Technischer Fortschritt"Die Armen haben immerhin Kabelfernsehen und Smartphones"

Der US-Ökonom Tyler Cowen zeichnet ein düsteres Bild vom technologischen Fortschritt. Am Ende profitiere nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, sagt er im Interview. von 

Ein Arbeiter in den USA

Ein Arbeiter in den USA  |  © Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Cowen, übernehmen Roboter bald all unsere Jobs?

Tyler Cowen: Das ist etwas übertrieben. Der technologische Fortschritt läuft meist viel subtiler ab. Nehmen Sie beispielsweise ein Auto. Heute befinden sich darin so viele Computer, die Ihnen sagen, ob irgendetwas beschädigt ist oder das Fahrzeug demnächst zusammenbricht. Das hat zur Konsequenz, dass die Leute ihr Auto nicht mehr so oft zur Reparatur bringen. Für den Verbraucher ist das toll. Aber am Ende werden so Jobs vernichtet. Ich glaube, dass der Großteil unserer Innovationen heutzutage mehr Arbeitsplätze zerstört, als neue zu schaffen. Vom Fortschritt profitiert nur eine sehr kleine Gruppe.

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ZEIT ONLINE: Wer profitiert?

Tyler Cowen: Wer mit Computern arbeitet, wird auch künftig keine Problem haben, der Wert seiner Arbeit wird durch die Maschine gesteigert. Sie sehen das in New York. High-Frequency-Händler zum Beispiel, die mithilfe von Computern an der Börse handeln, geht es gerade fantastisch. Auch die Leute bei Facebook haben keinen Grund zur Klage. Sie profitieren schon jetzt von dieser Entwicklung.

Tyler Cowen
Tyler Cowen

Er ist Wirtschaftsprofessor für Wirtschaft an der George Mason University in Virginia und Autor zahlreicher Bücher. Sein jüngstes Werk trägt den Titel Average is Over: Powering America Beyond the Age of The Great Stagnation. Gemeinsam mit seinem Kollegen Alex Tabarrok schreibt er das Wirtschaftsblog Marginal Revolution. 2011 wurde er vom Economist zu einem der einflussreichsten Ökonomen des Jahrzehnts gewählt

ZEIT ONLINE: Und wer verliert?

Cowen: Verwundbar sind gut bezahlte Angestellte im Service-Bereich, die lange geglaubt haben, ihr Job könne niemals automatisiert werden und die jetzt feststellen müssen: Das stimmt nicht. Es gibt mittlerweile Maschinen, die sogar Anästhesien übernehmen können. Das ist eigentlich ein sehr gut bezahlter Job, der aber in Zukunft verschwinden wird. Genauso gibt es Computer, die Examen benoten, und sie tun das nicht schlecht. 

ZEIT ONLINE: Gibt es auch Jobs, bei denen sich der Wandel schon vollzogen hat?

Cowen: Vor 15 Jahren waren das zum Beispiel Angestellte im mittleren Dienst, die Akten sortiert haben. Sie mussten mit Computern um ihre Stellen kämpfen und haben verloren. Ähnlich ist es mit Angestellten in Reisebüros, die noch vor wenigen Jahren Ihre Flüge gebucht haben. Mit der Zeit konkurrieren mehr und mehr Leute in immer mehr Bereichen mit Computern.

 ZEIT ONLINE: Am Ende ist fast niemand sicher?

Cowen: Doch. Menschen beispielsweise, die eng mit anderen Menschen arbeiten. Nehmen wir an, Sie sind eine Nanny. Nannys werden in absehbarer Zeit nicht durch Roboter ersetzt. Oder ein Yogalehrer. Es gibt viele Jobs, bei denen menschliche, schwer greifbare Qualitäten gefragt sind. Die sind relativ sicher.

ZEIT ONLINE: Technischer Fortschritt schadet also mehr, als dass er uns nutzt?

Cowen: Ich bin nicht gegen die Technologien, überhaupt nicht, ich finde sie sehr nützlich. Es ist ein bisschen wie zu Beginn der Industriellen Revolution. Es werden eine Menge neuer Maschinen erfunden, die viele Leute den Arbeitsplatz kosten. Natürlich war es besser, diese Innovationen zu haben als auf dem Lebensstandard des 18. Jahrhunderts zu verharren.

Aber zunächst hatten die Menschen Jahrzehnte schwieriger Anpassung vor sich. Ich glaube, die heutige Situation kommt dem sehr nahe. Die alten Technologien haben die Körperkraft ersetzt. Das führte dazu, dass Leute mehr und mehr in Berufe gewechselt sind, in denen sie ihr Gehirn benutzen. Die Technologien von heute ersetzen das Denken. Wohin die Leute jetzt ausweichen können, um neue Jobs zu finden, ist aber eine viel schwierigere Frage.   

