KapitalismusDer Papst geht fehl in seiner Kritik am Kapitalismus

Der Papst wünscht den Kapitalismus zur Hölle. Und dann was? Vorwärts in die Vergangenheit von Feudalismus und Kommunismus? Ein Kommentar von 

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.  |  © Vera Tammen

Kapitalismus ist wunderbar – eine  wunderbare Projektionsfläche, auf die alle Übel dieser Welt geworfen werden können, wie es Franziskus in der apostolischen Schrift Evangelii Gaudium (Freude des Evangeliums) gerade getan hat. Für ihn kommt der K. in der Kopplung mit "ungezügelt" daher und mit der "Tyrannei des vergötterten Marktes", die nur Unrecht und Ungerechtigkeit zeuge.

Was ist eigentlich der K.? Nach einer nüchternen Definition, die Karl Marx und Max Weber folgt, ist es eine Wirtschaftsordnung, die auf dem Privatbesitz von Produktionsmitteln und der Steuerung durch den Markt beruht – durch Angebot, Preis und Nachfrage. Der Motor ist das Gewinnstreben. 

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So unemotional betrachtet, ist der K. identisch mit der Moderne seit dem Feudalismus – mit einem gescheiterten Zwischenspiel namens Sowjetkommunismus. Im Feudalismus gehörten die wichtigsten Produktionsmittel den Fürsten, Königen und Prälaten – sogar die Menschen selber, die als Leibeigene firmierten.

Im Bolschewismus gehörten die Fabriken, Banken und Böden dem Staat. Von Gerechtigkeit konnte in beiden Systemen keine Rede sein; was an kärglichem Mehrwert entstand, ging an den Adel oder die Nomenklatura. Beide Systeme wurden zu Recht weggefegt.

Reichtum von der astronomisch wachsenden Sorte entstand erst im Zusammenspiel von K. und Maschinenenergie. Vor 150 Jahren hätte Franziskus mit seiner Kampfschrift ein reales Bild des K. getroffen, aber diesen Horror haben Charles Dickens und Gerhart Hauptmann plastischer angeprangert.

Seitdem ist einiges Wasser die Themse hinuntergeflossen. Diesen K., dem Marx sein Werk gewidmet hat, gibt es nicht mehr. Er ist ein Pappkamerad.

Wieso? Weil Staat und Kapital sich den Markt inzwischen brüderlich teilen. In Europa greift sich der Staat etwa die Hälfte der Wirtschaftsleistung. Ein Drittel davon sind Transfer-Zahlungen vom reicheren Peter zum ärmeren Paul. Kartelle, Trusts und Monopole, die bis ins 20. Jahrhundert wider den Markt Traumrenditen einfuhren, sind von der harten Hand des Staates zertrümmert worden. Ausbeutung? Gegen die stehen Gewerkschaften und Arbeitsgesetze.

Ungleichheit? Wenn sich der Papst die Tabelle der Gini-Koeffizienten ansähe, welche die Einkommensverteilung messen, wäre er sich nicht mehr ganz so sicher. In Westeuropa liegt der Gini nach Transfers und Steuern etwa bei 0,3 – wobei Null die perfekte Gleichverteilung und Eins die perfekte Ungleichheit abbildet. In Ostmitteleuropa und Nordamerika liegt der Gini etwas höher.

Als Sokrates gefragt wurde, wie er eigentlich Xantippe, seine keifende Gattin, finde, antwortete er lakonisch: "Im Vergleich zu wem?" Gleiches gilt für den K.: im Vergleich wozu? Kuba, Venezuela, Saudi-Arabien? Dem Klepto-Kapitalismus Russlands? All den Staatswirtschaften, die im 20. Jahrhundert untergegangen sind?

Es bleiben die obszönen Gewinne, die nach wie vor auf dem Finanzmarkt eingefahren werden. Oder von Sportlern und Filmstars, denen wir merkwürdigerweise ihre zweistelligen Millionen gönnen. Aber solche Marktverzerrungen schaffen wir nicht ab, indem wir den K. abschaffen, den stärksten Wachstumsmotor, den der Mensch je erfunden hat. Finanzkrisen, genauer: die Entwertung des Geldes, haben schon die römischen und spanischen Kaiser angezettelt, um ihre ausbeuterische Haushaltspolitik zu kaschieren.

