ZEIT ONLINE: Die CDU hat vergangene Woche eine Spende in Höhe von 690.000 Euro von der Familie Quandt bekommen, der fast die Hälfte des BMW-Konzerns gehört. Frau Müller, für wie problematisch halten Sie die Spende?

Edda Müller: Natürlich fragt man sich, wie das zu deuten ist. Die Quandts und die CDU haben sich zwar an die Offenlegungspflicht gehalten, die Öffentlichkeit weiß also Bescheid. Dennoch steht die Frage im Raum, ob die Quandts die Spende als Dankeschön an die Kanzlerin verstehen. Angela Merkel versucht schließlich schon länger, eine Verschärfung der CO2-Grenzwerte für Autos auf der EU-Ebene zu verschieben.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich überrascht der Zeitpunkt: Erst gestern haben die EU-Umweltminister beschlossen, einen bereits beschlossenen Kompromiss nachzuverhandeln. Die Autoindustrie gewinnt dadurch Zeit. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Müller: Zumindest macht einen die zeitliche Nähe stutzig. Möglicherweise steht die Spende auch im Zusammenhang mit den anstehenden Koalitionsverhandlungen. In jedem Fall ist die Spende ein erneutes Indiz dafür, dass zwischen dem Kanzleramt und der Automobilindustrie ausgesprochen gute Beziehungen bestehen. Erst vor Kurzem wurde bekannt, dass der bisherige Staatsminister Eckart von Klaeden eine Position beim Autokonzern Daimler übernehmen wird. Die Spende der Quandt-Familie reiht sich in eine Vielzahl von Fällen ein, die zeigen, dass das Kanzleramt eine Speerspitze ist für die Interessen der Automobilindustrie.

ZEIT ONLINE: Ist der Einfluss der Autoindustrie auf die Politik besonders stark im Vergleich zu anderen Branchen?

Müller: Man hat schon den Eindruck, dass die deutsche Politik an der Leine der Automobilindustrie läuft. Natürlich hat dieser Industriezweig eine besondere Rolle in Deutschland. Die Autobranche ist wichtig für den Arbeitsmarkt, die großvolumigen Fahrzeuge aus Deutschland haben offensichtlich eine gute Position im Weltmarkt. Das kann man nicht mit anderen Wirtschaftszweigen vergleichen.

ZEIT ONLINE: Wie etwa der Chemiebranche.

Müller: Ja, dennoch ist die Lage dort oft ähnlich. Die Regulierung von Chemikalien auf europäischer Ebene hat Deutschland gebremst. Der deutsche Widerstand führte dazu, dass darüber sehr lange verhandelt werden musste. Überall da, wo Wirtschaftsinteressen stark sind, macht sich das in der EU-Politik bemerkbar.

ZEIT ONLINE: So deutlich wie im Fall der Abgasregeln wurde es in der Öffentlichkeit jedoch noch nie.

Müller: Ja. Der Versuch der Bundesregierung, strengere Abgasnormen zu verhindern, ist in zweifacher Hinsicht problematisch. Man macht sich zum Handlager einer Branche. Und man verhindert mit einer Politik, die den gegenwärtigen Stand der Technik festschreibt, Anstöße zu Innovationen, die häufig nur unter Druck zustande kommen. Man fragt sich, ob das überhaupt im langfristigen Interesse des Automobilstandorts Deutschland ist.