Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers beim Konkursgericht in Manhattan Insolvenz an. Unter den Folgen der größten Pleite der Geschichte leidet die Weltwirtschaft auch noch fünf Jahre später. Doch was macht der Mann, der Lehman in den Ruin geführt hat? Was macht Richard S. Fuld fünf Jahre danach? Eine Spurensuche ergibt mehr als seinen Aufenthaltsort. Sie legt das Sittengemälde einer Wall Street frei, die die von ihr verursachte Krise längst hinter sich gelassen hat – ohne Reue. Nur einer darf nicht mehr zurück in den Klub.

Banker und Händler jonglieren längst wieder mit Abermilliarden, wetteifern um Boni. Allein an Cash-Prämien schütteten die Wall-Street-Banken 20 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr aus. Nur Fuld findet man in keinem Namensverzeichnis. Nicht bei Goldman Sachs, nicht bei Citigroup oder Merrill Lynch. Auch nicht bei Morgan Stanley oder JP Morgan Chase. Nicht einmal reden will man über ihn – zumindest nicht offen.    

Die Klatschspalte Page Six, die von der New Yorker Geldelite eifrig gelesen und mit Tipps gefüttert wird, meldete vor ein paar Monaten, die Fulds seien am Flughafen gesichtet worden, als sie mit den neuen Computerterminals des Billigfliegers JetBlue kämpften. "Es fehlt die Übung, wenn man so lange nicht mehr Linie geflogen ist", hämte der Kolumnist. Vor dem Absturz standen den Fulds gleich zwei Jets und ein Helikopter zur Verfügung.

Spitzname: der Gorilla

Fuld selbst war zu seinen Lehman-Zeiten geradezu ein Prachtexemplar der "Was-schert-mich-der-Rest-der Welt"-Haltung. Unvergessen ist sein Spitzname: der Gorilla. Er bezog sich auf seine aggressive Art, Fuld drohte schon mal jemandem "die Kehle rauszureißen". Als junger Händler, so geht eine Anekdote, habe Fuld die Unterschrift eines Vorgesetzten benötigt. Als der auf die Papierstapel vor sich deutete und erklärte, die müssten erst von seinem Schreibtisch sein, bevor er sich um Fulds Anliegen kümmern könne, soll Fuld einfach die Papiere mit einer Handbewegung auf den Boden gefegt haben. Er bekam die Unterschrift. Legendär ist auch die Geschichte, wie Fuld während eines Hockeyspiels seines Sohnes den Vater eines gegnerischen Spielers verprügelte. Der Spitzname Gorilla passte aber auch auf seine Erscheinung, der volle dunkle Haarschopf, die massive Stirn, der stechende Blick.

Doch hinter dem Spott, den sich Fuld oft anhören musste, steckte auch Bewunderung. Fuld galt als hartnäckiger Kämpfer für seine Bank. Als er 1994 den Chefposten übernahm, galt das Traditionshaus schon einmal als Pleitekandidat. Doch Fuld führte es zu neuer Blüte – oder so schien es wenigstens. Lehman wurde in einem Atemzug mit Goldman Sachs und Morgan Stanley genannt, den ersten Häusern an der Wall Street. Die New York Times widmete dem Lehman-Chef 2007 eines ihrer seltenen Sonntagsportraits und lobte ihn darin für seine umsichtige Führung. 

Nicht ganz zwölf Monate später stellte sich heraus, dass Fuld sich ganz offenbar von der Euphorie des großen Geldes hatte anstecken lassen. Lehmans Bilanz betrug 600 Milliarden Dollar, als die 158 Jahre alte Bank zahlungsunfähig wurde. Einen Teil des Unternehmens übernahm die britische Barclays Bank, der Rest wurde abgewickelt. Fuld wurde – wenig überraschend – nicht übernommen. Er tauchte ab. Als eine Reporterin der Nachrichtenagentur Reuters ihn Monate nach dem Konkurs auf seiner Ranch in Idaho aufstöberte, war seine erste Bemerkung: "Sie haben keine Waffe, das ist gut." Doch Fuld kam bald zurück nach New York. Man sah ihn etwa beim Power-Frühstück im Brasserie in Manhattan, nicht weit vom alten Lehman-Hauptquartier. Zuversichtlich, bald einen neuen Job zu haben.