Über den Platz Trzcech Krzyży vor dem polnischen Wirtschaftsministerium zuckt Blaulicht. Mannschaftswagen der Polizei und Feuerwehrautos säumen das Areal, vor dem Ministerium steht eine Menschenmenge. Der Grund steht auf dem Dach des Ministeriums: Greenpeace hat das Gebäude gekapert.

"Wer regiert Polen? Die Kohleindustrie oder das Volk?" steht auf dem rot-weißen Plakat, das an der Fassade hängt. Oben auf dem Dach schwenken Aktivisten Flaggen der Kyoto-Staaten und wichtiger Schwellenländer: die Deutschlands, der Europäischen Union, Japans, der Vereinigten Staaten und Brasiliens.

Montagmorgen, kurz vor neun in Warschau. Die zweite Woche des Klimagipfels beginnt – und im Wirtschaftsministerium lädt der Weltkohleverband zur eigenen Konferenz. Was für ein Symbol, ausgerechnet im Kohleland Polen. Das Branchentreffen steht unter dem Motto "saubere Kohletechnologie, Chancen und Innovationen". Umweltaktivisten wittern eine Strategie. Will die polnische Regierung den Klimagipfel nutzen, um die Kohle reinzuwaschen?

Auch Wissenschaftler sind alarmiert. Gegenüber des Wirtschaftsministeriums, im Sheraton Hotel, hatte Bert Metz früh um acht zur Pressekonferenz geladen. Metz ist niederländischer Klimatologe und hat maßgeblich am dritten und vierten IPCC-Report mitgearbeitet. Seine Botschaft heute: Wenn die Welt weiter neue Kohlekraftwerke baut, die nicht nahezu emissionsfrei arbeiten, – Metz nennt das "unabated coal", unverminderte Kohle – dann ist die Erderwärmung nicht mehr auf zwei Grad zu begrenzen. 26 weitere Forscher stehen hinter seinem Appell. Auf Twitter läuft das Ganze unter dem Hashtag #NoCoal2C.

"Kohle ist nicht klimafreundlich", sagt Metz – selbst dann nicht, wenn man sie in den effizientesten Kraftwerken verbrenne. Die gegenwärtigen Trends brächten der Welt einen "katastrophalen" Klimawandel. "Vier Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts, sechs Grad auf längere Sicht", sagt Metz. Und fügt mit angelsächsischem Understatement hinzu: "Das ist nicht gerade der Weg, auf dem wir sein sollten." Der größte Teil der fossilen Reserven müsse unter der Erde bleiben, fordert er.

Später wird der Chef des Weltkohleverbandes Milton Catelin auf dem Kohlegipfel sagen, wenn alle Kohlekraftwerke der Welt mit einem Wirkungsgrad von 40 Prozent arbeiteten, – "und 40 Prozent ist erreichbar" – könnten so viele Emissionen eingespart werden, wie Indien als aufstrebendes Schwellenland im Jahr emittiere. "Wir sind nicht blind gegenüber dem Klimawandel", sagt Catelin.

Doch die Wissenschaftler sind anderer Meinung. Selbst wenn man alle Kohlekraftwerke zu hocheffizienten Meilern aufrüsten würde, reichte das  nicht aus. Das Problem: Jedes Kohlekraftwerk, das heute gebaut wird, ist auf eine Betriebsdauer von vier oder fünf Jahrzehnten ausgerichtet. Wer jetzt in Kohle investiere, sagt Metz, lege die Emissionen auf lange Zeit fest. "Selbst wenn wir alle Meiler umrüsten, würden sie in den kommenden Jahrzehnten zu viele Treibhausgase ausstoßen. Wir müssten die Emissionen aber auf Null senken."