Die vergangene Woche ging an den Kapitalmärkten für die Türkei mit einem schwarzen Freitag zu Ende. Erstmals seit der türkischen Währungsreform vom 1. Januar 2005, als aus einer Million alte Lira eine neue Lira wurde, fiel der Kurs der Landeswährung am Freitag gegenüber dem US-Dollar unter eine psychologisch wichtige Marke: 2,02 Lira mussten die Türken am Freitagnachmittag für einen Dollar bezahlen. Vor fünf Jahren lag der Kurs bei 1,30 Lira. Auch an der Börse rutscht die Stimmung der Anleger immer tiefer in den Keller. Nachdem der Istanbuler Leitindex noch Ende Mai bei rund 93.000 Punkten notierte, fiel er am Freitag unter 68.000 Zähler. Damit ist die Bosporus-Börse in nur drei Monaten um 27 Prozent abgestürzt. Währungsverfall und Börsen-Baisse signalisieren: Die Wirtschaft läuft nicht mehr rund.

Das zurückliegende Jahrzehnt war wirtschaftlich für die Türkei die erfolgreichste Dekade seit Gründung der Republik 1923. Die Wirtschaftsleistung legte jährlich im Schnitt um sechs Prozent zu. Seit dem Antritt der Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdoğan im Jahr 2002 hat sich das statistische Pro-Kopf- Einkommen der Türken verdreifacht.

Jetzt geht das Wirtschaftswunder zu Ende – oder legt zumindest eine Pause ein. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaftsleistung nur um 2,2 Prozent. Für ein Schwellenland wie die Türkei kommt das fast einer Rezession gleich. Ihr diesjähriges Wachstumsziel von vier Prozent wird die Türkei ebenfalls verfehlen: "Es wäre keine Überraschung, wenn wir die Vorgaben nach unten korrigieren müssen", kündigte der für Wirtschaftsfragen zuständige Vizepremier Ali Babacan an.

Die Türkei steht mit ihren Problemen nicht allein. Seit die US-Notenbank im Mai eine Abkehr von der laxen Geldpolitik signalisierte, leiden die meisten Schwellenländer unter massiven Kapitalabflüssen. Die Aussicht auf steigende US- Zinsen treibt das Geld aus den riskanten Märkten zurück in den sicheren Hafen des Dollar. Damit droht den Schwellenländern auch ein Ende des Wirtschaftsbooms, den das Risikokapital nährte.

Die Türkei ist in besonderem Maße auf ausländische Kapitalzuflüsse angewiesen. Mit den Geldern finanzieren die Banken das Wirtschaftswachstum, denn die Sparquote der Türken ist traditionell sehr niedrig. Weil das Land viel mehr importiert als exportiert, ist die Leistungsbilanz tiefrot. Die ausländischen Gelder konnten bisher dieses Defizit wenigstens zum Teil ausgleichen. Wenn dieses Kapital nun abgezogen wird, ist das eine doppelt alarmierende Entwicklung für die Türkei: Die Banken können weniger Kredite vergeben und zugleich vergrößert sich der Fehlbetrag in der Leistungsbilanz. Bereits im Mai stieg das Defizit gegenüber dem Vorjahr um 42 Prozent.

Die türkische Zentralbank versucht gegenzusteuern. Höhere Zinsen und Stützungskäufe sollen den Kursverfall der Lira bremsen. Bisher hat das wenig bewirkt. Die Lira-Abwertung hat für viele türkische Unternehmen fatale Folgen: Sie haben in den vergangenen Jahren Dollar-Kredite aufgenommen, verdienen aber Lira – die immer weniger wert sind. Auch die politischen Bedingungen sind zunehmend ungünstig für die türkische Wirtschaft. Syrien und Ägypten, zwei wichtige Handelspartner, versinken im Bürgerkriegschaos. Viele Investoren und Anleger bewegt auch die Sorge, im Herbst könnten die Unruhen in den Städten wieder aufflammen. Mit der innenpolitischen Polarisierung, die Erdoğan vorantreibt, wird er aus Sicht der Wirtschaft inzwischen zu einem Risiko.

Erschienen im Tagesspiegel.