Michel Aloui ist Leiter des Kölner Gründerzentrums Social Lab, das verschiedene Sozialunternehmer aus dem Bildungssektor zusammenbringt. © Thekla Ehling

Ende August fand in Berlin zum sechsten Mal der Vision Summit statt, das alljährliche Stelldichein der deutschen Sozialunternehmer und ihrer Förderer. Sie diskutierten wie der einmal über die Probleme der Gesellschaft, sie sprachen sich gegenseitig Mut zu. Und wieder einmal reichte es ihnen nicht, nur zu reden. Stattdessen wollten sie Lösungen finden. 

Es ist ein glanzvolles Ereignis mit viel Prominenz, "eine Bühne für die ganze Szene", wie Peter Spiegel sagt. Er ist der Leiter des Genisis Institute, das mitten in Berlin im Palais am Festungsgraben untergebracht ist. Es sei 2008 als das weltweit erste Institut zur Erforschung und Förderung von Social Business gegründet worden, sagt der 60-Jährige und ergänzt: "Meine Rolle in der Szene ist die des völlig verrückten Vordenkers." Er hat zwei feste Mitarbeiter. "Wir stellen die Infrastruktur zur Verfügung, die Sozialinnovatoren brauchen, um in die Gesellschaft hineinwirken zu können." Der Vision Summit sei das wichtigste Instrument.  

Als die Mächtigsten der Welt 2007 in Heiligendamm ihren G8-Gipfel abhielten, wurden auf einer Alternativveranstaltung in Berlin Konzepte für die Lösung globaler Probleme wie Armut, Klimawandel und Ressourcenknappheit vorgestellt. Die Konferenz, die Spiegel organisiert hatte, war der erste Vision Summit – mit dem damals frisch gekürten Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus als Stargast. "Eine Gründerkonferenz war das", sagt Spiegel, nicht wenige der Teilnehmer seien Sozialunternehmer geworden. "Exakt das wollte ich." 

Eine Privatschule für Flüchtlingskinder aus aller Welt, die Ausbildung blinder Frauen zu Krebsfrühdiagnostikerinnen, Einzel-Coachings für Hauptschüler – die Geschäftsmodelle sind vielfältig. In Deutschland gibt es inzwischen mehrere Hundert solcher Firmen. Zusammen bilden sie eine selbstbewusste Szene. "Wer löst die gesellschaftlichen Probleme in unserem Land?", fragt ein im vergangenen Jahr vom Genisis Institute herausgegebenes Buch über "25 Ideen, selbst die Zukunft zu gestalten". Die Antwort lautet: "Die Zeit, als wir vor allem auf den Staat und auf technische Innovationen setzen konnten, ist vorbei. Die Hoffnung verlagert sich auf eine grundlegend neue soziale Bewegung von sozialen Innovatoren." Können sie diese Hoffnung erfüllen? Werden sie ihrem Anspruch gerecht? Welchen Nutzen stiften sie?

Der Artikel stammt aus dem Wirtschaftsmagazin brand eins (Ausgabe 9/13). © brand eins

Diese Geschichte ist der Versuch einer Annäherung an die Gründer und ihre Förderer. Sie wird zeigen: Sozialunternehmer sind mit großem Engagement bei der Sache, sie erzielen aber oft nicht die erhoffte Wirkung. Das liegt zum Teil an ihrem Selbstverständnis, zum Teil an den Motiven ihrer Förderer. Zudem lassen viele Sozialunternehmer genau das vermissen, was sie in besonderer Weise für sich beanspruchen: unternehmerisches Denken.   

Die Bewegung

Die Idee, karitatives Engagement und Ökonomie zu verbinden, ist nicht neu. Die internationale Non-Profit-Organisation Ashoka ("Heimat der Changemaker") macht sich seit 30 Jahren für Sozialunternehmer stark. Erst seit Muhammad Yunus, für den Peter Spiegel zwei Deutschlandreisen inklusive Fernsehauftritte bei Sabine Christiansen und Maybrit Illner organisierte, berühmt wurde, herrscht hierzulande auch Aufbruchstimmung. Gut die Hälfte der deutschen Sozialunternehmen ist jünger als neun Jahre. 


Um sie ist ein Hype entstanden, von dem auch die Wissenschaft nicht unberührt bleibt. Mehrere Universitäten richteten Lehrstühle für Social Entrepreneurship ein, und die von der Duisburger Kaufmannsfamilie Schmidt gegründete Stiftung Mercator finanzierte zur Erforschung der Bewegung einen Verbund mit rund 25 Wissenschaftlern aus ganz Deutschland. Auch die Politik ließ sich anstecken. Die EU plant ab 2014, jeweils zwischen 5 und 15 Millionen Euro in Fonds für Sozialunternehmen zu investieren. Und die Bundesregierung stockt bereits über die Förderbank KfW private Investitionen zu solchen Zwecken auf. "Sozialunternehmer", heißt es in einem im Herbst 2012 veröffentlichten Papier des Bundesfamilienministeriums, "sind von besonderer Bedeutung, weil sie aus einem gesellschaftlichen Antrieb heraus mit unternehmerischen Mitteln dazu beitragen, dass für unser Gemeinwesen relevante Herausforderungen wirksam bearbeitet und einer Lösung zugeführt werden." 

Umweltschutz, Entwicklungshilfe, Bildung, Arbeitsmarktintegration oder Familienarbeit – die neuen Hoffnungsträger schrecken vor nichts zurück. Mit breiter Brust stürzen sie sich auf Probleme, die der Staat und die etablierten Organisationen des Sozialsektors nicht bewältigen. Das Soziale hat derart Konjunktur, dass man leicht den Überblick verliert: Non-Profit-Organisationen, Corporate Social Responsibility (CSR) und jetzt auch noch Sozialunternehmer. Tatsächlich sind die Grenzen oft fließend. Von CSR und anderen Aktivitäten profitorientierter Unternehmen unterscheiden sich Sozialunternehmen darin, dass der gesellschaftliche Wandel ihr primäres Ziel ist; ja, dass sie zu diesem Zweck gegründet werden. Von Non-Profit-Organisationen heben sie sich hingegen nicht in der Zielsetzung ab, sondern in der Wahl der Mittel. Sozialunternehmer, heißt es im Buch des Genisis Institute, bedienen sich der Mechanismen des Marktes und seiner Gesetze. "Sie heben den bisherigen Dualismus auf von Ökonomie und Sozialem."

Das Kalkül dabei ist, dass die besseren Ideen entstehen und die Ressourcen effizienter eingesetzt werden, wenn soziales Handeln unternehmerischem Denken unterliegt; von der Entwicklungshilfe weiß man zudem, dass Geschenke Abhängigkeiten erzeugen und von den Empfängern nicht so gewürdigt werden wie Hilfen, für die sie eine Gegenleistung erbringen müssen. Der Nobelpreisträger Yunus gründete deshalb die Grameen Bank, um die Armut in Bangladesch zu bekämpfen. Mikrokredite sollen Bedürftigen die Chance geben, sich etwas aufzubauen. Die Bank lebt von den – vergleichsweise niedrigen – Zinsen, die die Kreditnehmer zur Verbesserung ihrer Lebenssituation zu zahlen bereit sind. Social Business par excellence.