Umweltaktivisten am Rande der Klimakonferenz in Warschau © Getty Images

Herman Rosa Chávez hatte bis zuletzt gehofft. Chávez, Umweltminister von El Salvador, wollte unbedingt noch seinen größten Gegner sprechen. Am vergangenen Donnerstagnachmittag halb drei sollten er und andere Staatschefs aus Mittelamerika auf die Delegation von Australien treffen. Kein Staat arbeitet auf der Klimakonferenz in Warschau stärker gegen die Pläne, die für El Salvador wichtig sind: die Frage nämlich, wie die Welt mit den Schäden umgeht, die der Klimawandel hinterlässt. Doch das Treffen kam nicht zustande. Stattdessen wird über die Frage bis jetzt gestritten.

Nicht nur in El Salvador werden durch den Klimawandel extreme Wetterereignisse häufiger. Auch Entwicklungsländer wie Bangladesch, die Inselstaaten des Südpazifiks oder die Philippinen sind betroffen. Alle jene Staaten, die besonders hohe Schäden erwarten, sollen eine Entschädigung erhalten, das ist Konsens. Aber wie genau sie geregelt, wie verbindlich sie sein soll und wie mächtig die zuständigen Institutionen sein werden, ist umstritten. Für Länder wie El Salvador hängt viel vom Ausgang des Disputs ab.

Für Herman Rosa Chávez sind die Klimaschäden sogar das wichtigste Thema des Gipfels. Und noch am Freitagnachmittag sah es so aus, als könnte es eines der Themen sein, über das besonders lange verhandelt würde. Nicht nur Australien steht bisher gegen die Position der Entwicklungsländer, auch die anderen Industriestaaten wollen die meisten Forderungen nicht akzeptieren. "Das ist nichts Ideologisches", sagt Chávez, "eher die Unfähigkeit zu begreifen, was wirklich los ist. Die Industrieländer verstehen nicht, was der Klimawandel für uns bedeutet." Deshalb wäre das Treffen mit den Australiern so wichtig gewesen. "Wir müssen mehr miteinander reden, um uns verständlich zu machen."

Man muss sich die Klimakonferenzen der Vereinten Nationen vorstellen wie einen riesigen lebendigen Organismus. 11.000 Personen tagen seit zwei Wochen im Nationalstadion von Warschau: Regierungsdelegierte, Experten, Umweltschützer, Entwicklungsaktivisten, Journalisten. Die eigentlichen Verhandlungen laufen in Zirkeln ab. Je nach Spezialgebiet streiten die Delegierten dort über Geld, Emissionsziele und Klimaschäden. Aktivisten folgen den Verhandlungen oder demonstrieren – und sie alle halten Pressekonferenzen ab, um die Gespräche über die veröffentlichte Meinung indirekt zu beeinflussen. Ständig finden unzählige Veranstaltungen gleichzeitig statt – und sobald eine länger dauert als geplant, kommt der ganze Zeitplan durcheinander. Deshalb konnte Minister Chávez am Donnerstag die Australier nicht mehr treffen. Auch andere Gespräche geraten durcheinander.

Etwa der wichtigste Termin am Donnerstag. Am Abend wollten sich die Minister der G-77-Staaten mit ihren Verhandlungsteams und untereinander über den Hauptverhandlungsstrang des Gipfels verständigen: Worauf kann man sich in Warschau einigen, um den Weg zu dem großen, umfassenden Klimaabkommen zu ebnen, das im Jahr 2015 in Paris verabschiedet werden soll? Davon, wie weitreichend die Warschauer Beschlüsse sind, hängt ab, ob der Zeitplan bis Paris überhaupt zu halten ist. Länder wie El Salvador haben ein besonders großes Interesse daran, dass es schnell vorangeht.

Die Verhandlungsgruppen tagten die ganze Nacht durch bis Freitag früh, mit bescheidenem Fortschritt. Am hartnäckigsten waren die Spezialisten für Klimafinanzen, dem dritten wichtigen Verhandlungspunkt in Warschau. Sie beendeten ihre Arbeit kurz vor sechs Uhr morgens – vorübergehend, um ein wenig zu schlafen. Am Vormittag sagten Delegierte, die bisherigen Ergebnisse in Finanzfragen seien immer noch "relativ unorganisiert".


Da befand sich Minister Chávez gerade in einer Beratung mit seinen Amtskollegen der G 77 und ließ sich von seiner Delegation auf den neuesten Verhandlungsstand bringen. Mittags aß er mit einigen Mitarbeitern im Gipfelrestaurant. Alle hatten müde Gesichter. Für lange Auskünfte hatte Chávez keine Zeit – er wollte die paar Stunden bis zum offiziellen Verhandlungsende für interne Beratungen nutzen und dafür, hinter den Kulissen noch Strippen zu ziehen. "Alles ist im Fluss", sagte er nur. Was so viel bedeutete wie: Niemand kann sagen, was hier noch herauskommt. Und: "Nichts ist vereinbart, solange nicht alles vereinbart ist."