Kasachstan trotzt der Finanzkrise, dank des Exports von Öl, Mineralien und Agrarrohstoffen. Jetzt will der riesige Binnenstaat und Russlands Nachbar sich weiter modernisieren. Eine neue Autobahn ist geplant, welche die Fahrzeiten von Almaty im Südosten des Landes zur chinesischen Grenze halbieren soll. Dazu kommen Hochgeschwindigkeitszüge, die dafür sorgen werden, dass die nördlichsten und südlichsten Städte des riesigen Landes nur 18 Stunden auseinander liegen. Aus Angst vor dem Drogenkrieg in der Region will Kasachstan außerdem die Grenzabschnitte zu Usbekistan durch den Bau eines zweieinhalb Meter hohen Stacheldrahtzauns sichern.

Der Ausbau von Straßen zerstört die Lebensräume von Wildtieren. Straßen und Eisenbahnlinien mit ihren Dämmen und Einschnitten stellen unpassierbare Barrieren für Tiere wie die Saiga-Antilope dar. Der Großteil der Saiga-Antilopen lebt in Kasachstan – und ist inzwischen stark gefährdet. Noch vor 20 Jahren streiften eine Million Saigas durch die Steppen Zentralasiens, bevor ihr Bestand in den 1990er Jahren einen dramatischen Einbruch von mehr als 90 Prozent erlitt. Nur etwa 50.000 Tiere blieben damals übrig. Sie wurden wegen ihres Fleisches und der Hörner für die traditionelle chinesische Medizin gewildert. Zwar sind die Zahlen für fünf separate und weitgehend stabile Populationen nun wieder auf 160.000 gestiegen. Jedoch verendeten erst kürzlich bei einem Massensterben Tausende Tiere. Die Lage ist also alles andere als stabil.

Internationale Institutionen versuchen das Überleben der Saiga sicherzustellen, sie steht bereits unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) und der Bonner Konvention zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten.

Doch was in Kasachstan passiert, ist symptomatisch für die Region. Die Mongolei will etwa durch den Bau von Eisenbahntrassen die Verbindungen mit China und Russland verbessern. Hier sind es mongolische Gazellen und Khulane (Wildesel), deren Wanderung an Zäunen abrupt endet. Viele sterben bei dem Versuch, diese zu überwinden. Müde und unterernährt wie sie sind, wissen sie nicht, wie sie die Eisenbahnschienen passieren sollen. Somit können sie nicht die besten Futterplätze erreichen oder auch raue Witterung umgehen. Sie werden Opfer von Raubtieren, anfällig für Krankheiten. Ihre Fortplanzungsrate sinkt.

All das muss nicht passieren. Es gibt Lösungen, um die Hindernisse abzuschwächen. Bereits geringfügige Änderungen beim Bau von Grenzzäunen, die Fahrzeuge, aber nicht Tiere am Passieren hindern sollen, könnten die Lage verbessern. Dazu gehört etwa ein höher gespannter unterster Stacheldraht. Ebenso würde das Entfernen überflüssiger Zäune helfen. Oder Viehhüter könnten an Übergängen entlang der Schienen eingesetzt werden. Sie könnten Tieren den Weg weisen und sie davon abhalten, auf den Schienen umherzuirren.

Wir wissen zwar genau, warum Tiere wandern. Sie suchen die besten Bedingungen zur Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme. Wir beginnen aber gerade erst zu verstehen, wie einige von ihnen es tun. Und wir können nur staunen, wie Lachse und Schildkröten den Fluss oder Strand wiederfinden, wo sie vor Jahren geschlüpft waren. Einige Arten legen dafür Tausende Kilometer zurück. Nur die Stärksten überwinden natürliche Hindernisse wie Berge, Ozeane und Wüsten. Nur wenige Tiere können sich schnell genug anpassen, um aktuelle Gefahren, die der Mensch geschaffen hat, zu überwinden.

Die Regierungen müssen nun internationale Umweltauflagen entwickeln und umsetzen. Die Vorschläge der Bonner Konvention, allesamt minimale Anpassungen, können gewährleisten, dass Verkehrswege, die infolge der Rohstoffförderung im 21. Jahrhundert entstanden sind, den Tierwanderungen, die es schon seit Jahrtausenden gibt, kein Ende setzen.