Ob sie sich auf den Mindestlohn freuen oder vor ihm Angst haben soll, weiß Anita Balser* noch nicht genau. "8,50 Euro pro Stunde wären natürlich gut, aber ich bin ja schon froh, wenn ich sechs bekomme", sagt die 57-Jährige. Gleich mehrere Jobs hat sie in den vergangenen Jahren gehabt. Oft dauerten sie nur ein paar Wochen. Meistens hat sie Regale in Supermärkten und Drogerien eingeräumt, manchmal gab es dafür weniger als drei Euro pro Stunde. Mit einem allgemeinen Mindestlohn würde sie also fast das Dreifache verdienen. Zumindest in der Theorie.

Die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns ist die größte Arbeitsmarktreform der vergangenen Jahre. Wenn sich Union und SPD in den nun beginnenden Koalitionsverhandlungen auf eine gesetzliche Lohnuntergrenze einigen sollten, würde das den deutschen Arbeitsmarkt nachhaltig verändern. Als Erstes würden Menschen wie Balser das neue Gesetz spüren, Arbeitnehmer also, die momentan weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdienen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind das rund 5,6 Millionen Arbeitnehmer. Unter ihnen sind ungelernte Arbeiter, wie Pizzaboten, Taxifahrer und Erntehelfer, aber auch Menschen, die eine Berufsausbildung haben, zum Beispiel Friseure.

Ob all diese Arbeitnehmer tatsächlich von einem Mindestlohn profitieren, hängt vor allem davon ab, ob sie ihren Job behalten. Schließlich besagt das klassische Argument gegen Mindestlöhne, dass diese Arbeitsplätze vernichten, weil sich die Unternehmen keine höheren Löhne leisten können oder wollen. Wie die Firmen tatsächlich reagieren werden, ist bis heute unter Ökonomen umstritten. "Es gibt leider zu wenige aussagekräftige Daten über die Anpassungsreaktionen von Unternehmen", sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der führende deutsche Forscher zu Mindestlöhnen. Es kann also sein, dass ein Mindestlohn Arbeitsplätze verschwinden lässt. Sicher ist es nicht.

Auch die Arbeitgeberverbände, einst scharfe Kritiker eines Mindestlohnes, formulieren ihre Ablehnung nicht mehr so deutlich wie früher. Zwar halten sie einen gesetzlichen Mindestlohn weiterhin für einen Fehler. Sie haben aber bisher auf eine groß angelegte Kampagne verzichtet. Fast schon moderat klingt es, wenn Wolfgang Schröder, Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes Mecklenburg-Schwerin, die Folgen eines Mindestlohnes beschreibt. Einige Unternehmen, sagt Schröder, könnten dann "Arbeit, die bisher von ungelernten Hilfskräften erledigt werden, demnächst wieder von den Stammbeschäftigen machen lassen".

Am stärksten würde ein allgemeiner Mindestlohn in den ostdeutschen Bundesländern wirken. Dort verdient mehr als jeder Vierte weniger als 8,50 Euro in der Stunde, zeigt die DIW-Studie. Für die SPD ist ein allgemeiner Mindestlohn auch ein Werkzeug, um die Unterschiede zwischen Ost und West mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung auszugleichen. "Wir müssen die Einheitlichkeit der Lebensbedingungen herbeiführen", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel erst vor Kurzem vor Gewerkschaftern.

Eine solche Angleichung wäre für den ostdeutschen Arbeitsmarkt jedoch ein radikaler Schritt, den sogar mindestlohnfreundliche Ökonomen wie Joachim Möller für gefährlich halten. "Ich denke, in den ostdeutschen Bundesländern sollte man mit einem Mindestlohn von rund 7,50 Euro einsteigen", sagt er. Die ostdeutsche Wirtschaft sei im Durchschnitt noch immer nicht so produktiv wie die westdeutsche, sagt Möller. Im Osten gebe es zudem weniger exportorientierte Unternehmen. Außerdem dürfe man bei der Angleichung der Lebensverhältnisse nicht nur auf die Lohnhöhe schauen. "Die Arbeitslosenquoten in Ost- und Westdeutschland haben sich in den vergangenen Jahren immer weiter angenähert, diese Entwicklung sollte man nicht aufs Spiel setzen", sagt Möller.

Dass ein Mindestlohn sogar Arbeitsplätze schafft, wie es der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di seit Langem behaupten, glaubt der Arbeitsmarktforscher nicht. Das Argument der Gewerkschaften, dass der Mindestlohn über die Einkommen auch den privaten Konsum und die Wirtschaft ankurbelt, hält er für nicht stichhaltig. "Für derartige Kaufkraft-Effekte eines Mindestlohns gibt es keine guten Belege", sagt der IAB-Direktor.

Auch die Auswertung der DIW-Forscher zeigt, dass die verfügbaren Haushaltseinkommen durch einen Mindestlohn nur wenig steigen würden. Ein großer Teil der Lohnerhöhungen würde durch steigende Sozialabgaben und höhere Steuersätze ausgeglichen. Außerdem könnten durch einen Mindestlohn auch viele Preise steigen, zum Beispiel für Friseurbesuche, ein Essen im Restaurant oder Taxifahrten. Das würde die Nachfrageeffekte eines Mindestlohns ebenfalls deutlich abschwächen.

In einem anderen Punkt sind sich Politiker, Ökonomen, Gewerkschaftler und Arbeitsrechtler jedoch nahezu einig: Ein allgemeiner Mindestlohn würde eines der größten Probleme auf dem Arbeitsmarkt lösen: den Missbrauch von Werkverträgen. In den vergangenen Jahren haben vor allem Supermärkte und Schlachthöfe eine Kreativität darin entwickelt, wenn es darum ging, Löhne zu drücken. Weil in der Zeitarbeitsbranche seit Anfang 2012 ein Mindestlohn von mindestens 7,50 Euro gilt und Leiharbeiter nur noch für begrenzte Zeit in einem Unternehmen arbeiten dürfen, greifen einige Unternehmen auf Werkverträge zurück. Dabei lagern sie Tätigkeiten wie etwa das Einräumen von Regalen im Supermarkt an Subunternehmen aus, die nicht den Tarifverträgen der Branche unterliegen und daher sehr niedrige Löhne zahlen können.