Michael Sommer ist der mächtigste Gewerkschafter im Land. Es mag also etwas heißen, wenn der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes den Koalitionsvertrag von Union und SPD für einen großen Erfolg hält. Immerhin wird darin eine alte Forderung des DGB Realität: der gesetzliche Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro die Stunde.

Kommen soll er Anfang 2015. "Eine langjährige Forderung des DGB wurde endlich durchgesetzt", jubelte Sommer am Mittwoch, nachdem Union und SPD am Dienstag den Koalitionsvertrag präsentierten. Laut Wirtschaftsforschern könnten von der neuen Regel zwischen fünf und sieben Millionen Arbeitnehmer profitieren. Auch für Mini-Jobber soll der Mindestlohn zukünftig gelten.

Doch was ist der Mindestlohn tatsächlich wert? Union und SPD haben sich zwar auf 8,50 Euro die Stunde geeinigt. Wer sich aber Seite 68 im Koalitionsvertrag einmal genau anschaut, bemerkt schnell Ausnahmen und Schlupflöcher.

So will Schwarz-Rot etwa einigen Branchen eine Übergangfrist von zwei Jahren gewähren. Vor allem Wachdienste, Wäschereien, aber auch Branchen wie die Leiharbeit sollen mehr Zeit bekommen, das Lohnniveau anzuheben. In all diesen Branchen gelten bisher niedrigere Mindestlöhne als 8,50 Euro pro Stunde. Auch Tarifverträge, die bisher Lohnuntergrenzen eingezogen haben, sollen erst mal gültig bleiben. In vollem Umfang soll der Mindestlohn in Deutschland erst ab dem Jahr 2017 gelten.

Inflationsausgleich bislang kein Thema

Das aber ist erst in mehr als drei Jahren. 8,50 Euro werden dann weitaus weniger wert sein als heute, schließlich steigt das allgemeine Preisniveau – und das wiederum mindert die Kaufkraft. Unterstellt man eine Inflationsrate von zwei Prozent, wie sie die Europäische Zentralbank in Europa anstrebt, dann entsprechen die 8,50 Euro im Jahr 2017 einer heutigen Kaufkraft von etwa 7,85 Euro.

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Man könnte allerdings auch anders rechnen. Nimmt man neben der Preissteigerung von zwei Prozent noch eine durchschnittliche Produktivitätssteigerung von einem halben Prozent jährlich an, dann müsste der Mindestlohn im Jahr 2017 eigentlich bei rund 9,40 Euro liegen.

Einen Inflationsausgleich oder gar eine Anpassung an das Produktivitätswachstum haben Union und SPD bislang aber nicht vorgesehen. Laut dem Koalitionsvertrag soll sich erst Mitte Juni 2017 eine neu gegründete Kommission erstmals des Mindestlohns annehmen. Das Gremium, besetzt aus den Tarifparteien und Wissenschaftlern, soll prüfen, ob das Mindestlohnniveau noch angemessen ist oder ob die Politik die 8,50 Euro zum Jahresbeginn 2018 nicht lieber aufstocken sollte.

Den Gewerkschaften dauert das schon jetzt zu lange. Tarifexperte Reinhard Bispinck vom gewerkschaftsnahen Forschungsinstitut WSI fordert daher, dass das neue Mindestlohngesetz der Lohnkommission eindeutige Orientierungspunkte geben muss: "Der reale Mindestlohn muss mindestens stabil bleiben und entsprechend der Produktivität steigen", sagt er. Zudem müsse klar sein, dass die Kommission sich das Lohnniveau jedes Jahr aufs Neue anschaue. Bislang planen Union und SPD im Koalitionsvertrag nur eine Überprüfung "in regelmäßigen Abständen".

Schaut man sich die eigene Hauspolitik an, so ist der DGB weniger zimperlich. Die Forderung nach einem deutschlandweiten Mindestlohn von 8,50 Euro stammt noch aus dem Jahr 2010 – und ist seitdem unverändert geblieben.