ZEIT ONLINE: Herr Widjaya, mit Ihrer Organisation Walhi engagieren Sie sich gegen den Palmölanbau in Indonesien. Warum?

Anton Widjaya: Die Ölpalmen werden in Monokultur angebaut. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Umwelt. Für die Plantagen holzt man riesige Wälder ab und erschließt Torfmoorböden. Beides setzt sehr viel Kohlendioxid frei. Schlimmer sind aber die Folgen des Palmölanbaus für die lokale Bevölkerung.    

ZEIT ONLINE: Welche Folgen meinen Sie?

Widjaya: Die Leute werden von ihrem Land vertrieben und verlieren ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit. Sie werden zu Tagelöhnern oder Vertragsarbeitern auf dem Land, auf dem sie vorher eigenständig Kautschuk oder Reis angebaut haben. Nur wer einen offiziellen Landtitel der Distriktregierung besitzt, bleibt verschont. Aber das sind die wenigsten.

ZEIT ONLINE: Wer vertreibt die Leute?

Widjaya: Meist werden die Dorfvorsteher von den Palmölfirmen "gekauft". Sie haben dann die Aufgabe, die Bauern zum Verkauf ihres Landes zu überreden – meist zu inakzeptablen Preisen, oft geben die Firmen sogar nur etwas Reis als Entschädigung. Die Dorfvorsteher aber erhalten eine Art Provision, die davon abhängt, wie viele Leute ihr Land verkaufen. Sie sind gut im Überreden.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, dass auch die Polizei Druck ausübt.

Widjaya: Vor dem Regimewechsel in den Neunzigern war die Repression ganz offensichtlich. Da rückten wirklich Polizei und Militär an. Heute funktioniert das viel subtiler. Der Polizist kommt beim Bauern vorbei und fragt ihn: Warum hast du dein Land noch nicht verkauft? Er kommt am nächsten Tag wieder, und am übernächsten erneut. Irgendwann fühlen sich die Leute so bedroht, dass sie kapitulieren.

ZEIT ONLINE:  Haben die Bauern wenigstens die Möglichkeit, auf den Palmölplantagen zu arbeiten?

Widjaya: Es ist schwer, die neue Anbauweise zu lernen. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Die Leute werden meist nur als Tagelöhner eingestellt. Sie werden katastrophal bezahlt. Sie kommen täglich mit Pestiziden in Berührung, müssen ihre Schutzkleidung selbst bezahlen, und sie haben überhaupt keine Absicherung.

ZEIT ONLINE: Wie könnte der Anbau von Palmöl fair organisiert werden?

Widjaya: Wir fordern, dass die Bauern aufgeklärt werden. Sie müssen frei entscheiden können, ob sie ihr Land hergeben. Indonesien müsste auch die Rechte der Arbeiter verbessern, statt Investoren aus dem Ausland mit seinen billigen Arbeitskräften anzulocken. Die Löhne für die Arbeiter müssten angemessen sein – auch damit nicht so viele Indonesier auf Jobsuche nach Saudi-Arabien oder Malaysia gehen. Das ist ein großes strukturelles Problem in unserem Land: Die Arbeitskräfte sind da, die passenden Jobs nicht. Und die Palmölproduzenten müssten aufhören, die Arbeiter nur als Produktionsfaktor zu sehen, den man möglichst billig hält.

ZEIT ONLINE: Nicht alles am Palmöl ist schlecht. Für den gleichen Ertrag brauchen die Palmen viel weniger Anbaufläche als andere Ölpflanzen, etwa Raps oder Soja. Außerdem ist Palmöl ein wichtiges Nahrungsmittel, auch für die Lokalbevölkerung.

Widjaya: Trotzdem ist der Kautschuk für die Kleinbauern in Indonesien wertvoller als Palmöl. Für sie geht es nicht nur um Produktivität, sondern auch um kulturelle Traditionen. Die einfachen Leute auf dem Land konsumieren auch kaum Palmöl. Sie verwenden eher Kokosöl. 70 Prozent der indonesischen Palmölproduktion sind für den Export bestimmt.

ZEIT ONLINE: Die indonesische Regierung sagt, Palmöl schaffe Jobs und Wohlstand ...

Widjaya: Was ich täglich auf den Plantagen erlebe, sieht ganz anders aus. Die Bauern profitieren nicht. Im Gegenteil, sie verlieren ihre wichtigste Ressource, weil die Palme den Boden auslaugt.

ZEIT ONLINE: Immerhin bauen die Palmölfirmen die Infrastruktur im Land aus.

Widjaya: In den meisten Fällen tun sie das zu ihren eigenen Bedingungen, und die Regierung hat nichts zu sagen. Die Unternehmen sagen beispielsweise: Wenn wir diesen Wald haben können oder jenes Dorf, dann bauen wir eine Schule, Straßen oder ein Gesundheitszentrum. Aber später dürfen in den Schulen – so sie tatsächlich gebaut werden – nur Kinder von Bauern unterrichtet werden, die ihr Land verkauft haben. Und das Krankenhaus versorgt nur jene, die mit den Firmen kooperieren.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Nachhaltigkeitsinitiativen wie dem Runden Tisch für Nachhaltiges Palmöl (RSPO)?

Widjaya: Kurz gesagt: Auch wenn der RSPO von Umweltorganisationen wie dem WWF initiiert wurde – ich halte das für Greenwashing. Die Initiative bringt rein gar nichts. In fast zehn Jahren hat sie es nicht geschafft, der Zerstörung von Regenwäldern und Torfmooren für neue Plantagen etwas entgegenzusetzen. Außerdem wird der Tisch von Vertretern der Industrie dominiert. Zum Beispiel sitzen im Vorstand Vertreter vom Lebensmittelkonzern Unilever und dessen wichtigstem Lieferanten Wilmar.

ZEIT ONLINE: Prüfen Händler oder Kreditgeber wie die Deutsche Bank denn die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen oder die Umstände der Landverkäufe?

Widjaya: Soweit ich weiß, nicht. Und wenn, dann liegt das in der Hand von Regierungsstellen, die den Firmen nur die Plantagen zeigen, auf denen alles vorbildlich läuft.

ZEIT ONLINE: Was können die Verbraucher tun?

Widjaya: Es dürfte schwierig sein, Palmöl ganz zu vermeiden. Es steckt ja überall drin. Nachhaltig erzeugtes Palmöl gibt es auch kaum. Und auf dem Weg von der Plantage in die Fabriken der europäischen Lebensmittel- oder Waschmittelindustrie wird das Öl vermischt, aufbereitet und umgewandelt. Am Ende lässt sich schwer nachvollziehen, woher das Palmöl im Einzelfall kommt.

ZEIT ONLINE: Wenigstens hat die Europäische Union gerade ihre Beimischungsquote für Biosprit gesenkt.

Widjaya: Europa sollte gar keinen Biosprit verwenden. Das wäre die einzige wirkliche Lösung. Die Beimischungspolitik der EU fördert einen weiteren Markt für Palmöl und damit die Expansion der Plantagen. Mein Eindruck ist, dass es in Deutschland ein aufrichtiges Interesse gibt, etwas gegen die schlimmen Folgen des Palmölanbaus in Indonesien zu tun. Wie das konkret funktionieren soll, ist mir zwar nicht ganz klar, aber umso wichtiger ist die Aufklärung der Verbraucher. In Indonesien sind die Ölfirmen sehr einflussreich. Sie können Politiker kaufen und Kleinbauern beeinflussen. Aber Europas Konsumenten haben sie nicht in der Hand.