HaitiEin Katastrophenland träumt vom Touristenboom

Noch stehen Zeltstädte in Port-au-Prince, nicht alle Erdbebentrümmer sind beseitigt. Haiti aber will das Krisenimage loswerden: Touristen sollen Aufschwung bringen. von Rick Noack

Wer in Haiti einen Badestrand sucht, findet sich manchmal neben einem Massengrab wieder. Rund um das kleine Dorf Titanyen am Rande der Hauptstadt Port-au-Prince begruben nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 verzweifelte Helfer auf den Hügeln Zehntausende Leichen. Heute weist dort ein großes Plakat auf den bevorstehenden Bau eines Mahnmals hin. Nur wenige Hundert Meter entfernt zeigt ein weiteres Schild Richtung Strand. Sein Name: Relaxation Beach. Das Wasser ist türkisfarben, der Sand weich.

Noch sonnt sich hier niemand, doch das haitianische Tourismusministerium will das ändern. Vor einem Jahr hatte Haitis Präsident Michel Martelly angekündigt, mithilfe ausländischen Kapitals bis 2015 eine halbe Million neue Arbeitsplätze zu schaffen. In einem Land, das  noch schwer an den Folgen des Bebens trägt, ist das eine unglaubliche Zahl. Der Tourismus spielt in Martellys Plänen eine entscheidende Rolle. Um ihn zu fördern, befreit seine Regierung in den kommenden 15 Jahren elf Hotels und Resorts von Steuerzahlungen; knapp 160 Millionen Dollar wird das kosten.

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Mit Geld aus Venezuela hat die Regierung bereits den nördlich gelegenen Flughafen Cap-Haitien renoviert und ihn anschließend in Hugo Chávez International Airport umbenannt. Zudem bildet sie über 50 Tourismus-Polizisten aus, die Spanisch und Englisch sprechen und für die Sicherheit der Gäste sorgen sollen. Haiti soll wieder zu dem werden, was es in den 1950er Jahren schon einmal war, als das Land die Perle der Antillen genannt wurde.

Aufhören mit den Gedanken an das Beben  

Das Hotel Cyvadier nahe der Küstenstadt Jacmel wird von Christophe Lang betrieben, der aus Deutschland stammt. Das Beben hatte sein Hotel teilweise zerstört, die Trümmer sind längst beseitigt. Lang mag die Fotos der Schäden nicht mehr ansehen. Für ihn ist Haiti wieder das alte Paradies. "Irgendwann muss man auch aufhören mit den Gedanken an das Beben, sonst wird man verrückt", sagt er und blickt von seiner großen Terrasse auf das karibische Meer.

Ein Strand in der Nähe von Jacmel

Ein Strand in der Nähe von Jacmel  |  © Rick Noack

Gerade hatte Lang zwei Wochen eine Familie aus der Schweiz zu Gast. Immer öfter übernachten wieder Touristen bei ihm. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es hier keine Probleme gibt. Aber es gibt eben auch die andere Seite, und wegen ihr bin ich hier", erklärt er.

Dass Haiti statt Entwicklungshelfern in Zukunft lieber Touristen anziehen möchte, wird am wichtigsten Flughafen des Landes in Port-au-Prince deutlich. Besucher werden hier von einer lauten Volksmusik-Band begrüßt. In der Ankunftshalle steht eine Tourismus-Beraterin hinter ihrem Tresen und lächelt – auch wenn das Lächeln oft ins Leere geht. Vor dem Flughafen entstehen zahlreiche neue Straßen und Gebäude. Zwar liegen viele Häuser im Zentrum von Port-au-Prince noch in Trümmern, doch in wohlhabenderen Stadtbezirken sind die Schäden des Erdbebens nahezu verschwunden. Für ein Hotelzimmer zahlen Gäste hier locker mehr als 100 Dollar. 

Bewaffnete Wächter sind im Preis inklusive. Denn es gibt ein Haiti außerhalb der Hotelanlagen. Immer noch leben 80 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar pro Tag, immer noch übernachten 300.000 Menschen in Zeltlagern, weil ihre Häuser zerstört sind.

Leserkommentare
  1. DomRep Destination auf authentisches Elend gebürstet?

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    • ffes
    • 09. September 2013 11:48 Uhr

    Ihr Beitrag ist deutsch, deutscher gehts nicht

    • Mike M.
    • 09. September 2013 13:55 Uhr

    ... sollte man einem so armen und gebeuteltem Land schon gönnen. Vor 200 Jahren hat es sich von Kolonialismus und Sklaverei selbst befreit, erlebte im letzten Jahrhundert aber schlimme Katastrophen. Die Kultur ist einzigartig. Die Chancen sind da! Aus der Tourismushochburg DomRep lassen sich auch Kurzausflügler anlocken sowie Kreuzfahrgäste.

    • ffes
    • 09. September 2013 11:48 Uhr

    Ihr Beitrag ist deutsch, deutscher gehts nicht

    Antwort auf "Wird das dann die neue"
    • Mike M.
    • 09. September 2013 13:55 Uhr

    ... sollte man einem so armen und gebeuteltem Land schon gönnen. Vor 200 Jahren hat es sich von Kolonialismus und Sklaverei selbst befreit, erlebte im letzten Jahrhundert aber schlimme Katastrophen. Die Kultur ist einzigartig. Die Chancen sind da! Aus der Tourismushochburg DomRep lassen sich auch Kurzausflügler anlocken sowie Kreuzfahrgäste.

    Antwort auf "Wird das dann die neue"
  2. Im Artikel steht keine Wort von der Überbevölkerung Haitis, die eine grandiose Umweltzerstörung nach sich zog. Was macht die Regierung, um das Bevölkerungswachstum zu stoppen und die Natur wieder herzustellen? Eine überbevölkerte Insel mit zerstörter Natur ist als Touristenparadies kaum vermittelbar, zumal die benachbarte DomRep beides besser macht.

    Eine Leserempfehlung
  3. Nachdem erst Frankreich und dann die USA das Land besetzt und ausgebeutet bzw. politisch verunstaltet hatten, könnte man eigentlich von denen mehr Unterstützung erwarten. Aber das scheint wohl zuviel verlangt.

    Also werden die Haitianer noch länger vom Boom träumen müssen, der nicht kommt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Haiti | Tourismus | Erdbeben | Port-au-Prince
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