Das schönste am K. – diesmal ganz unironisch – ist seine Verwandlungskunst. Er war und bleibt work in progress. Mal reformiert er sich selber, mal muss der Staat eingreifen, wie er es seit Erfindung der Dampfmaschine tut.

Wenn der aber, wie es der Papst zu suggerieren scheint, den K. in die Hölle verfrachtet, wird er weder Wohlstand noch Gleichheit ernten. Der historischen Beispiele gibt es genug. Reparatur ist die beste Remedur.

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Leserkommentare
    • chrs0r
    • 28. November 2013 7:38 Uhr

    riesen quark. der kapitalismus erzeugt heutzutage ungerechtigkeiten, die zum tode unschuldiger führen. das ist fakt. allein schon aus diesem grund ist das system in frage zu stellen.

    via ZEIT ONLINE plus App

    69 Leserempfehlungen
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    • hareck
    • 28. November 2013 11:01 Uhr

    System in Frage stellen, bestreitet ja niemand.

    Aber die im Artikel richtig gestellte Frage (sic!) ist ja: Was sonst?

    Der Papst hat insofern recht, als dass er das Wort "ungezügelt" verwendet.
    Auch soziale Marktwirtschaft basiert auf Kapitalismus.
    Selbst die Linkspartei (die ich übrigens gewählt habe) ist eine Partei des regulierten (gezügelten) Kapitalismus.

    Wer etwas besseres weiß, raus damit. Sonst bleibt Kritik hohles Gedresche von Phrasen.

    In Halldor Laxness' wunderbaren Roman "Fischkonzert" verkauft ein alter Mann seinen Fisch stets zum selben Preis auf dem Markt, ganz egal ob die "Marktpreise" sinken oder fallen.... Der Enkel wundert sich. Aber da haben Sie EINE Antwort auf konkrete Alternativen. Ein voellig neues Denken tut not, auch wenn noch so viele das als Spinnerei, Utopie oder illusionaer abtun.
    Noch ein Beispiel: der Wert der Arbeit. Es soll Menschen geben, denen ihre (kreative) Arbeit wirklich Freude bereitet, Spass macht. Also koennte eine Umstrukturierung der Arbeitsbedingungen vielleicht dazu fuehren, das Wesen der Arbeit im sozialen Kontekst ganz anders zu bewerten. In der Folge wuerde sich dann womoeglich auch eine ganz neue Diskussion ueber die Rolle des Geldes entwickeln... Faengt man erst an nachzudenken...

    immerhin gibt es einige gut formulierte und interessante Betrachtungen zu diesem Thema. Diese wären es wert, ernsthaft in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert zu werden. (z. B. "Gemeinwohl-Ökonomie" von Christian Felber).
    Was Josef Joffe in seinem Kommentar schreibt ist wenig differenziert und fast schon trotzig. Ihm fällt keine Alternative zum Turbokapitalismus bzw. zur Wachstumswahn unserer Gesellschaft ein. Dabei ist er ein intelligentes, vernunftbegabtes Wesen. Man könnte meinen, der Mann hätte zumindest eine Idee oder Vision.
    Papst Franziskus hat recht, wenn er unsere aus den Fugen geratene Welt, den Turbokapitalismus und die dadurch enstandene soziale Schieflage vehement kritisiert. Endlich ein Papst der Kirche neu denkt, der Alternativen aufzeigt, der zum Umdenken anregt und keine Scheu hat seine Theorien in die Praxis umzusetzen. Die Kirche wird sich wandeln um überleben zu können, genauso wird der Kapitalismus in dieser Form nicht überleben können da er von einem Trugbild ausgeht. Wachstum ist nicht unbegrenzt möglich. Dafür mangelt es an ausreichend Ressourcen. Diese werden von immer mehr Menschen beansprucht. Das ganze endet eher früher als spät in einem weltweiten Kollaps.

