ZEIT ONLINE: Herr Walter, verletzt die Entwicklungspolitik der Industrieländer das Menschenrecht auf Nahrung?

Bernhard Walter: Die Industrieländer haben schon viel für das Recht auf Nahrung getan, aber es gibt problematische Tendenzen. In den vergangenen Jahren hat die Entwicklungszusammenarbeit immer stärker auf die Privatwirtschaft gebaut. Auch in Deutschland. Nur ein Beispiel: Wenn Entwicklungsminister Dirk Niebel mit der Gates-Stiftung eine Zusammenarbeit vereinbart und Konzerne wie Bayer und BASF mit am Tisch sitzen und auch finanziell beteiligt sind – dann kann die Entwicklungspolitik zum Türöffner der Konzerne werden.

ZEIT ONLINE: Die Landwirtschaft braucht Investitionen, um mehr Nahrung zu erzeugen. Was ist so schlimm daran, wenn das Geld von privaten Unternehmen kommt?

Walter: Je wichtiger das Geld der Firmen wird, desto eher stehen ihre Interessen und die ihrer Aktionäre im Mittelpunkt. Und eben nicht die Interessen der betroffenen Menschen. Investitionen mögen die Landwirtschaft produktiver machen. Die Frage ist nur: Wem kommt das zugute? Oft sind es große Betriebe, die Lebensmittel für den Export erzeugen. Die ansässigen Bauern aber werden verdrängt. Oder es profitieren Agrarchemie- und Saatgutkonzerne, während die Kleinbauern sich tief verschulden, um Saatgut und Dünger kaufen zu können.

ZEIT ONLINE: Im aktuellen Jahrbuch für das Recht auf Nahrung ist das ein Schwerpunkt der Kritik. Neu sind die Vorwürfe aber nicht.

Walter: Aber sie können nicht oft genug wiederholt werden. Es gibt ein Menschenrecht auf Nahrung, das besagt: Jeder Mensch soll sich aus eigenen Mitteln selbst ernähren können. Wenn aber die Konzerne unter dem Deckmantel der Nahrungssicherheit immer mehr an Einfluss gewinnen, wird es für die Kleinen immer schwieriger, ihre Nahrung selbst zu erzeugen.

ZEIT ONLINE: Welche Länder sind davon besonders betroffen? Im Jahrbuch wird unter anderem der Krisenstaat Südsudan erwähnt, in dem bereits neun Prozent der Landfläche in der Hand von ausländischen Investoren sein sollen.

Walter: Auch in südamerikanischen Ländern, wie Paraguay oder Argentinien, ist die Lage teilweise desolat. In Paraguay haben die Agrarkonzerne am meisten von der Amtsenthebung des frei gewählten Präsidenten Fernando Lugo profitiert. Um dort großflächig Soja anbauen zu können, werden die ansässigen Indianer von ihrem Land vertrieben. Sie können nicht mehr fischen und jagen oder Früchte sammeln, um sich davon zu ernähren. Ihre Lebensweise wird zerstört. Diese Leute verlieren ihren Lebenssinn, viele werden zu Alkoholikern und leben elend am Rand der Städte. Oder sie sehen keinen anderen Ausweg, als sich umzubringen. Das ist nicht nur eine Frage von Armut und Hunger. Den Menschen wird ihr Lebensinhalt genommen.

ZEIT ONLINE: Wer trägt die Verantwortung?

Walter: Einerseits Staaten, die die Interessen ihrer Bevölkerung nicht vertreten. Andererseits die Agrarkonzerne. Sie sind mächtig genug, die Gesetze in Entwicklungsländern in ihrem Sinne zu beeinflussen. Oft mischen sie sich gar nicht direkt ein, sondern über Lobbyisten, Berater oder Stiftungen.

ZEIT ONLINE: Welche Konzerne sind das genau?