Geringverdiener sind in Deutschland stärker als in vielen anderen Industriestaaten von Altersarmut bedroht. Dies geht aus dem neuen OECD-Rentenbericht hervor, der die Entwicklung in 27 wichtigen Industrieländern vergleicht. Besonders für Menschen, die nicht ihr ganzes Leben durchgängig voll gearbeitet haben, wird es demnach schwieriger, mit dem Geld aus der Rentenversicherung auszukommen. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass Geringverdiener privat Altersvorsorge betreiben können.

Wer nur die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens verdient, wird im Alter netto auch nur noch 55 Prozent seiner heutigen Bezüge erhalten. Das sei weniger als in allen anderen Industrienationen, rechnet der Rentenbericht vor. Der Schnitt liege bei fast 82 Prozent. Ein Grund dafür ist die Abhängigkeit der Rentenhöhe von Versicherungsjahren und Beitragshöhe in Deutschland. Andere Staaten hätten bei der Alterssicherung Umverteilungssysteme zugunsten von Geringverdienern eingeführt.

In Deutschland sind Umverteilungssysteme für Geringverdiener Anfang der 1990er Jahre abgeschafft worden. Als Geringverdiener gilt, wer weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens (Median) erhält. In Deutschland sind das 10,5 Prozent, OECD-weit 12,8 Prozent. In der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben sich die hoch entwickelten Industrieländer zusammengeschlossen.

Wirtschaftskrise beschleunigte Reformen

Für künftige Rentner gelte aber auch in anderen Nationen die Formel: "Länger arbeiten, mehr sparen." Die Wirtschaftskrise habe in der Mehrzahl der OECD-Mitgliedsländer Reformen der Alterssicherung beschleunigt. Fast überall sei das Renteneintrittsalter nach hinten verschoben worden. 67 Jahre seien als Zielzahl inzwischen in den meisten Staaten Standard. Zugleich würden künftigen Rentnergenerationen fast überall nur noch niedrige Einkommen versprochen – auch um die Folgen des demografischen Wandels und der höheren Lebenserwartung für die Rentenkassen abzuschwächen.

Insgesamt gilt nach den Reformen in so gut wie allen Industrieländern, dass Personen, die heute in den Arbeitsmarkt eintreten, später einmal mit einer geringeren Rente rechnen müssen. Durch einen längeren Verbleib im Erwerbsleben (Rente mit 67) kann laut OECD nur ein kleiner Teil dieser Verluste ausgeglichen werden.

Frauen besonders betroffen

"Wir müssen aufpassen, dass die langfristigen Folgen für den sozialen Zusammenhalt und Altersarmut nicht aus dem Blick geraten", sagte die Leiterin der OECD-Abteilung für Sozialpolitik, Monika Queisser. "Es fehlt an einer systematischen Lösung der Altersarmut in Deutschland." Niedrigverdiener sollten "nachhaltig abgesichert werden". Allerdings hätten die Probleme ihre Ursache häufig im Arbeitsmarkt und könnten nicht allein durch das Rentensystem gelöst werden. So würden Frauen – die allgemein besonders stark von Altersarmut bedroht sind – häufig nur Teilzeit arbeiten. Auch verdienen sie oft weniger als ihre männlichen Kollegen – bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit.

Union und SPD verhandeln in ihren Koalitionsgesprächen derzeit über die Einführung einer solidarischen Lebensleistungsrente. Dabei sollen die Rentenansprüche von Geringverdienern auf bis zu etwa 850 Euro aufgestockt werden. Voraussetzung sind 40 Beitragsjahre in der Rentenversicherung, wobei auch bis zu fünf Jahre Arbeitslosigkeit als Beitragsjahre gelten sollen. Für Minijobber bis 450 Euro – die dies nicht als Nebenjob und nicht als Schüler, Studenten oder Rentner machen – soll künftig die Rentenversicherungspflicht greifen. Die erst in diesem Jahr eingeführte Ausstiegsklausel wird demnach wieder abgeschafft.