    • AvisFu
    • 28. November 2013 7:39 Uhr

    Ein typischer Systemfreundlicher Artikel von Herrn Joffe (wie immer).

    Journalisten sollen eigentlich Missstände des Systems aufdecken und keine Durchhalteartikel schreiben in Komplizenschaft mit der jeweiligen Regierung. Ihr sollt Wächter sein, keine Leibwächter!

    106 Leserempfehlungen
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    Herr Joffe ist schon Teil des Establishments und kein Beobachter mehr.

    "Ein Drittel davon sind Transfer-Zahlungen vom reicheren Peter zum ärmeren Paul." Das ist eine verdammte Lüge.

    - Zählt dazu auch z.B. die 10.000 Euro Steuergeld welches die Dekra zahlt um Menschen einen LKW Führerschein machen zu lassen damit sie dann bei Spedition X als Zeitarbeiter fahren können?

    - Zählen dazu auch die Millarden für Auftstocker und Zeitarbeiter weil Unternehmen zu wenig zahlen?

    - Zählen auch die Millarden an Landwirtschaftsmillionäre dazu?

    Dieser Mann ist ein verdammter Witz. Die Karikatur eines Journalisten und er ist intelligent genug das auch zu wissen. Joffe hat eben schon kapituliert. Macht sich ein schönes Leben und unterstützt die Machtvollen weil er eben so gerne dazu gehört. Wenn man das nicht weiß kann man diesen Propaganda schrieb nicht einordnen. Joffe sollte nicht vergessen das der Papst aus Argentinien kommt. Er weiß wie dank des Kapitalismus dieses Land von einem Tag auf den anderen in eine Krise stürzte die in ihrer Konsequenz Millionen Menschen dort das LEben genommen oder komplett versaut hat.
    Aus Joffes Elfenbeinturm der Ignoranz ist dies aber leider nicht zu erkennen.

    da ich vermute (evtl. zu unrecht), dass nicht etwa ein niedriger IQ die ursache für solche unqualifizierten und lächerlichen artikel des Herrn Joffe sein kann, gehe ich davon aus, dass es sich hier nur um satire handeln kann.

    vermutlich auf redaktionsinternen beschluss könnte es sich hierbei um die installation eines deutsches äquivalents zum allseits bekannten amerikanischen satiriker E.T. Hansen handeln, der ebenfalls hier bei ZON mit provozierenden thesen aufwarten darf.

    das wäre eine geniale redaktionsidee ! ich würde allerdings Herrn Joffe dringend ein paar übungsstunden bei Herrn Hansen empfehlen, denn den meisten lesern scheint die satire in seinen artikeln überwiegend verborgen geblieben zu sein.

    dabei geht es Joffe in Wirklichkeit darum, den kapitalismus in seiner ganzen blödheit zu entlarven, davon bin ich fest überzeugt.

    Sehr geehrter Mit- Forist Avius-Fu.
    Wahrscheinlich kennen sie die Bücher schon, trotzdem:
    L. Dambeck: Das Netz. Die industrielle Gesellschaft und ihre Feinde
    U. Krüger: Meinungsmacht
    - habe viel daraus gelernt.

    sonst würde er nicht solchen Käse schreiben:

    "Wenn der aber, wie es der Papst zu suggerieren scheint, den K. in die Hölle verfrachtet, wird er weder Wohlstand noch Gleichheit ernten."

    Sollte dies aber doch der Fall gewesen sein, hat, dann hat er bösmeinend "übersehen" wollen, dass es sich bei diesem 1. "Apostolischen Schreiben" nicht um eine Kapitalismus-Verteufelung handelt und Papst Franzikus gar Herrn Joffes arrogant-verschwurbelter Belehrung bedürfe, sich die "Tabelle der Gini-Koeffizienten" anzusehen.

    Es handelt sich um eine ausschließlich kirchenkritische (!) päpstliche Tacheles-Rede, die die korrupten Machtstrukturen und das geile Gewinnstreben dieser Männerkirche mit einer nie dagewesenen Deutlichkeit anprangert - und zugleich um eine flammendes Plädoyer, das die Kirche an ihren ursprünglichen christlichen Auftrag erinnern soll.
    http://de.radiovaticana.v...

