ZEIT ONLINE: Frau Grenz, warum gehen Männer zu Prostituierten?

Sabine Grenz: Die Gründe dafür sind so vielfältig, wie die Männer selber. Auf jeden Fall dient es auch der Bestätigung ihrer sexuellen Identität. Nehmen Sie zum Beispiel die Annahme, Männer seien triebhafter als Frauen. Es gibt sie erst seit dem 18. Jahrhundert. Sie ist medizinisch nicht belegt, aber ein fester Bestandteil der Vorstellungen, die über Männer gehegt werden und an die die Sexindustrie beständig anknüpft.

ZEIT ONLINE: Der Trieb ist da, weil wir an ihn glauben?

Grenz: Sexualität ist keine 'natürliche' Angelegenheit. Sie entsteht auf der Grundlage psychischer und soziokultureller Bedingungen. Wir müssen eine Situation erst als sexuell interpretieren, damit sexuelles Begehren entsteht. Im Alltag wird die Sexualität heterosexueller Männer viel häufiger angesprochen als die von Frauen, wodurch diese Annahmen bestätigt werden. Aber eine physiologische Grundlage für einen stärkeren männlichen Trieb gibt es nicht.

ZEIT ONLINE: Prostitution bestätigt also eine bestimmte Rollenverteilung.

Grenz: Sie bestätigt die vorherrschende Vorstellung davon, dass Männer triebhafter und damit auch egoistischer und weniger liebesfähig seien als Frauen. Eine Sexarbeiterin kann hier die klassische weibliche Rolle einnehmen, liebevoll und fürsorglich sein. Ist sie zu distanziert, oder schaut sie auf die Uhr, können Freier das unangenehm finden.

ZEIT ONLINE: Obwohl sie für die Zuwendung bezahlen?

Grenz: Jemandem Geld zu geben, ist auch eine Form der Fürsorge. Der Widerspruch zwischen Geld und Intimität ist nur ein scheinbarer, sonst würden sicher viele Ehen nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Wie viele Männer gehen überhaupt zu Prostituierten?

Grenz: Es gibt kaum Zahlen darüber. Vor ungefähr zehn Jahren ergab eine Emnid-Befragung, dass etwa 30 Prozent der deutschen Männer mindestens einmal in ihrem Leben bei einer Sexarbeiterin waren. Ein Viertel davon ging wiederholt. Übrigens benutze ich hier die weibliche Form 'Sexarbeiterin', aber gemeint sind selbstverständlich auch Männer und Transsexuelle.

ZEIT ONLINE: Trotz der Legalisierung von Prostitution ist die Sexindustrie eine Schattenwirtschaft. Für wie groß halten Sie die Branche?

Grenz: Eine Schätzung geht von rund 14,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr aus. Als Grundlage werden 400.000 Sexarbeiterinnen in Deutschland genommen, was meiner Ansicht nach eine zu hohe Zahl ist. Wenn man sich anschaut, wie viele Sexarbeiterinnen in den Ballungsräumen geschätzt werden, und das auf ganz Deutschland hochrechnet, scheint die Anzahl von rund 200.000 wahrscheinlicher. Dadurch verringert sich auch der Umsatz.

ZEIT ONLINE: In der Öffentlichkeit zirkulieren viel höhere Zahlen.

Grenz: Ja, man liest häufig von 400.000 oder gar 700.000 Sexarbeiterinnen deutschlandweit. Diese Zahlen sind aber nicht belegt.

ZEIT ONLINE: Und wie viele Frauen werden zur Prostitution gezwungen? Die amtliche Statistik hat im vergangenen Jahr 558 Fälle von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung erfasst. Aber Polizisten, die im Milieu ermitteln, sagen, jährlich würden Zehntausende Frauen und Mädchen nach Deutschland gebracht. Die meisten unter Zwang.

"Ausbeutung findet man auch in anderen Wirtschaftszweigen"

Grenz: Es wurde einmal geschätzt, dass zwei bis 20 Prozent aller Sexarbeiterinnen zu ihrer Arbeit gezwungen werden....

ZEIT ONLINE: Dann käme man auf 4.000 bis 40.000 Zwangsprostituierte in ganz Deutschland.

 Grenz: Ja, aber verlässliche Zahlen gibt es nicht, auch nicht über das Ausmaß des Menschenhandels. Innerhalb der EU gibt es auch in Bezug auf Osteuropa zunehmend Freizügigkeit. Es weiß auch niemand, wie viele von denen, die nach Deutschland geschmuggelt werden, das Land wieder verlassen oder ausgewiesen werden und wieder zurückkehren.

