ZEIT ONLINE: Herr Korolec, Umweltschützer in Polen klagen, dass in ihrem Land die Welt auf dem Kopf stehe. Ihr Umweltminister kämpfe nicht für mehr Klimaschutz, sondern blocke alle Forderungen ab. Gemeint sind Sie.

Marcin Korolec: Ich halte mich lieber an Zahlen als an schöne Geschichten. Polen hat seine CO2-Emissionen seit 1988 um 33 Prozent gesenkt.

ZEIT ONLINE: Aber doch nur, weil nach der wirtschaftlichen Öffnung des Landes ein großer Teil der polnischen Industrie zusammengebrochen ist.

Korolec: Dennoch hat sich unsere Wirtschaftsleistung seither verdreifacht. Das bedeutet: Es ist uns gelungen, das Wachstum von den Emissionen zu entkoppeln. Auch im vergangenen Jahr wuchs Polens Wirtschaft, während die Emissionen sanken – in anderen Ländern Europas hat sich der Ausstoß klimaschädlicher Gase im gleichen Zeitraum erhöht. Was wir erreicht haben, ist nicht selbstverständlich.

ZEIT ONLINE: Polen erzeugt immer noch mehr als 90 Prozent seines Stroms mit Kohle. Premier Tusk hat erst kürzlich erklärt, wie wichtig die Braunkohle für die künftige Stromversorgung sein wird. Es gibt aber keinen fossilen Energieträger, der schädlicher für das Klima ist.

Korolec: Wir müssen zwei Dinge unter einen Hut bringen – in Polen genauso wie in allen anderen Ländern Europas. Wir müssen investieren, um die Kohlendioxidemissionen zu senken, und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft sicherstellen. Das ist keine leichte Aufgabe.

ZEIT ONLINE: Bevor Sie Umweltminister wurden, waren Sie Unterstaatssekretär für Handel im Wirtschaftsministerium. Geben Sie dem Argument der Wettbewerbsfähigkeit nicht zu viel Gewicht?

Korolec: Die Europäische Union verhandelt gerade mit den USA über eine Freihandelszone, und für die amerikanische Konkurrenz ist Energie jetzt schon viel billiger als für unsere Unternehmen. Wenn wir die Frage der Energiepreise in dieser Situation ausblenden und zugleich unsere Wirtschaft stärker für den Handel öffnen, laufen wir Gefahr, dass ein großer Teil unserer Industrie Europa verlässt. Deshalb glaube ich, dass die Diskussion über die künftige Energiepolitik – und zwar in der ganzen EU – sich künftig vor allem auf drei entscheidende Faktoren konzentrieren wird: Versorgungssicherheit, das bedeutet auch Planbarkeit, Preise und Wettbewerbsfähigkeit. Europa kann nicht ohne Kohle.

ZEIT ONLINE:Und das Klima?

Korolec: Ich will nicht sagen, dass die drei genannten Faktoren wichtiger sind als das Klima. Aber ihre Bedeutung wird in Zukunft auf jeden Fall wachsen.

ZEIT ONLINE: Polen ist Gastgeber des nächsten Klimagipfels – und hat sich in der Vergangenheit immer wieder gegen ein schärferes EU-Emissionsziel für das Jahr 2020 ausgesprochen. Für wie groß halten Sie die Chancen, dass die EU dieses Ziel doch noch einmal verschärft?

Korolec: Dazu besteht kein Grund. Unsere Ziele sind jetzt schon sehr ambitioniert. Und die EU hat sich jetzt schon verpflichtet, ihre Emissionen um 30 Prozent zu reduzieren, falls es eine globale Klima-Vereinbarung gibt und andere Industrieländer sich ähnlichen Anstrengungen unterwerfen. Die Gespräche über ein weiteres Klimaziel, das 2030 erfüllt sein soll, laufen ohnehin.

ZEIT ONLINE: Europa müsste nicht bis 2030 warten. Der gemeinsame Vorsatz war, bis zum Jahr 2020 die CO2-Emissionen um 20 Prozent gesenkt zu haben im Vergleich zu 1990. Schon jetzt haben wir ein Minus von 18 Prozent erreicht, sieben Jahre vor Ablauf der Frist. Da ist noch Luft nach oben.