ZEIT ONLINE: Herr de Schutter, Sie waren sechs Jahre lang Berichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Ist der weltweite Hunger in der Zeit geringer geworden?

Olivier de Schutter: Er hat sich verändert. Es gibt weniger Hunger in Form von Unterernährung, also durch fehlende Kalorien – obwohl immer noch mehr als 840 Millionen Menschen unterernährt sind. Aber das größere Problem ist heute die Mangelernährung.  

ZEIT ONLINE: Also fehlende Nährstoffe.

De Schutter: Genau. Die Menschen essen zwar ausreichend, aber das Falsche. Mehr als zwei Milliarden leiden unter Mangelernährung, und 1,3 Milliarden sind übergewichtig. Jedes Jahr sterben 2,8 Millionen Menschen vor der Zeit, weil sie mangelhaft ernährt sind. Die Zahl der Hungertoten ist nicht so hoch.

ZEIT ONLINE: Welche Länder haben besonders große Fortschritte gemacht?

De Schutter: Brasilien während der Präsidentschaft von Lula da Silva. Seine Regierung hat die Zahl der unterernährten Kinder enorm gesenkt. Unter Lula gab es den starken Willen, dem Kampf gegen den Hunger die höchste Priorität einzuräumen. Das war wichtig für den Erfolg.

ZEIT ONLINE: Ein Gegenbeispiel?

De Schutter: Indien. Dort ist die Wirtschaft schnell gewachsen, aber trotzdem sind immer noch extrem viele Kinder unterernährt, und die absolute Zahl der Mangelernährten ist höher als irgendwo sonst auf der Erde. Das liegt auch an der großen Diskriminierung von Frauen und Mädchen. Sie müssen als Erste auf Nahrung verzichten, wenn das Familienbudget knapp wird. Die Männer entscheiden, wofür das Geld ausgegeben wird. Weil die Mütter nicht mitreden dürfen, kommt die Bildung, Ernährung und Gesundheit der Kinder zu kurz.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es sei das Recht jedes Menschen, verlässlich zu jeder Zeit ausreichend Nahrung selbst erzeugen oder kaufen zu können. Wer ist verantwortlich, wenn den Frauen und Mädchen dieses Menschenrecht genommen wird?

De Schutter: Zuallererst die Regierungen. Das Recht auf Nahrung bedeutet ganz praktisch: Regierungen müssen ihre Politik nach den Interessen der Armen richten. Die Landwirtschaftspolitik zum Beispiel darf nicht nur bessere Ernten anstreben – die Armen müssen etwas von den höheren Erträgen abbekommen.

ZEIT ONLINE: Und wenn die Regierung sich nicht kümmert?

De Schutter: Wer hungert, muss Nahrung vor Gericht einklagen können. Es geht also um demokratische Teilhabe, um gute Regierungsführung und rechtlich einklagbare Verantwortung.

ZEIT ONLINE: Andere würden sagen, es geht darum, genug Grundnahrungsmittel zu produzieren und sie möglichst frei zu handeln, damit die Preise niedrig bleiben.

De Schutter: Das ist nicht die Lösung. Mit der Menge an Nahrung, die wir heute weltweit erzeugen, könnten wir das Doppelte der Weltbevölkerung satt bekommen – aber die Armen müssen sich das Essen auch leisten können. Natürlich müssen die Märkte funktionieren. Aber im Freihandel geht die Ware nicht automatisch dorthin, wo der Bedarf am größten ist, sondern in die Regionen mit der größten Kaufkraft. Länder, in denen die Ernährungslage unsicher ist, exportieren heutzutage ihre Agrarerzeugnisse in reiche Staaten. Das kann nicht unser Ziel sein.

ZEIT ONLINE: Demokratische Teilhabe, rechtliche Kontrolle und gute Regierungsführung sind schöne Begriffe. Wie funktionieren sie konkret?