Ioane Teitiota, ein Bürger des winzigen Insel-Archipels Kiribati, will nicht in seine Heimat zurück. Er will der erste juristisch anerkannte Klimaflüchtling der Welt werden. Neuseeland möchte ihn abschieben. Teitiota hat im Oktober vor Gericht Berufung dagegen eingelegt. "Wir haben keine Zukunft, wenn wir zurückkehren", sagte er dem Gericht. Auf Kiribati wartet eine ganz konkrete Bedrohung auf ihn: Die Korallenriffe der Insel erodieren, die Flutwellen werden immer öfter und höher und – das Schlimmste – der Meeresspiegel steigt und steigt.

Der Fall von Teitiota sorgt international für Aufmerksamkeit. Sie könnte zunehmen, wenn sich der oberste Gerichtshof in Neuseeland oder die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen mit dem Fall beschäftigen. Sicher, man kann über den Ausgang des Verfahrens spekulieren. Aber der Fall ist unabhängig davon richtungsweisend. Denn Teitiota ist der erste Flüchtling, der sich auf den Klimawandel beruft, und er wird nicht der letzte sein. Die Zahl der Menschen, die wegen des Klimawandels Schutz in anderen Ländern suchen und dort zu Fremden werden, wird zunehmen.   

Das Problem ist, dass die Internationale Flüchtlingskonvention solche Klimaflüchtlinge nicht kennt. Sie bietet nur solchen Menschen Schutz, die etwa wegen ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit verfolgt werden oder die vor Krieg und Gewalt fliehen. Sie bezieht sich aber nicht auf Menschen, die unter den geballten Kräften des von uns verursachten Klimawandels leiden.

Meerwasser in der Trinkwasserversorgung

Viele Fachleute beziehen sich daher auf Teitiota, um klarzumachen, dass unsere juristische Definition eines Flüchtlings dringend überarbeitet werden muss. Die Zeit drängt. Auf den Pazifikinseln spülen große Flutwellen durch die Hafenstädte, Meereswasser gelangt in die Trinkwasserversorgung. Der jüngste Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change warnt, dass selbst die ehrgeizigsten Maßnahmen kaum mehr ausreichen könnten, das Verschwinden einiger Städte zu verhindern.

Doch auch wenn der Fall Teitiota so anschaulich ist, verschleiert er einen entscheidenden Punkt: Die Zahl der Flüchtlinge durch den Klimawandel wird zunehmen. Der UN-Flüchtlingsbeauftrage sagte erst kürzlich: "Wir stellen fest, das immer mehr Menschen fliehen, weil ihnen der Zugang zu Wasser, Lebensmitteln fehlt und weil sie in extremer Armut leben. Der Klimawandel verschärft die Lage noch." Das Problem wird nicht einfacher, denn wie soll man es schaffen, einen einzelnen Umweltfaktor als Grund für Migration zu isolieren?

Wie komplex die Lage ist, zeigt der Taifun Haiyan auf den Philippinen. Mehr als 10.000 Menschen starben, mehr als 600.000 sind auf der Flucht. Aber jeden Tag, und das ist genauso wichtig, bedroht der Klimawandel die Philippinen – das registriert die internationale Gemeinschaft nur nicht. Im August standen 80 Prozent der 20-Millionen Einwohner-Metropole Manilas unter Wasser. Teilweise erreichte der Wasserpegel eine Höhe von zwei Metern. 30 Stürme ziehen im Jahr über die Stadt hinweg. Sicher, der Klimawandel ist nicht der einzige Grund, warum Menschen flüchten. Aber wer diese Zusammenhänge leugnet, hat wenig verstanden.

Es reicht nicht aus, dass wir einfach unser Rechtssystem anpassen. Wie die Juristin und Fachfrau für Menschenrechte, Anna Grear, argumentiert, müssen wir an die Strukturen heran, die zu dieser weltweiten Ungleichheit führen: Die Staaten, die am wenigsten den Klimawandel mitverschulden, sind am stärksten von ihm betroffen. Und die, die ihn verschärfen und vertiefen, leiden am wenigsten unter seinen Folgen.  

Wir brauchen mehr als ein Bekenntnis zur Nächstenliebe. Es ist eben nicht so, dass wir unschuldige Samariter sind, die auf Fremde treffen, die unsere Hilfe benötigen. Viel eher ist jeder einzelne von uns mehr Räuber als Samariter. Es sind unsere eigenen Klimagas-Emissionen, die diese reale Bedrohung verursachen und schreckliches Leid verursachen. Umso mehr müssen wir unsere Haltung gegenüber Menschen wie Ioane Teitiota ändern, die unter den Folgen unseres Handels zu leiden haben.