Kapitalismus ist wunderbar – eine  wunderbare Projektionsfläche, auf die alle Übel dieser Welt geworfen werden können, wie es Franziskus in der apostolischen Schrift Evangelii Gaudium (Freude des Evangeliums) gerade getan hat. Für ihn kommt der K. in der Kopplung mit "ungezügelt" daher und mit der "Tyrannei des vergötterten Marktes", die nur Unrecht und Ungerechtigkeit zeuge.

Was ist eigentlich der K.? Nach einer nüchternen Definition, die Karl Marx und Max Weber folgt, ist es eine Wirtschaftsordnung, die auf dem Privatbesitz von Produktionsmitteln und der Steuerung durch den Markt beruht – durch Angebot, Preis und Nachfrage. Der Motor ist das Gewinnstreben. 

So unemotional betrachtet, ist der K. identisch mit der Moderne seit dem Feudalismus – mit einem gescheiterten Zwischenspiel namens Sowjetkommunismus. Im Feudalismus gehörten die wichtigsten Produktionsmittel den Fürsten, Königen und Prälaten – sogar die Menschen selber, die als Leibeigene firmierten.

Im Bolschewismus gehörten die Fabriken, Banken und Böden dem Staat. Von Gerechtigkeit konnte in beiden Systemen keine Rede sein; was an kärglichem Mehrwert entstand, ging an den Adel oder die Nomenklatura. Beide Systeme wurden zu Recht weggefegt.

Reichtum von der astronomisch wachsenden Sorte entstand erst im Zusammenspiel von K. und Maschinenenergie. Vor 150 Jahren hätte Franziskus mit seiner Kampfschrift ein reales Bild des K. getroffen, aber diesen Horror haben Charles Dickens und Gerhart Hauptmann plastischer angeprangert.

Seitdem ist einiges Wasser die Themse hinuntergeflossen. Diesen K., dem Marx sein Werk gewidmet hat, gibt es nicht mehr. Er ist ein Pappkamerad.

Wieso? Weil Staat und Kapital sich den Markt inzwischen brüderlich teilen. In Europa greift sich der Staat etwa die Hälfte der Wirtschaftsleistung. Ein Drittel davon sind Transfer-Zahlungen vom reicheren Peter zum ärmeren Paul. Kartelle, Trusts und Monopole, die bis ins 20. Jahrhundert wider den Markt Traumrenditen einfuhren, sind von der harten Hand des Staates zertrümmert worden. Ausbeutung? Gegen die stehen Gewerkschaften und Arbeitsgesetze.

Ungleichheit? Wenn sich der Papst die Tabelle der Gini-Koeffizienten ansähe, welche die Einkommensverteilung messen, wäre er sich nicht mehr ganz so sicher. In Westeuropa liegt der Gini nach Transfers und Steuern etwa bei 0,3 – wobei Null die perfekte Gleichverteilung und Eins die perfekte Ungleichheit abbildet. In Ostmitteleuropa und Nordamerika liegt der Gini etwas höher.

Als Sokrates gefragt wurde, wie er eigentlich Xantippe, seine keifende Gattin, finde, antwortete er lakonisch: "Im Vergleich zu wem?" Gleiches gilt für den K.: im Vergleich wozu? Kuba, Venezuela, Saudi-Arabien? Dem Klepto-Kapitalismus Russlands? All den Staatswirtschaften, die im 20. Jahrhundert untergegangen sind?

Es bleiben die obszönen Gewinne, die nach wie vor auf dem Finanzmarkt eingefahren werden. Oder von Sportlern und Filmstars, denen wir merkwürdigerweise ihre zweistelligen Millionen gönnen. Aber solche Marktverzerrungen schaffen wir nicht ab, indem wir den K. abschaffen, den stärksten Wachstumsmotor, den der Mensch je erfunden hat. Finanzkrisen, genauer: die Entwertung des Geldes, haben schon die römischen und spanischen Kaiser angezettelt, um ihre ausbeuterische Haushaltspolitik zu kaschieren.

Das schönste am K. – diesmal ganz unironisch – ist seine Verwandlungskunst. Er war und bleibt work in progress. Mal reformiert er sich selber, mal muss der Staat eingreifen, wie er es seit Erfindung der Dampfmaschine tut.

Wenn der aber, wie es der Papst zu suggerieren scheint, den K. in die Hölle verfrachtet, wird er weder Wohlstand noch Gleichheit ernten. Der historischen Beispiele gibt es genug. Reparatur ist die beste Remedur.