    Stattdessen sei dem ZEIT-Herausgeber Joffe dringend empfohlen, sich das ausgezeichnete, fachkompetente Kapitalismus kritische Essay ,
    "Kapitalismus in der Reichtumsfalle " von Wolfgang Uchatius, aus dem Archiv seines Hauses zu Gemüte zu führen, um sich überhaupt erstmal über den Ansatz zu informieren, von dem aus der Papst zunächst die Kurie und letztlich seine gesamte Kirche aufrütteln will...
    http://www.zeit.de/2011/4...

  1. "Ausbeutung? Gegen die stehen Gewerkschaften und Arbeitsgesetze."
    Herr Joffe, wie weit über den Wolken leben Sie eigentlich?

    86 Leserempfehlungen
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    Tja. Aber man muss schon bemerken, dass es effektive Gewerkschaften nur im Kapitalismus gibt. Weder in feudalen Gesellschaften, noch in den staatssozialistischen Systemen konnten sich Arbeiter in ernstzunehmenden Gewerkschaften organisieren. Bleibt der Schönheitsfehler, dass man im Kapitalismus seine Interessen selbst vertreten muss, während man das im Feudalismus seinem Leibherren überlassen konnte...

    • AvisFu
    • 28. November 2013 7:46 Uhr

    "Ausbeutung? Gegen die stehen Gewerkschaften und Arbeitsgesetze."

    ...von Leuten wie Joffe, die unter Garantie noch nie am Fließband Pakete packen mussten für 6,90 € die Stunde.

    Das führt bei mir schon zu Gewaltphantasien. Sarrazin ist auch so ein Fall.

    "Ich würde jederzeit für 5 € die Studne arbeiten gehen. Man kann sich am Tag für 2,50 € ausgewogen und wertstoffreich ernähren"

    Als Pension wollte er dann aber bei seinem Abtritt aus dem Vorsitz der Bundesbank lieber seine 20 000 € Pension haben, hat er Wulff gesagt.

    • AvisFu
    • 28. November 2013 7:46 Uhr

    "Ausbeutung? Gegen die stehen Gewerkschaften und Arbeitsgesetze."

    ...von Leuten wie Joffe, die unter Garantie noch nie am Fließband Pakete packen mussten für 6,90 € die Stunde.

    Das führt bei mir schon zu Gewaltphantasien. Sarrazin ist auch so ein Fall.

    "Ich würde jederzeit für 5 € die Studne arbeiten gehen. Man kann sich am Tag für 2,50 € ausgewogen und wertstoffreich ernähren"

    Als Pension wollte er dann aber bei seinem Abtritt aus dem Vorsitz der Bundesbank lieber seine 20 000 € Pension haben, hat er Wulff gesagt.

    54 Leserempfehlungen
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    ich stimme ihrem kommentar zu, es gibt wahrlich genug andere probleme die aber alle auch chancen beinhalten, darauf sollten wir alle unser augenmerk richten. und was den bösen kapitalismus angeht ist es nicht nur meiner meinung nach so, wie es ein wohl den meisten bekannter satz ausdrückt: würde man alles geld der welt zu gleichen teilen unter alle aufteilen, dann gäbe es wohl in wenigen jahren wieder genau soviele arme und reiche wie zuvor. ich finde dieworte im kommentar beruhigend, weil es mich freut, dass es menschen gibt die mit guter formulierung und abstand ein wenig sand aufs brennende feuer werfen, bevor die ewigen lamentierer wieder mal einen flächenbrand lostreten. klar geht es nicht allen so gut wie man es sich wünschen würde, aber es gibt auch viele lichtblicke, und ich sage das, obwohl ich nicht oben auf der suppe schwimme, trotzdem habe ich keinen grund mich keifend aus dem fenster zu hängen, weil mein nachbar einige dinge besitzt die ich gar nicht brauche.die wahren probleme sind ohne führung und kapital gar nicht zu lösen, dass ist der fakt an der chose.

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kapitalismus | Gerhart Hauptmann | Max Weber | Papst | Adel | Bolschewismus
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