Energiewirtschaft : Deutschland produziert zu viel Strom

Die Energiewende werde zu Stromengpässen führen, fürchteten viele. Jetzt ist das Gegenteil eingetreten: Die alten Meiler müssen viel schneller abgeschaltet werden.

Der Ökonom Joseph Schumpeter hätte es wohl "kreative Zerstörung" genannt. Manche Energieökonomen würden es dagegen eher als ruinöse Konkurrenz beschreiben. Wenn in den vergangenen Wochen die großen Kraftwerksbetreiber über zu niedrige Börsenstrompreise klagten, um im gleichen Atemzug neue Subventionen einzufordern, kann man dies aber auch gut und gerne als strategischen Machtpoker der alten Energiekonzerne in einem sich wandelnden Marktumfeld verstehen. Selbst die EU-Kommission interpretiert deren Ankündigung, wegen zu niedriger Börsenstrompreise massenhaft Kraftwerke stilllegen zu wollen, als überzogen. Was genau ist also dran an den Argumenten der konventionellen Stromindustrie?

Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren die Börsenstrompreise stetig gesunken. Dies lässt sich vor allem durch den zunehmenden Ausbau der erneuerbaren Energien erklären. Auf dem Großhandelsmarkt für Strom bestimmen die kurzfristigen variablen Kosten eines Stromproduzenten den Marktpreis. Da Wind und Sonne keine Brennstoffkosten verursachen und daher quasi keine variablen Kosten aufweisen, sinkt der Strompreis bei zunehmender Einspeisung aus Windkraft- und Solaranlagen. Dass der Großhandelsstrompreis jedoch auch bei Windstille und geringer Sonneneinstrahlung derzeit so niedrig ist, liegt an etwas vollkommen anderem.

Die Stromerzeugung in Deutschland ist durch einen hohen Anteil bereits abgeschriebener, unflexibler Grundlastkraftwerke – Atom und Kohle – geprägt. Mit dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien ist es zu erheblichen Überkapazitäten gekommen – ganz im Gegensatz zu den Befürchtungen beim Ausstieg aus der Kernenergie im Frühjahr 2011. Von 127 Gigawatt (GW) installierter Kapazität Ende 2001 stieg die Stromerzeugungsleistung in Deutschland um 36 Prozent auf 174 GW Ende 2011.

Die Autoren

Saskia Ellenbeck und Peter Schmidt sind Doktoranden und Wissenschaftliche Mitarbeiter am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die im Artikel dargestellten Ergebnisse stammen aus eigenen Forschungsarbeiten.

Bis 2018 werden die zugebauten Kapazitäten die bis dahin vom Netz gehenden Kapazitäten laut Bundesnetzagentur übersteigen. Die Investitionen in Photovoltaik und Wind sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Die Konsequenz: häufigeres Auftreten eines negativen Strompreises und ein beachtlicher Anstieg des Stromexports, hier vor allem Strom aus Kohle.

Dies liegt vor allem an den Grundlastmeilern, deren Stromproduktion sich nur bedingt drosseln lässt. Aber auch die historisch niedrigen Kohlepreise sowie der rezessionsbedingte Preisverfall der CO2-Verschmutzungsrechte begünstigen den Dauerbetrieb ineffizienter, unflexibler Kohlemeiler. Anders ausgedrückt: Die ständige Stromüberproduktion der Grundlastmeiler lässt keinen Raum mehr für Knappheitspreise, das heißt kurzfristig höhere Strompreise. Genau die werden allerdings von Anbietern flexibler Optionen gebraucht, um die Refinanzierung von beispielsweise Gaskraftwerken langfristig abzusichern.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Antwort auf #19 Eiscafé

Damit haben Sie teilweise Recht. Das große Problem der vozuhaltenen Leistung, welche schlecht vergütet wird, besteht aber weiterhin. Mit allen Kosequenzen wie der roten Karte 'systemrelevant'.

Denn die Regelfähigkeit von WKAs und PV-Analgen steckt noch in den Kinderschuhen.

Und die Dorfbewohner wollen immer Brötchen haben. Wenns mal keine gibt schmilzt das Eis.

kein Strom

"Umgekehrt müssen produzierende Unternehmen auch bei anderen Roh- oder Betriebsstoffen mit Preisschwankungen leben. Auch hier bietet der Markt zahlreiche Möglichkeiten, wie damit umgegangen wird."

Das Strom leider nicht lagerfähig ist, können die Betriebe nur ihre Produktionsmengen anpassen. Und das bedeutet Drosselung der Produktion im Winter bzw. Produktionsausfälle. Wir werden schnell merken, was das für uns bedeutet. Was Sie "pampern" der Stromnachfrager nennen, bedeutet eine wichtige infrastrukturelle Sicherung der Grundlagen unseres Wohlstandes.

Just in time

Sagt Ihnen der Begriff: "Just in Time" etwas?

Die wenigsten Unternehmen haben heutzutage überhaupt noch Lagerkapazitäten! Oft genug ist so knapp kalkuliert, dass ans Band geliefert wird. Wenn da schlecht geplant ist, kommt es auch zu Produktionsausfällen.

Alles also nicht besonderes! Auch, wenn man das viele gerne so hätten. Eine Extrawurst, die solch ein Gewese rechtfertigen würde, gibt es nicht!