ZEIT ONLINE: Frau O´Reilly, ihr Vorgänger hat sein Amt eher lautlos geführt. Warum braucht die EU eine Ombudsfrau?

Emily O´Reilly: Weil sie eine öffentliche Verwaltung ist. Die EU muss den Goldstandard setzen, wenn es um Transparenz und Ethik geht. Mein Job ist es, die Institutionen dazu zu bringen, ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Bürger in Europa verlangen, dass die Institutionen in Brüssel sich an die EU-Verträge halten und ihre fundamentalen Rechte schützen. Tun sie das nicht, dann kann der Bürger sich an mich wenden. Wir sind der watchdog im Auftrag der Bürger.

ZEIT ONLINE: Die vergangenen zehn Jahre waren Sie die Ombudsfrau in Irland. Irland steckte in der Zeit in einer der tiefsten Wirtschaftskrisen des Landes. Welche Erfahrungen nehmen Sie aus der Zeit mit?

O´Reilly: In Krisenzeiten ist das Vertrauen zwischen Bürgern und Regierung zerstört. Die Leute hatten das Gefühl, dass die Institutionen ihren eigenen Ansprüchen nicht nachkommen und die Banken gut beaufsichtigen und regulieren. Die Folge ist, dass wir in Irland, als die Rezession zuschlug, plötzlich einen rasanten Anstieg der Bürgeranfragen hatten. Allein die Auskunftsersuche ans Finanzministerium und den Rechnungshof haben sich vervierfacht. Die Leute waren niedergeschmettert, sie wollten wissen, was genau passiert war. Wie etwa waren die Kontakte zwischen dem Finanzministerium und dem Bankensektor? Oder sie machten auf Probleme im Gesundheitssektor aufmerksam. Als die Wirtschaft einbrach, wollten immer mehr Menschen kostenfreie medizinische Versorgung beantragen – und da gab es Probleme. Ebenso bei Inspektionen in Pflegeheimen oder den Zuständen in Asylbewerberheimen.

ZEIT ONLINE: Was war ihr größter Erfolg?

O´Reilly: Wir haben jetzt ein umfassendes Informationsfreiheitsgesetz in Irland. Erstmals haben die Bürger ein Recht auf Information und Auskunft gegenüber der Polizei, der Nationalbank und der Finanzaufsicht. Das ist ein Durchbruch. Und sicherlich wird das Amt der Ombudsfrau inzwischen in Irland viel ernster genommen.

ZEIT ONLINE: Davon ist man in der EU noch weit entfernt. Gerade die Euro-Krise hat gezeigt, dass es an Transparenz fehlt. In nächtelangen Krisensitzungen werden Rettungspläne geschmiedet, die der Bürger kaum noch nachvollziehen kann. 

O´Reilly:EU-Kommission und Parlament reden immer davon, dass die EU bürgernäher werden muss. Dass sie einen guten Job im Auftrag der Bürger machen wollen. Aber diese Lippenbekenntnisse reichen nicht aus, wenn sie das nicht auch im Alltag praktizieren. Und das bedeutet mehr Transparenz.