Die Aktion schlug Wellen. Vor vier Wochen begann Edeka in einigen Märkten ein Experiment. Unter dem Namen "Keiner ist perfekt" verkauft die Supermarktkette seither Gemüse und Obst mit Schönheitsfehlern: krumme Gurken, dreibeinige Karotten, fleckige Äpfel, ungleichmäßig gewachsene Zwiebeln oder Mini-Kartoffeln, alles zu einem deutlich niedrigeren Preis. Damit schaffte es Edeka bis in die Abendnachrichten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Der Hintergrund: Für viele Obst- und Gemüsesorten gelten Normen, die Form, Größe und Farbe der Ware vorschreiben. Was diesen Normen nicht entspricht, darf nicht ins Regal. Dafür ist nicht nur die Europäische Union verantwortlich, im Gegenteil. Die Politik in Brüssel hat gerade erst 26 von einst 36 Obst- und Gemüsenormen gestrichen. Auch die deutsche Regierung setzt sich dafür ein, weitere Normen abzuschaffen. Es sind eher die Händler selbst, die ihren Lieferanten eigene Vorgaben machen. Manche halten noch immer an den alten EU-Richtlinien fest.

Wegen der strikten Normen aber werde "ein nicht gerade unerheblicher Teil der Ernte" gleich auf dem Acker wieder untergepflügt, erklärte Edeka. "Obwohl es sich um qualitativ einwandfreie Ware handelt, gelingt der Kartoffel nicht der Weg zum Verbraucher." Indem man "wild gewachsenes" Gemüse anbiete, wolle man das ändern.

Andere Supermarktketten haben ähnliche Initiativen gestartet. Rewe vermarktet in Österreich seit Anfang Oktober seine "Wunderlinge", vor allem Karotten, Kartoffeln und Äpfel, teilweise zum halben Preis der Normware. Die Schweizer Kette Coop hat seit August die Marke "Ünique" im Regal, deren dreibeinige Karotten etwa sechzig Prozent weniger kosten als die perfekt gewachsenen Schwestern. Edeka verkaufe seine wild gewachsene Ware je nach Sorte mit einem Preisnachlass von rund 30 bis 50 Prozent, sagt Sprecher Gernot Kasel. Die erste Resonanz der Kunden sei gut.

Die Medien haben die krummen Supermarktgurken bisher überschwänglich begrüßt. Es hieß, die neue Vermarktungsidee sei ein wichtiger Beitrag, um die Verschwendung von Lebensmitteln einzudämmen.

Denn die ist tatsächlich ein großes Problem. Jedes Jahr wird weltweit ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen oder verrottet schon auf dem Weg vom Bauern zum Verbraucher, schätzt die Welternährungsorganisation – so viel, dass zwei Milliarden Menschen davon satt werden könnten. Es ist eine enorme Verschwendung von Ressourcen: Nicht nur, weil das jährlich weggeworfene Essen etwa 750 Milliarden Dollar wert ist. Sondern auch, weil dafür geschätzte 28 Prozent des weltweiten Ackerlandes und 250 Kubikkilometer Wasser pro Jahr aufgewendet werden – letztlich ohne irgendeinen Nutzen.

Dass es auch in Deutschland großen Handlungsbedarf gibt, ist unbestritten. Die Universität Stuttgart schätzt, dass hierzulande jährlich elf Millionen Tonnen Nahrung auf den Müll wandern. Oft gehen die Lebensmittel schon verloren, bevor sie in die Regale kommen. Umgerechnet auf den einzelnen Haushalt entspricht das einer Menge von 82 Kilo. Wenn der Verkauf von krummen Gurken durch die Supermärkte daran etwas ändern könnte, wäre viel gewonnen.

Die Schwierigkeit ist nur: Niemand weiß so genau, wie viele Kartoffeln und Gurken, Karotten oder Äpfel tatsächlich im Müll landen, weil sie nicht hübsch genug fürs Ladenregal sind – und wie viel aus anderen Gründen verdirbt. Etwa weil die Märkte nicht mehr ganz frische Ware aus den Regalen entsorgen. Oder weil die Verbraucher zu viel einkaufen und das Essen später zu Hause wegwerfen.

Oft sind die Gurken doch gerade

"Belastbare Zahlen gibt es dazu keine", sagt Klaus Hadwiger. Er beschäftigt sich an der Uni Hohenheim mit der Frage, wie man die Lebensmittelverschwendung minimieren kann. Auch er weiß, dass zu kleine Kartoffeln mangels Vermarktbarkeit manchmal vom Bauern gleich wieder untergepflügt werden, teilweise auch in großen Mengen. "Aber die Bauern sind natürlich bestrebt, so wenig Verluste wie möglich zu haben", sagt er.  

Beim Bauernverband heißt es, das Angebot an schief oder klein gewachsenem Gemüse sei gar nicht so groß. "Es gibt mehr gerade Gurken als krumme", sagt ein Sprecher, als er nach der Edeka-Aktion gefragt wird. Eine Rewe-Sprecherin aus Österreich kann das bestätigen: Etwa drei bis zehn Prozent der Ernte entspreche nicht den Industrienormen, sagt sie. Wie viel genau, hänge von der jeweiligen Sorte ab und vom Wetter im Laufe des Jahres.