"Wir sind Menschen, keine Maschinen", sagte die venezolanische Delegierte Claudia Salerno am Samstag nach 30-stündigem Verhandlungsmarathon auf dem Klimagipfel in Warschau. Viele der Delegierten hatten seit dem Vortag weder geschlafen noch gegessen. Salerno twitterte: "Menschenrechtsverletzungen bei den Vereinten Nationen?"  

Als sie sprach, wurde im Plenum schon offen gestritten. Eigentlich hatte die polnische Präsidentschaft der Konferenz nur zu informellen, öffentlichen Vorabberatungen in den großen Saal des Gipfels geladen. Dann ging es doch detailliert um die noch strittigen Fragen. Vier Stunden lang debattierten die Delegierten über sie – die eigentlichen Abschlussberatungen des Klimagipfels rückten dadurch in weite Ferne.

Die Entwicklungsländer forderten konkretere Finanzzusagen von den reichen Staaten. "Wir haben das Kyoto-Protokoll schon umgebracht", sagte ein Sprecher Bangladeschs. "Jetzt beerdigen wir auch noch die Klimarahmenkonvention." Er erinnerte an die Überschwemmungen und Stürme, unter denen sein Land leide. "Wir haben die Schlacht verloren", sagte er, "aber wir akzeptieren unser Schicksal."  

Es waren dramatische Worte, die den Auftakt machten zu einer langen Diskussion. Zwar hatte es im Vorfeld Finanzzusagen der Industrieländer gegeben. So war ein Fonds, mit dem die Anpassung an den Klimawandel mitfinanziert werden soll, mit rund 100 Millionen Dollar gefüllt worden. Allein Deutschland sagte 30 Millionen Euro dafür zu. Doch aus Sicht der Entwicklungsländer und China war das nicht genug. 

Einigung für den Waldschutz

Streitpunkt waren die langfristigen Finanzzusagen: Schon auf vergangenen Klimagipfeln hatten die Staaten vereinbart, dass die Entwicklungsländer ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erhalten sollten, um mit den Folgen des Klimawandels fertig zu werden und ihre eigenen Emissionen zu senken. Wie dieses Ziel erreicht werden soll, ist bislang aber noch ungeklärt. Die armen Staaten fordern nun ein Zwischenziel. Bis 2016 solle die jährliche Hilfesumme auf 70 Milliarden Dollar ansteigen, verlangen sie. Industriestaaten wollten im Schlussdokument jedoch nur festlegen, dass die Hilfen "kontinuierlich" gesteigert werden.

Später entfachten China und Indien eine weitere Grundsatzdebatte um eine Frage, die nach Angaben aus Verhandlungskreisen eigentlich schon in der Nacht zuvor geklärt worden war. Beide Staaten fordern, dass Schwellenländer sich auch nach 2020 nicht rechtlich verbindlich zum Klimaschutz verpflichten sollen, im Gegensatz zu den Industrieländern. Beobachter interpretierten das als Rückschritt hinter frühere Klimagipfel. Eigentlich soll in Warschau ein Fahrplan verabschiedet werden zu einem umfassenden, alle Vertragsstaaten verpflichtenden Klimaabkommen. Es soll im Jahr 2015 in Paris verabschiedet werden und ab 2020 gelten.  

Immerhin konnten sich die Delegationen aus 194 Staaten auf entscheidende technische Details zum Waldschutz einigen. Zentrale Idee ist, Länder finanziell zu entschädigen, die auf eine Rodung ihrer Wälder verzichten. In Warschau stellten die USA, Norwegen und Großbritannien 280 Millionen Dollar für das Programm bereit.

Während im Plenum gestritten wurde, mussten die Delegationen bereits ihre Büros räumen. Viele Abgeordnete waren schon abgereist. Sie mussten ihre Flüge erreichen. Um ein Scheitern zu verhindern, drängte die polnische Gipfelpräsidentschaft zur Eile. Zuletzt war in Den Haag im Jahr 2001 ein Klimagipfel ohne Abschlussdokument zu Ende gegangen. Er wurde ein halbes Jahr später in Bonn zu Ende verhandelt. Damals hatten die USA blockiert, dieses Mal jedoch gelten Australien und Schwellenländer wie Indien oder China als die Bremser.  

Am Ende hing alles an einem Wort. Gegen halb fünf rief Gipfelpräsident Marcin Korolec das Abschlussplenum zusammen, und die entscheidenden Dokumente wurden überraschend schnell verabschiedet – bis auf eines. Die Delegierten hatten sich unter dem Druck von China und Indien auf ein weiches Kompromisspapier zum künftigen Klimaschutz geeinigt. Statt von "Verpflichtungen" zum Klimaschutz war darin nur noch von "Beiträgen" die Rede. Auch das Finanzpapier wurde durchgewunken, ohne die Zahl der von den Entwicklungsländern zuvor so nachdrücklich geforderten 70 Milliarden Dollar.

Doch bei den Klimaschäden gab es Streit. Die Entwicklungsländer, und unter ihnen vor allem die Philippinen und Bangladesch, wollten eine starke Regel zum Umgang mit Klimaschäden. Relativ unabhängig vom Rest des Vertragswerks sollte sie sein. Die Beschlussvorlage sollte die Klimaschäden aber auslagern. Ihr Platz sei lediglich "unter" anderen, bereits in Cancún verabschiedeten Verträgen. "Wir sind mit jedem Wort dieses Papiers einverstanden", sagte der Sprecher von Fidschi als Wortführer der armen Staaten. "Nur nicht mit dem Wörtchen 'unter'."

Kurz vor sechs vertagte Marcin Korolec die Beratungen erneut. Ob Warschau scheitert oder nicht, hängt jetzt nur noch an einem Wort.