Die EU-Kommission schimpft mit den Deutschen, weil sie einen zu hohen Exportüberschuss haben. Den mögen sie runterfahren, indem sie mehr importieren, weil die Rest-EU unter dem Ungleichgewicht leide: Die Deutschen verkaufen zu viel und kaufen zu wenig, seien also zu tüchtig.

Überspitzt: Der Primus ist irgendwie schuld daran, dass die Mitschüler das Klassenziel nicht schaffen. Das ist zur Hälfte richtig: Der Klasse insgesamt geht es nicht gut, wenn einer scheffelt und alle anderen darben.

Die andere Hälfte geht daneben, nämlich die Empfehlung, wonach die Musterknaben daheim mehr konsumieren müssen, um so die Nachzügler mit ihrer Nachfrage zu stärken: Kauft mehr Autos, Wein und Zement bei den Nachbarn.

Dieser Eintrag ins Klassenbuch basiert auf drei Denkfehlern.

Erstens fahren die Deutschen ihre märchenhaften Überschüsse, 150 Milliarden Euro von Januar bis September 2013, nicht in der EU ein, sondern auf dem Weltmarkt. Sie haben den EU-Ländern Waren für 466 Milliarden verkauft, von ihnen für 430 Milliarden gekauft. Der Überschuss schrumpft so auf 36 Milliarden zusammen, erklecklich, aber nicht überwältigend, wenn man dagegen die Wirtschaftsleistung der EU setzt: 13 Billionen für das gesamte Jahr 2012.

Zweitens zurück zum Klassenprimus-Vergleich. Wer hier nur die Einsen der Deutschen und die Dreien der anderen betrachtet (und die Fünfen von Griechenland und Co.), der darf daraus nicht schließen, dass der Streber am Ungemach der Mitschüler schuld ist. Man muss schon genau hinsehen und nach den Ursachen forschen.

Der Hauptschuldige heißt Lohnstückkosten. Das ist eine Größe, die Produktivität (was schafft ein Arbeiter?) mit Löhnen (was kostet er?) ins Verhältnis setzt. Ein Unternehmen, ein Land, das hohe Lohnstückkosten hat, wird nicht wettbewerbsfähig auf dem Weltmarkt sein. Just das ist das eigentliche Problem.

Im ersten Jahrzehnt des Euro (1999-2007) sind die deutschen Kosten etwa gleich geblieben. In den Krisenstaaten sind sie um 20, 25, ja 35 Prozent gestiegen. Stellt man diesen Kurven die der Leistungsbilanz (Gesamtausgaben und -einnahmen) entgegen, entsteht keine Überraschung. Diese Kurven stürzen ab, zeigen also wachsende Defizite für Italien, Irland, Spanien etc.

Man muss kein Nobel-Preisträger in Ökonomie sein, um Ursache und Wirkung zu erkennen: Wer die Wettbewerbsfähigkeit verliert, verkauft weniger und importiert mehr. Die Lücke muss mit Schuldenmachen gestopft werden.

Drittens meint nun die EU-Kommission, die Deutschen müssten künftig mehr faulenzen, also ab und zu eine Fünf schreiben. Fahrt die Löhne hoch, damit ihr mehr konsumiert und von euren Nachbarn kauft. In der Schule ist dieser Ratschlag genauso absurd wie im Wirtschaftsleben.

Richtig wirds umgekehrt: Die Nachzügler müssten sich bessern, nicht die Musterschüler sich verschlechtern. Die nicht so Guten müssten in Wahrheit all die Reformen anpacken, die für Schub sorgen: geschützte Waren- und Arbeitsmärkte auflockern, die Produktivität steigern, Wettbewerbshemmnisse ausräumen, länger arbeiten, später in Rente gehen ….

Was hätte denn die EU davon, wenn die Deutschen sich den anderen anpassen? Dann würde das Wachstum der EU noch blutloser werden, deren Wettbewerbsfähigkeit vis-à-vis China, Japan und USA noch mehr sinken. Wie das die gesamte Schulklasse nach oben bringt, bleibt das Geheimnis der EU-Kommission.

Außerdem: Wie bringt man ein Volk dazu, mehr zu kaufen und zu konsumieren? Die deutsche Sparquote ist die zweithöchste Europas; sie ist tief verwurzelt in einer chaotischen Geschichte und einer Kultur, die die EU-Kommission kaum ändern kann. Die Bundesregierung auch nicht. 

Je älter ein Volk – und Deutschland altert rapide –  desto mehr legt es auf die hohe Kante. Auch die Erhöhung der Staatsausgaben, wie sie die Große Koalition plant, wird aus einem "einig Volk von Sparern" keine Verschwender machen.