Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Tafel in Falkensee bereitet Nahrungsmittel für die Ausgabe vor. © Sean Gallup/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Hausmann, heute am Welternährungstag wird viel darüber berichtet, dass mehr als 800 Millionen Menschen weltweit hungern. Wie viele sind es in Deutschland?

Ute Hausmann: Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber die Tafeln erklären, dass sie jede Woche 1,5 Millionen Menschen im Land versorgen. Das Problem ist also groß. Laut Eurostat konnten sich im Jahr 2011 fast neun Prozent der Deutschen nicht einmal jeden zweiten Tag ein Gericht mit Fleisch, Fisch oder einer vegetarischen Alternative leisten. Bei den Alleinerziehenden sind es sogar 18,9 Prozent. 

ZEIT ONLINE: Das sind viele für ein so wohlhabendes Land.

Hausmann: Aber es überrascht nicht wirklich. Klar ist doch: Wenn eine Familie am Existenzminimum lebt und am Monatsende das Geld knapp wird, sparen die meisten zuerst am Essen. Arme haben generell Schwierigkeiten, sich gesund zu ernähren. Ganz zu schweigen von dem sozialen Stigma, das es bedeuten kann, wenn man sich über die Tafeln versorgen muss. Oder wenn man niemanden mehr zu sich nach Hause einlädt, weil man kein Essen anbieten kann. Man muss aber auch klar sagen: Meist geht es in Deutschland um Mangelernährung oder ungesunde Ernährung, nicht um Hunger im Sinne von Kalorienmangel. Allerdings gibt es auch die Situation, dass Menschen in Altenheimen verhungern. 

ZEIT ONLINE: Wer ist am stärksten von Mangelernährung betroffen?

Hausmann: Die größte Gruppe sind alleinerziehende Frauen. Sie leben besonders oft in Armut, und stecken häufig zurück, damit wenigstens ihre Kinder ordentlich zu essen bekommen. Für Kinder ist eine gesunde Ernährung ja besonders wichtig. Daneben Pflegebedürftige in Altenheimen, die stark vom Personal abhängig sind, das nicht die Zeit hat sich zu kümmern. Oder nehmen Sie Flüchtlinge, die mancherorts noch durch Essenspakete versorgt werden. Wie man sich ernährt, hängt auch mit kulturellen und religiösen Aspekten zusammen. Aber den Flüchtlingen wird nicht zugestanden, frei über ihr Essen zu entscheiden. Das kratzt an der Menschenwürde.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, häufig sei das Geld zu knapp für eine ausgewogene Ernährung. Dabei kann frisches, gesundes Essen günstiger sein als Fertiggerichte. Ist Mangelernährung wirklich nur ein finanzielles Problem?

Hausmann: Nein, aber in der deutschen Debatte wird diese finanzielle Seite gerne vergessen. Sicher, es gab ja viele Selbstversuche wohlhabender Menschen, die gezeigt haben, wie gut sie mit dem knappen Ernährungsbudget eines Hartz-IV-Empfängers auskommen können. Aber sie berücksichtigen nicht, dass arme Menschen in der Regel mit ganz grundlegenden Problemen zu kämpfen haben. Für sie geht es eben nicht um einen zeitlich beschränkten Versuch, sondern um ihre Existenz. Am Ende zählt eben doch jeder Euro. Dazu kommt, dass viele von ihnen gar keine Kraft haben, in Ruhe ein ausgewogenes, günstiges Essen zu planen und zuzubereiten.

ZEIT ONLINE: Die Tafeln helfen, viele Arme zu versorgen. Warum kritisieren Sie diese Arbeit?

Hausmann: Die Tafeln sind in den 20 Jahren ihres Bestehens zu einem relevanten Faktor in Politik und Gesellschaft geworden. Was sie tun, wäre eigentlich Aufgabe des Sozialstaats. Politiker zeigen sich sehr gerne mit den Tafeln, nutzen aber auch deren Arbeit als bequemen Vorwand, um selbst nichts zu tun.

Andererseits steckt in der Verankerung der Tafeln in der Gesellschaft das Potenzial, Sozialpolitik zu verändern. Wenn sich tatsächlich 50.000 Menschen ehrenamtlich für die Tafeln engagieren, sind das 50.000 Menschen, die täglich mit Ernährungsarmut konfrontiert sind. Die Frage ist: Sehen die Tafeln es als ihre Aufgabe an, die Armut zu lindern? Oder wollen sie, dass diese Armut auf politischer Ebene bekämpft wird? Das ist die Entscheidung, vor der die Tafeln jetzt stehen.

ZEIT ONLINE: Was fordern Sie?

Hausmann: Das Recht auf Nahrung bedeutet: Jeder Mensch muss jederzeit Zugang zu angemessener Nahrung haben oder zu den Mitteln, sie zu beschaffen – ohne dass andere grundlegende Bedürfnisse beeinträchtigt werden. Auf Deutschland übertragen heißt das: Das Einkommen muss für gesunde Ernährung reichen. Es geht also um existenzsichernde Löhne und um die Frage, wie hoch die Hartz-IV-Regelsätze wirklich sein müssen. Die Hartz-IV-Sanktionen sind menschenrechtswidrig – denn sie bedeuten oft, dass der Betroffene gar kein Geld mehr hat, um sich Nahrung zu kaufen. Nicht zuletzt geht es um eine gerechte Steuerpolitik und um die Frage, wie der Staat das Verhältnis von Arm und Reich generell regelt. Damit muss sich die künftige Bundesregierung auseinandersetzen.