Leserkommentare
    • Sandale
    • 11. Oktober 2013 13:03 Uhr

    Jaron Lanier. Sie scheinen sich hinsichtlich der zeitlichen reichweite zu unterscheiden - ansonsten herrscht einigkeit wo die Reise hingeht.

    http://newbooksinbrief.com/2013/06/05/36-a-summary-of-who-owns-the-futur...

    Sehr zu empfehlen.

    • insLot
    • 11. Oktober 2013 13:06 Uhr

    Wenn wir sowohl Körperkraft als auch Denken durch Maschinen ersetzt haben, sollten wir vielleicht auch gleich Gewinn durch Gemeinwohl ersetzen. Denn wenn dem tatsächlich so ist, gibt es keinen logischen Grund mehr irgendwem noch irgendeine Leistung zu vergelten. Es machen ohnehin Maschinen.

    13 Leserempfehlungen
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    • wolfwal
    • 11. Oktober 2013 15:27 Uhr

    auch das letzte Gewerbe, was Menschen dann noch ausüben können ;-)

    • reineke
    • 11. Oktober 2013 16:01 Uhr

    wird bereits seit den frühen 80er Jahren zunehmend und in rasendem Tempo ersetzt,die Arbeit am Fließband die damals noch 10 Leute beschäftigte, regelt heute ein Roboter
    die enormen Gewinnmargen,erziehlt durch diese Umstellung verschwinden auf wundersame Weise,da hinkt das Gemeinwohl schon lange hinterher,dass hat man tunlichst an Vater Staat ausgelagert
    so gesehen erzählt der Mann nichts Neues

  1. Tun sie das?

    Welche Maschine kann denken, Herr Cohen?

    Welche Maschine kann Entscheidungen treffen, Herr Cohen?
    Ich meine damit Entscheidungen, die darüber hinausgehen Daten abzufragen, zu vergleichen und Ergebnisse auszugeben, die Menschen in die Programme geschrieben haben?

    Und die Aussage, daß New York "sicher" ist, halte ich für extrem diskussionsbedürftig...

    ---

    Ansonsten aber ein interessantes Interview mit vielen Aussagen, denen ich zustimme!

    6 Leserempfehlungen
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    Die ist tatsächlich sicherer geworden.

    Ansonsten freut es, dass er 9/11 zu vergessen haben scheint.

    • Burmuda
    • 11. Oktober 2013 13:36 Uhr

    die Frage ist, ob man Ihm vertraut. Er hat den Vorteil, auf Daten zugreifen zu können, die sich kein Mensch jemals merken kann:

    http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=14r0eD2HWbo#t=759

  2. Maschine die Arbeit eines Menschen übernehmen kann, dann sollte der Mensch 100 Vater Unser als Dank gen Himmel schicken, dass er von dieser Arbeit befreit wird.

    Der Mensch ist für höhere Aufgaben konzipiert, als den ganzen Tag Akkus in Handys zu stecken.

    Die Industriegesellschaft hat aus dem Menschen Roboter und Maschinensklaven erst gemacht und es wird Zeit, dass Menschen sich nicht unter Preis verkaufen und wieder beginnen ihr Hirn und ihre Intuition bei ihrem Tagwerk zu benutzen.

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    • Gerry10
    • 11. Oktober 2013 13:29 Uhr

    ...ein Blick durchs Geschichtsbuch zeigt mir aber das +90% der Menschheit eher Muskeln für die Arbeit verwendet hat. Und ein nicht kleiner Teil der Gesellschaft ist oder wäre auch viel lieber bei der Muskelkraft geblieben.
    Was machen wir mit Menschen die nicht ihr Hirn und ihre Intuition - aus welchen Gründen auch immer - verwenden wollen?
    Millionen Menschen arbeiten heute schon in vollkommen unwichtigen Jobs - was mMn auch ein Grund ist warum so viele Menschen Depressionen haben, ist aber ein anderes Thema - und wenn die jetzt auch von einer Maschine ersetzt werden dann was?

    • Wescha
    • 11. Oktober 2013 13:22 Uhr

    "Menschen beispielsweise, die eng mit anderen Menschen arbeiten" (sind sicher)

    - Sieht man ja in der Altenpflege, Erziehung und in der Lehre. Jobs die zwar nicht verloren gehen, aber mittlerweil häufig nicht mehr von Fachkräften ausgeführte werden, bzw. in der Pflege unmenschliche Zustände generieren.

