013 9:21 Uhr

    „Um weiter zu wachsen, braucht China in Zukunft mehr Konsumenten.“

    Ist es nicht auch ein großes Problem Chinas der Zukunft, dass es seinen Binnenkonsum steigernd muss, weil die steigenden Gehälter dem Export entgegenstehen. Aber die Chinesen sparen lieber. Das ist auch vernünftig, denn auch dort explodieren die Mieten. Ich sah kürzlich eine Reportage über eine Boomstadt (deren Name ich mir leider nicht merken konnte) mit 6 % Mietsteigerung. Monatlich!

    Die medizinische Versorgung muss selbst gezahlt werden, man spart für die Altersvorsorge und die Ausbildung der Kinder bzw. des einen Kinds. Wo es quasi keinen Sozialstaat gibt verwenden die Menschen ihre Mittel nicht für sinnlosen Konsum. Sie müssen sparen, weil es nicht anders geht.

    2 Leserempfehlungen
    • hareck
    • 21. August 2013 9:33 Uhr

    Der heilige Gral der Wirtschaftswissenschaftler.

    Wir entnehmen der Erde momentan (etwa) in einem halben Jahr die Ressourcen, für deren Wiederherstellung sie ein ganzes Jahr braucht. Wie lange soll da ein Wachstum gemessen am weltweiten BIP überhaupt noch funktionieren.

    Entweder wir brauchen ein völlig neues (qualitatives) Verständnis von Wachstum, oder früher oder später wird es aufgrund natürlicher Gegebenheiten zu einer massiven, andauernden Rezession kommen.

    Entscheidend ist die Frage, wie wir die vorhandenen Ressourcen am gerechtesten auf alle Weltbürger verteilen können. Und je früher wir damit anfangen, desto leichter wird es uns fallen.

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    • TDU
    • 21. August 2013 13:44 Uhr

    Die Brics machen 1,5 % der Weltwirtschaftsleistung aus. Schiere Masse sorgt eben nicht für nachhaltige Qualität. Seine Feststellungen über das sich Verlassen auf Rohstoffe und mangelnder Infarstruktur, die zu wenig Produktivität führt und damit breiten Wohltstand verhindert, ist völlig richtig. Und wenn Wanderarbeiter in Peking von den ansässigen Bürgern angefeindet werden, scheint mir das auch nicht von Vorteil.

    Was das nun per se mit Neoliberalismus zu tun haben soll, erschliesst sich mir nicht. Eher scheinen es die Klagen deutscher Wohlversorgter, die ihr Elend auf andere projezieren.

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    Sehr einverstanden, aber:

    "Die Brics machen 1,5 % der Weltwirtschaftsleistung aus. Schiere Masse sorgt eben nicht für nachhaltige Qualität."

    "Im Jahr 2011 betrug der Anteil der BRIC-Staaten am kaufkraftbereinigten globalen BIP insgesamt geschätzt rund 26 Prozent."

    Quelle: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/248719/umfrage/anteil-der-...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Brasilien | China | Indien | Russland | Schwellenland | Schwellenland
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