Dargelütz muss man nicht kennen. Ein Kaff mit vier Straßen, keine Geschäfte, keine Dorfkneipe, gerade einmal 150 Einwohner. Und doch macht das kleine Dorf in Mecklenburg-Vorpommern bundesweit seit einigen Monaten Furore. Eine Bürgerinitiative wehrt sich lautstark gegen den Bau einer großen Schweinemastanlage, organisiert Onlinepetitionen und Demonstrationen vor dem Landtag in Schwerin.

Ein niederländischer Investor will in Dargelütz eine Stallanlage für mehr als 15.000 Schweine bauen. Es wäre die größte Schweinemast in der Region, sagt Günther Schulze von der Initiative Dargelütz. Üblich seien dort Ställe für etwa 2.000 Schweine. "Wir wollen hier keine industrielle Schweinezucht mit all ihren negativen Folgen für Anwohner, Umwelt und Gesundheit." Die Tierhaltung sei nicht artgerecht, es werde massive Geruchs- und Keimbelastungen geben. Mitte Dezember wollen Schulze und andere engagierte Bürger bei einer öffentlichen Anhörung dem Investor ihre Meinung sagen.

Was in Dargelütz passiert, ist typisch für eine Entwicklung in der deutschen Landwirtschaft. Immer mehr Mega-Mastbetriebe entstehen oder sind in der Planung – gerade in Ostdeutschland. Zugleich geben immer öfter kleine Höfe auf, jedes Jahr allein drei Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe. Von den kleinen Schweinemästern hat in den vergangenen drei Jahren ein Drittel aufgehört, mittlerweile gibt es nur noch 2.800 Betriebe mit weniger als 100 Tieren.

Zugleich aber steigt die Zahl der Großställe enorm an, seit 2010 von 300 auf mittlerweile 500 Betriebe. Diese halten in Deutschland inzwischen 4,6 Millionen Schweine. Der Markt ist inzwischen so konzentriert und in der Hand einiger weniger Großmäster, dass das Statistische Bundesamt detaillierte Zahlen aus den Bundesländern nicht veröffentlichen darf, aus Rücksicht auf Geschäftsgeheimnisse. "Wir stellen einen gigantischen Strukturwandel fest", sagt Reinhild Benning, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Die Agrarindustrie übernimmt zunehmend die Landwirtschaft."

Die Proteste dagegen nehmen zu, ob von Umwelt- und Tierschützern oder von betroffenen Anwohnern. Mehr als 250 Bürgerinitiativen wehren sich in Deutschland gegen die industrielle Tierhaltung, angeführt von dem Bündnis "Bauernhöfe statt Agrarfabriken". Selbst der Bauernverband verfolgt die Entwicklung skeptisch: "Wir brauchen die Akzeptanz der Bevölkerung", sagt ein Sprecher, "aber ab einer gewissen Größe der Betriebe wird das schwer".

Wenige konkrete Vorschläge

CDU, CSU und SPD sind aber offenbar nicht bereit, Sorgen und Widerstand der Bürger ernst zu nehmen. Die drei Parteien haben in ihren Koalitionsgesprächen auch über die Zukunft der Agrarpolitik verhandelt, das Abschlusspapier der Arbeitsgemeinschaft Umwelt und Agrar liegt ZEIT ONLINE vor. Es enthalte kaum konkrete Ideen, wie sich eine Agrarwende in Deutschland bewerkstelligen ließe, kritisieren Umweltschützer.

"Es gibt zwar einige sinnvolle Bekundungen, vieles bleibt aber viel zu vage", sagt Agrarexperte Martin Hofstetter von Greenpeace. So ist etwa von einer "flächengebundenen Nutztierhaltung" die Rede. Sie wird aber nur angestrebt, ein verbindlicher Zeitplan fehlt. Flächenbindung bedeutet, dass Landwirte Ackerflächen nachweisen müssen, auf denen sie für ihre Tiere Futter anbauen und Gülle ausbringen. Diese Regel setzt Strukturen, die nur auf Masse setzen, eine Grenze: Ein Betrieb kann eben nur so viel Gülle produzieren und ausbringen, wie er Fläche besitzt. Doch Union und SPD scheuen sich davor, die Flächenbindung deutschlandweit einzuführen und zur Pflicht zu machen.