Diesen Klimagipfel konnte auch Naderev "Yeb" Saño nicht retten. Bis zum Schluss blieb der Delegierte aus den Philippinen im Hungerstreik. Die tränenreiche Rede, die er am ersten Tag der Konferenz hielt, bewegte die Welt. Die Verhandlungsführer hat sie kaum inspiriert. Das Ergebnis in Warschau ist eine Enttäuschung, selbst wenn man es an den geringen Erwartungen misst, mit denen der Gipfel gestartet war.

Dabei sollte in Polen der Weg in die Zukunft geebnet werden: hin zu einem fairen, alle Staaten verpflichtenden Klimaschutzabkommen, das in zwei Jahren in Paris beschlossen werden kann; zu einem Finanzfonds, der ab dem Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für Klimaprojekte in Entwicklungsländern bereitstellt; und zu Regeln, wie künftig mit Klimaschäden umzugehen sei. Doch am Samstag endete der Gipfel fast in einem Eklat.

Am Ende einigten die Delegierten sich zwar auf drei zentrale Dokumente. Aber Indien und China sorgten dafür, dass die Schritte zum geplanten Abkommen in Paris vage blieben. Die alten Industriestaaten gaben nicht so viel Geld wie erhofft und vertrösteten den Gipfel aufs kommende Jahr. Und die Übereinkunft zu den Klimaschäden, der "Warschauer Mechanismus", hat zwar einen klangvollen Namen. Aber er bleibt eine schöne, leere Hülle.

Der größte Fortschritt war noch ein Regelwerk zum Waldschutz, über das seit Jahren verhandelt worden war. Die weltweite Abholzung ist Quelle großer Treibhausgasemissionen – gut, dass sie gebremst werden soll. In allen anderen Punkten aber war Warschau eine Enttäuschung.

Kein Gipfel zuvor bewies so deutlich die Gültigkeit des alten Bill-Clinton-Wahlslogans: Es ist die Wirtschaft, Dummkopf! Geld ist mächtiger als das Klima, das wurde in Warschau endgültig klar. Nicht nur wegen des Kohlegipfels, zu dem die polnische Regierung provokant zur gleichen Zeit lud. Nicht, weil Sponsoren aus Kohle-, Auto- und Luftfahrtindustrie den Klimagipfel fördern durften. Auch nicht, weil der polnische Premier Donald Tusk seinen Umweltminister Marcin Korolec mitten in der Konferenz durch einen Nachfolger ersetzte, der dem Fracking freundlicher gesonnen ist, und dadurch die Klimadelegierten brüskierte.

Zu viel Klimaschutz stört nur

In Wahrheit drehen sich auch die Klimagipfel selbst vor allem um Geld und Wohlstand. Klimaschutz kommt nur zustande, wenn er der wirtschaftlichen Entwicklung nicht widerspricht. Große Schwellenländer wie China und Indien wissen genau, dass sie den Ausstoß von Treibhausgasen senken müssen – aber aus Sorge um ihre Wirtschaft zögern sie den Zeitpunkt, an dem sie darauf verbindlich festgelegt werden, so weit wie möglich hinaus. Die Ölstaaten wollen ihr Vermögen nicht entwerten, indem sie dem Verbrauch fossiler Energien Grenzen setzen. Nichts anderes würde ein wirksames Klimaschutzabkommen aber bewirken. Die Entwicklungsländer kämpfen sowieso um Geld. Und die alten Industrieländer legen erst recht Wert auf eine günstige, zuverlässige Energieversorgung zum Wohl ihrer Wirtschaft.

Zu viel Klimaschutz stört da nur. Vielleicht war der geschmähte Gastgeber Polen in diesem Punkt einfach nur ehrlicher als andere Staaten.

Auch die Deutschen kennen den Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Klimaschutz genau. Umweltminister Peter Altmaier kündigte in Warschau an, im kommenden Frühjahr wolle die neue Regierung eine aktivere Klimaschutzpolitik betreiben als bisher. Auch die Europäische Union vertröstet auf 2014. Dann will sie neue Emissionsziele und "substanzielle" Finanzzusagen vorlegen.

Fast scheint es, als wollten viele Verhandler in Warschau ihr Pulver vor dem Gipfel von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon im kommenden September noch möglichst lange trocken halten. Die entscheidende Frage ist aber, ob auf diese Art rechtzeitig vor Paris ein Fortschritt zu erreichen ist. Denn für das Klima wird die Zeit längst knapp. "Hier geht es um reale Menschen und reale Leben", appellierte Yeb Saño am Samstagnachmittag an die Delegierten.

Doch auch in seinem Land wissen sie gut: Der Klimaschutz hat es schwer, wenn wirtschaftliche Interessen gegen ihn stehen. Fast die Hälfte des philippinischen Energieverbrauchs stammt aus der Kohle, und viel Energie geht auf dem Weg zum Verbraucher verloren. Das zu ändern, würde zunächst Geld kosten und Profite gefährden. Das ist das große Dilemma des Klimaschutzes, auf den Philippinen wie auf der ganzen Welt.