EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard auf dem Klimagipfel des vergangenen Jahres in Doha © Karim Jaafar/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Hedegaard, die Energie- und Klimapolitik wird eine zentrale Aufgabe der nächsten deutschen Regierung sein. Haben Sie eine Botschaft an die möglichen Koalitionäre?

Connie Hedegaard: Ganz klar, die europäische Energie- und Klimapolitik ist eng mit der deutschen Energiewende verbunden. Deutschland beeinflusst den Rest Europas alleine durch seine Größe und wirtschaftliche Stärke. Wenn wir in Brüssel über den Aufbau der richtigen Infrastruktur nachdenken, oder darüber, wie wir die Energiesysteme stärker europäisch ausrichten können, um die Kosten des Umbaus niedrig zu halten, dann verfolgen wir das deutsche Beispiel genau. Aus meiner Sicht ist deshalb entscheidend, dass die Energiewende in Deutschland schneller vorankommt.

ZEIT ONLINE: Geht es konkreter? Was halten Sie zum Beispiel von dem Vorschlag, den Betreibern von Kohle- oder Gaskraftwerken Geld nur dafür zu zahlen, dass sie Kapazitäten vorhalten, um die Grundversorgung mit Strom zu garantieren?

Hedegaard: Ich werde der deutschen Regierung dazu keinen Rat geben. Für ganz Europa gilt: Wir dürfen uns nicht allein damit auseinandersetzen, wie unsere Energieversorgung in den Jahren 2020 oder 2030 aussieht. Entscheidend ist die längerfristige Perspektive. Alle Staats- und Regierungschefs der EU haben erklärt, dass sie den Wandel zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft bis zum Jahr 2050 wollen. Ob er gelingt, hängt von heutigen Investitionsentscheidungen ab.

ZEIT ONLINE: Energiekommissar Günther Oettinger möchte den Energiemarkt stärker harmonisieren – etwa, indem er die Förderung für Ökostrom europaweit stärker vereinheitlicht und Energie-Importe erleichtert. Was halten Sie davon?

Hedegaard: Es wird kein völlig einheitliches System geben, das hat Oettinger auch nicht gefordert. Aber wir müssen die Auswüchse bekämpfen. Ein Beispiel: Landwirte aus Süd-Dänemark haben vor einigen Jahren, als ich noch Ministerin war, ihre Gülle an deutsche Biogasanlagen verkauft. In Deutschland bekamen sie das Dreifache an Subventionen. Das ist keine sehr praktische Politik.

Junge Technologien sollten schneller gefördert werden.

Es kann auch nicht unser Ziel sein, marktreife und wettbewerbsfähige Technologien auf ewig zu subventionieren. Solaranlagen beispielsweise, oder Windräder an Land. Sie dürfen nach 2020 nicht weiter so gefördert werden, als wären sie immer noch nicht ausgereift und sehr teuer. Junge Technologien aber sollten schneller gefördert und auf den Markt gebracht werden. Wir brauchen ein flexibleres Fördersystem.

ZEIT ONLINE: Die Kommission wird im kommenden Jahr ein Energie- und Klimapaket für die Jahre bis 2030 vorlegen. Welche Ziele werden darin stehen?

Hedegaard: Wir untersuchen gerade verschiedene Szenarien. Wir prüfen beispielsweise, wie hoch die Job-Potenziale sind, wie die Wettbewerbsfähigkeit auf bestimmte Vorgaben reagiert, und wie sich die Energiepreise entwickeln könnten. Wenn Deutschland nun seine Emissionen bis 2020 um 40 Prozent senken möchte, trifft sich das sehr gut.

ZEIT ONLINE: Europa will seine Emissionen bis 2050 so kostengünstig wie möglich um 80 Prozent senken. Müssten wir dann nicht jetzt schon ein europäisches Ziel von minus 45 Prozent bis 2030 beschließen?

Hedegaard: Unsere Analysen zeigen, dass eine Minderung von 40 Prozent bis 2030 kosteneffizient wäre. Entscheidend ist aber, mit welchen Instrumenten man das Ziel erreichen möchte. Durch mehr Erneuerbare? Durch mehr Energieeffizienz?

Wir sollten die wirtschaftlichen Vorteile beider Instrumente nicht unterschätzen. Effizienz und Erneuerbare haben sich in der Krise als widerstandsfähiger erwiesen als andere Branchen. Grüne Wirtschaftszweige – also Effizienz, Erneuerbare und Müllwirtschaft inklusive Recycling – gehören zu den Branchen mit dem größten Job-Potenzial nach 2020. Das bedeutet: Es gibt keine gute Wirtschaftspolitik ohne Klimaschutz. Setzen wir die Rahmenbedingungen richtig, könnten Millionen neue Jobs entstehen.

ZEIT ONLINE: Rechnen Sie in ihren Zielen die Möglichkeit ein, durch Investitionen im Ausland Emissionen zu vermeiden, um im eigenen Land weniger unternehmen zu müssen? Diese sogenannten carbon offsets sind sehr umstritten.

Ich halte es nicht für weitsichtig, Geld nach China zu schicken, um dort Emissionen zu senken.

Hedegaard: Wir sprechen hier von minus 40 Prozent durch rein innereuropäische Anstrengungen. Das ist wichtig. Bisher haben wir viele Minderungen durch offsets erreicht – das mag zwar billiger sein, als zu Hause die Emissionen zu senken, aber es gibt dabei ein Problem: Dadurch finanziert Europa Technologie und Entwicklung in anderen Ländern, vor allem in China, Indien, Brasilien, Indonesien und Südkorea. Ich halte es nicht für weitsichtig, Geld nach China zu schicken, um dort Emissionen zu senken. Viel besser ist es, in Europa den Wandel in Gang zu setzen und Jobs zu schaffen.

ZEIT ONLINE: In der Öffentlichkeit herrscht derzeit der Eindruck, dass Europa in der jüngsten Zeit nicht mehr so viel Wert auf die Klimapolitik legt. Selbst der vermeintliche Vorreiter Deutschland bremst.