    "Die Chancen sind so groß wie nie zuvor. Aber das bedeutet nicht, dass die Leute sie auch ergreifen."

    - Chancen für wen ? Durch z.B. den Armuts- und Reichtumsbericht u.Ä. ist doch erwiesen, dass die Chancen mit dem Einkommen und der Herkunft steigen. Schon lange nicht mehr kann ein Arbeiterkind Arzt werden. Sieht man ja an Elite-Unis, Bologna und ähnlichem.

    "Wir können das Baugewerbe deregulieren und die Lebenshaltungskosten senken."

    - Ja können wir. Dann wird sich der Niedriglohnsektor ausweiten und Standards werden verschwindne, weil man irgendwann in Konkurrenz um Aufträge anfängt an der Substanz zu sparen. Nach dem Motto: "Der Statiker sagt zwar 50 Tonnen Zement wären notwendig, laut unserem Angebot haben wir aber nur Spielraum für 45. Das wird schon gutgehen." Siehe den oben erwähnten Sozialen Bereich, da wird im Kindergarten schon ein Großteil durch Ehrenamtliche abgefangen, weil es anders nicht mehr geht.

    "Die Gesundheitskosten in den USA sind im Schnitt doppelt so hoch wie in Deutschland. Da existiert noch viel Spielraum"

    - Wieder an der Substanz sparen, nicht jeder Blinddarm heilt nach 5 Tagen aus, auch wenn das "statistisch" erwiesen ist. -->

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    Vielleicht ist es Ihnen nicht aufgefallen, der Mann spricht uber die USA weniger ueber DE. Und wenn er meint, dass die Gesundheitskosten in den USA zu hoch sind, meint er implizit, dass dies aufgrund von ineffzienten Strukturen der Fall ist. Man koennte gleiches uebrigens auch auf DE uebertragen, auch in DE sind die Gesundheitskosten zu hoch, da die Strukturen hochgradig ineffzient sind und sich einige wenige eine goldene Nase verdienen. Wenn in DE bspw. ueberproportional viele Hueft-OPs anfallen, dann liegt das sicherlich nicht daran, dass Deutsche im Vergleich zu anderen Europaern ueberproportional viele Hueftleiden haben, sondern an dem System was es moeglich macht kostenintensive OPs durchzufuehren. Aendert sich die Verguetung von bestimmten Krankheitsbildern in DE, dann aendern sich auch abrupt die Diagnosen und Behandlungen in DE. Und medizinisch ist das ja wohl unerklaerlich. Wie die Regulierung des Baugewerbes in den USA aussieht weiss ich leider auch nicht. Im uebrigen finde ich die Vorhaltung, dass ein Prof. unreflektiert daherquatscht unqualifiziert.

  3. Der Kollege Cohen hat offensichtlich K.M. gelesen, der ja bereits den Ersatz von Arbeit durch Maschinen vorausgesehen und dadurch mehr Freiheit der Menschen für kulturelle Tätigkeiten erwartet hat. Das hat leider nicht in seinem Sinne funktioniert, weil wir Menschen in unserer Mehrheit doch ein wenig zu blöd sind. Und was mir noch auffiel: wenn im Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor geschaffen werden, dann können ja die ganzen ausgelagerten Arbeitsplätze auch wieder zurückkommen. Oder?

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    Ein indischer Informatiker, Biologe oder Elektroingenieur ist billiger als ein amerikanischer Massagetherapheut, Wahrsager, Pooljunge, Fahrzeugparker, Burgerflipper oder aus welch sonstigen "Berufen" die US-Wirtschaft so besteht.

  4. Die ist tatsächlich sicherer geworden.

    Ansonsten freut es, dass er 9/11 zu vergessen haben scheint.

    • Gerry10
    • 11. Oktober 2013 13:29 Uhr

    ...ein Blick durchs Geschichtsbuch zeigt mir aber das +90% der Menschheit eher Muskeln für die Arbeit verwendet hat. Und ein nicht kleiner Teil der Gesellschaft ist oder wäre auch viel lieber bei der Muskelkraft geblieben.
    Was machen wir mit Menschen die nicht ihr Hirn und ihre Intuition - aus welchen Gründen auch immer - verwenden wollen?
    Millionen Menschen arbeiten heute schon in vollkommen unwichtigen Jobs - was mMn auch ein Grund ist warum so viele Menschen Depressionen haben, ist aber ein anderes Thema - und wenn die jetzt auch von einer Maschine ersetzt werden dann was?

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