Mag sein, dass er damals noch nicht daran gedacht hat. Als wir Jörg Asmussen im Frühjahr dieses Jahres das letzte Mal zum Interview trafen, fragten wir ihn am Ende des Gesprächs, ob bald der Tag kommen werde, an dem wir nicht ständig über Europas Krise sprechen müssten. Asmussen antwortete, dass er das sehr hoffe. Nach einer Pause fügte er noch hinzu: "Auch für meine Kinder." 

Asmussen, 47 Jahre alt, ist der Vater zweier Töchter und wenn man ihm glauben schenkt, dann tritt er nun für sie einen Schritt kürzer. Am Sonntag ließ er in Berlin mitteilen, er werde seinen Vertrag als Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), der eigentlich bis Ende 2019 läuft, nicht erfüllen. Stattdessen kehrt er nach Berlin zurück, nicht etwa als Finanzminister, wie oft gemutmaßt wurde, sondern in die zweite Reihe des deutschen Regierungsapparates: als Staatssekretär im Arbeitsministerium unter Andrea Nahles. Seine Entscheidung habe "definitiv" private Gründe, sagt Asmussen. Doch fast alle, die ihn beobachten, fragen sich: Warum tut er das? Steckt da wirklich einer, für den es immer nur vorwärts ging, gerade zurück? Warum geht einer wie Asmussen zurück in die zweite Reihe?

Fast zwei Jahre lang war er der vielleicht wichtigste deutsche Beamte im Ausland. Als Mitglied im Direktorium der EZB entschied er über jeden Schritt in der Euro-Rettung mit. Er überwachte die Einhaltung von Sparprogrammen im Süden Europas und gab neue Hilfskredite für Griechenland, Portugal oder Irland frei. Wenn es etwas zu retten gab, war er dabei.

Die Karriere des Jörg Asmussen war dabei immer eine ohne Umwege nach oben: Im Finanzministerium in Berlin diente er den Ministern Eichel, Steinbrück und Schäuble als Ministerialdirektor und Staatssekretär. Anfang 2012 wechselte er schließlich nach Frankfurt zur EZB, wo er im Kreis der Direktoriumsmitglieder der deutsche Hüter des Euro wurde. Asmussen war auf einem der wichtigsten Posten der Finanzwelt angekommen.

Asmussen muss den Mindestlohn organisieren

Der neue Job im Arbeitsministerium ist auf dem Papier ein Karriererückschritt. Ein Rückschritt bleibt es auch, wenn man bedenkt, dass das Arbeitsministerium ein Schlüsselressort der kommenden Legislatur werden wird: Die Große Koalition hat sich zum Ziel gesetzt, die Agenda-Reformen abzumildern, unter anderem mit einem gesetzlichen Mindestlohn. Die Einführung der Lohnuntergrenze wird das wohl wichtigste sozial- und wirtschaftspolitische Projekt von Schwarz-Rot.

Asmussen wird dieses Projekt nun organisieren, was keine leichte Aufgabe sein wird – Widerstand gibt es schon jetzt zu Genüge. Seine Verhandlungshärte und seine Kontakte können dabei nützlich sein. Dennoch bleibt er politisch in der zweiten Reihe; sein Einfluss ist bei Weitem nicht mit dem seines heutigen Posten zu vergleichen. Inhaltlich betritt Asmussen ein neues Gebiet, seine Dienstherrin Nahles kommt aus einer gänzlich anderen Welt als er: Sie, die SPD-Linke, die mit den Agenda-Reformen hadert, er, der Verfechter harter Sparrunden und Sozialkürzungen in Europas Krisenstaaten.

Ist es also denkbar, dass Asmussen einfach nur ein paar Jahre Privates über das Berufliche stellt? "Der Dienstsitz Frankfurt und die häufigen Dienstreisen sind mit dem Familienwohnsitz Berlin und insbesondere meinen beiden sehr jungen Kindern auf Dauer nicht zu vereinbaren", lässt er mitteilen. Das klingt plausibel, und nach allem was man aus seinem Umfeld hört stimmt es auch einfach. Und doch kann der Umzug Asmussen am Ende sogar politisch nützen.

Versöhnung mit der SPD-Linken

Asmussen ist 47 Jahre alt. Sollte er weiterhin Ambitionen hegen, Minister zu werden, hat er noch Zeit. Viele in der SPD schätzen ihn, doch vor allem am linken Rand hat man ihm nicht vergessen, dass er unter Peer Steinbrück die Deregulierung des Finanzmarktes mit vorantrieb, dem allgemeinen Glauben folgend, freie Märkte brächten Wohlstand und Wachstum. Wie kein anderer in der SPD steht er seither für eine falsche Nähe zur Finanzindustrie. Das ist sein Makel. Als zweiter Mann im Ministerium Nahles könnte er alte Feindschaften beilegen und für die SPD-Linke wieder tragbar werden.

Dazu passt, dass er in Interviews in diesem Jahr auffällig oft sozialdemokratische Herzensthemen ansprach: die wachsende Ungleichheit der Einkommen, die großen Gerechtigkeitsfragen. In einem Gespräch im Frühjahr forderte er gar die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes in Deutschland. Das alles darf ein deutscher Direktor der Europäischen Zentralbank natürlich öffentlich sagen, zumal im Wahlkampf, üblich aber ist es nicht.

Es sei denn, man hat einen Plan. Wenn 2017 die SPD das Finanzministerium bekommt, könnte der neue Minister Jörg Asmussen heißen.