Am Sonntag wird die Hauptstadt unter Hochspannung stehen. Dann bestimmen die Bürger die Zukunft ihrer Energieversorgung. Die Initiatoren des jüngsten Volksentscheids im abstimmungsfreudigen Berlin fordern, dass der Senat ein eigenes Stadtwerk gründet und dem derzeitigen Betreiber Vattenfall das Stromnetz abkaufet. Die Konzession dafür wird auf 20 Jahre vergeben und läuft Ende des kommenden Jahres aus.

Ja oder Nein? Einfach ein Kreuzchen zu setzen, mag vielen schwer fallen angesichts einer derart komplexen Weichenstellung für Jahrzehnte. Doch wenn man es ernst mit dem Klimaschutz meint, dann überwiegen klar die Chancen, die das Votum für den Vorschlag des Energietischs Berlin eröffnet. Er würde der Energiewende den Schwung verleihen, den sie gerade in Berlin nach jahrelanger Trägheit unter Wowereit und Vattenfall dringend braucht. Ja: Die Rekommunalisierung "ist Watt für Berlin".

Zwar kann man durchaus begründet bezweifeln, dass sich der Kraftakt lohnt. Selbst Kritiker bescheinigen dem schwedischen Staatskonzern, dass seine Berliner Tochter Europas zweitgrößtes Stromnetz zuverlässig und technisch innovativ gemanagt habe. Einer staatlichen Netzgesellschaft hingegen trauen das viele kaum zu; umso mehr in einer Stadt, die sich mit Landesbankenfilz und einem vergeigten Großflughafen einen zweifelhaften Ruf erobert hat.

Die über 35.000 Kilometer langen Leitungen zu kaufen, würde überdies den klammen Berliner Haushalt mit neuen Schulden belasten. Einerseits locken sichere Einnahmen aus dem Netzbetrieb in einem Umfang von jährlich rund 50 Millionen Euro; die fließen derzeit nach Schweden. Andererseits würde in den ersten Jahren ein großer Teil dieser Summen dafür draufgehen, Kredite zurückzuzahlen. Für eine Investition, die sich erst langfristig auszahlt, soll die Stadt gegen Vattenfall in den "Trassenkampf" marschieren? Das fragen sich viele Berliner.

Politischer Schnellschuss

Auch wer den Atomkraft- und Kohlekonzern als Klimasünder abstrafen und Vattenfall in seiner zweiten Eigenschaft als Berlins größtem Stromanbieter "den Stecker rausziehen" will, der kann das jetzt schon tun. Er muss nur seinen Vertrag kündigen und mit einem der zahlreichen Ökostrom-Konkurrenten einen neuen abschließen. Ein Stadtwerk allein dafür aufzubauen, dass Berlin auf dem Markt für Grünstrom mitmischen kann: Das wäre tatsächlich den Aufwand nicht wert.

Völlig unglaubwürdig ist daher auch jenes Mini-Unternehmen, auf das sich die kommunalisierungskritische Berliner CDU und die kommunalisierungsfreundliche SPD vorige Woche zähneknirschend schon geeinigt haben. Gerade mal 1,5 Millionen Euro sollen in ihr Potemkinsches Stadtwerk investiert werden. Dass der Beschluss mit quietschenden Bremsen noch kurz vor dem Volksentscheid durchgedrückt wurde, lässt denn auch eher auf ein taktisches Manöver schließen. Offenbar wollte die Große Koalition dem Bürgervotum – so wie zuvor schon mit der Gründung eines kommunalen Netzbetreibers – vorab den Wind aus den Segeln nehmen.

Mit ihrem Schnellschuss hat das Stadtwerkskonzept des Energietisches, über das am Sonntag abgestimmt wird, allerdings nicht gemein. Das breite Bündnis aus Umwelt- und Klimaschutzinitiativen sieht ein solches kommunales Unternehmen vielmehr als engagierten und offensiven Treiber der Energiewende. Seine Mitarbeiter sollen nicht nur grünen Strom produzieren und zukaufen und dabei Berlin mit dem ökoenergiereichen Brandenburger Umland klug vernetzen. Geplant ist auch, die Strom- und Wärmeversorgung effizient miteinander zu koppeln; Bürger sollen beraten werden, wie sie Energie und Geld sparen können – und vieles mehr.