ZEIT ONLINE: Für wie glaubhaft halten Sie die Behauptung, dass diese Frauen freiwillig nach Deutschland kommen, um sich hier zu prostituieren?

Grenz: Es gibt Frauen, die sich ganz bewusst entscheiden, als Sexarbeiterin nach Deutschland zu gehen. Es ist eine Frage der Perspektiven, die die Frauen dort haben, von wo sie kommen. Manchmal geht es um Abenteuerlust, manche kommen aber auch aufgrund falscher Versprechungen und finden sich hier in einer Falle wieder.

ZEIT ONLINE: Die Frauen kommen aus ökonomischer Not?

Grenz: Ja, auch. Solange Armut besteht, wird es Menschen geben, die wegen fehlender Perspektiven in die Sexarbeit gehen. Durch Verschuldung bei Kontaktpersonen und – je nach Herkunftsland – Schleppern, kann aus der ursprünglich freien Entscheidung schnell eine Zwangslage werden. Die Grenzen sind fließend. Es gibt Migrantinnen, die selbstbestimmt arbeiten – ebenso wie es deutsche Sexarbeiterinnen gibt, die zur Sexarbeit gezwungen werden, oder deshalb Sexarbeit machen, weil sie keine Alternative sehen.  

ZEIT ONLINE: Sie gehen lieber auf den Strich, als von Hartz IV zu leben oder einen schlecht bezahlten Job anzunehmen?

Grenz: Unter Umständen: Ja. Schauen sie sich an, welche Berufe die meisten jungen Frauen nach dem Schulabschluss wählen bzw. welche Ihnen empfohlen werden. Es sind überwiegend schlecht bezahlte Service- und Pflegeberufe. Das ist für manche keine wirklich bessere Tätigkeit, zudem unflexibler als die Sexarbeit. Wenn die strukturelle Ungleichheit zwischen beiden Geschlechtern beseitigt würde und Frauen – gleiches gilt für Migranten oder Migrantinnen – auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen hätten, gäbe es sicher weniger Sexarbeiterinnen; im Idealfall nur die, die es wirklich wollen. Das ist nämlich möglich, auch, wenn sich viele nicht vorstellen können, Sexualität als etwas Kommerzielles zu sehen. Sexarbeiterinnen können ein anderes Verhältnis dazu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Wie viel kann eine Frau in dem Geschäft denn verdienen?

Grenz: Das hängt davon ab, unter welchen Bedingungen sie arbeitet. Zwischen 1.000 Euro pro Abend und so geringem Einkommen, dass man kaum über die Runden kommt, ist alles möglich. Zwei Prostituierte aus Rumänien, von denen ich kürzlich gelesen habe, kamen am Monatsende auf rund 2.000 Euro, schwarz natürlich. Das ist verhältnismäßig viel Geld, aber sie sorgen damit nicht unbedingt vor.

ZEIT ONLINE: Es mag mehr sein als in vielen anderen Berufen. Aber das Risiko, ausgebeutet zu werden, ist in einer kaum kontrollierbaren Branche wie der Sexindustrie doch viel höher – zumal für Frauen, die illegal hier sind und arbeiten.

Grenz: Ausbeutung von illegalen Einwanderern findet man auch in anderen Wirtschaftszweigen; in der Baubranche oder in der Landwirtschaft zum Beispiel. Darüber gibt es viel weniger Aufregung als über Zwangsprostitution, dabei ist der Skandal eigentlich derselbe. Der wesentliche Grund dafür scheint zu sein, dass Sexualität stärker emotional aufgeladen und mit unserer Identität verbunden ist, als andere Tätigkeiten.

ZEIT ONLINE: Sollte die nächste Bundesregierung das Prostitutionsgesetz nun ändern?

Grenz: Die derzeitige Gesetzeslage ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Bevor wir jedoch über Änderungen reden, müssen wir die Debatte versachlichen. Die momentane Aufregung tut der Sache nicht gut. Die Regierung Nordrhein-Westfalens folgt einem guten Ansatz...

 ZEIT ONLINE: Welchem?

 Grenz: Die Gesetzesänderung, die 2002 wirksam wurde, ist bis heute nicht vollständig in die Landes- und Kommunalpolitik eingeflossen. Um dies für NRW zu tun, wurde dort ein Runder Tisch zur Prostitution einberufen, bei dem alle Beteiligten miteinander ins Gespräch gebracht werden: Behörden, Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen, die Sexarbeiterinnen selbst. Vor allem mit ihnen müsste viel mehr gesprochen werden als über sie. Um sie geht es schließlich.