An gleich drei Orten in der Lausitz fressen sich Braunkohlebagger durch die Landschaft: in Jänschwalde, Welzow und Nochten. Nun soll ein weiterer Tagebau hinzukommen. In Welzow möchte der Energiekonzern Vattenfall das Abbaugebiet vergrößern. Im neuen Abbaugebiet Welzow Süd 2 wollen die Schweden 204 Millionen Tonnen Braunkohle zusätzlich fördern, um die Versorgung des Großkraftwerks Schwarze Pumpe bis zum Jahr 2042 sichern. Die 300 Menschen aus dem Dorf Proschim müssten dann den Baggern weichen, dazu noch weitere 500 aus der Stadt Welzow. Zurzeit sind die Pläne im Genehmigungsverfahren, am kommenden Dienstag startet die Erörterung des Planverfahrens.

Ein Umweltgutachten von Greenpeace, das ZEIT ONLINE vorliegt, zeigt jetzt die erheblichen ökologischen Risiken des Tagesbauprojekts, vor allem für den Wasserhaushalt in der Region. Langfristig könnten Flüsse wie die Spree erheblich geschädigt werden. Die Umweltschutzorganisation kritisiert in dem Papier außerdem, dass die Pläne europäisches Recht brechen könnten. "Die Landesregierung Brandenburg sollte das Braunkohleplanverfahren Welzow Süd 2 umgehend einstellen", fordert Greenpeace.

Das Gutachten ist brisant – zumal zum jetzigen Zeitpunkt: Die Zukunft der Kohle im deutschen Energiemix war in den Koalitionsverhandlungen eines der umstrittensten Energiethemen. Von den vier großen Stromkonzernen Deutschlands setzen RWE in Nordrhein-Westfalen und Vattenfall in Ostdeutschland weiterhin auf Braunkohle. "Braunkohle ist der einzige herkömmliche Energieträger, der im eigenen Land in ausreichender Menge, langfristig und preiswert verfügbar ist", betont ein Vattenfall-Sprecher. "Alle heute absehbaren 'Alternativen' sind teurer, verstärken die Importabhängigkeit und exportieren Investitionen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze." Zu dem Greenpeace-Gutachten wollte sich Vattenfall am Montag noch nicht äußern.

Für den Bericht hat Harald Friedrich, ein Fachmann für Wasserwirtschaft, das Projekt Welzow Süd 2 analysiert. Der ehemalige Abteilungsleiter im Umweltministerium Nordrhein-Westfalens kritisiert darin die möglichen Schäden für den Wasserhaushalt. Diese entstehen vor allem durch den Abraum, also die abgetragenen Gesteinsschichten, die bei der Kohleförderung übrigbleiben. Der Abraum enthält unter anderem Eisenpyrit. Kommt dieses in Kontakt mit Sauerstoff und Wasser, bilden sich Schwefelsäure und Eisenhydroxid. Sie versauern in der Region das Grundwasser. Dieses kann dann nicht mehr problemlos für das Trinkwasser genutzt werden.

Zum anderen kommt es zur sogenannten Verockerung. Anwohner in der Region kennen dieses Phänomen bereits: In einigen Abschnitten ist die Spree eine braun-rote Brühe, eine Spätfolge der 150-jährigen Bergbautradition in der Region. Tourismusvertreter im Spreewald haben sogar ein Aktionsbündnis "Klare Spree" gegründet, weil sie um die Sauberkeit des Flusses und ihre Einkünfte fürchten. Der braun-rötliche Schlamm gefährdet die Fische, deren Kiemen verkleben, und bringt das ökologische Gleichgewicht durcheinander.

Laut Experte Friedrich ließen sich all diese negativen Folgen verhindern, wenn die Genehmigungsbehörden Vattenfall strenge Auflagen machen würden. Der Konzern könnte etwa durch das Einstreuen von großen Mengen Kalk die Versauerung verhindern. Wegen zu hoher Kosten scheue dies aber das Unternehmen von sich aus, glaubt Friedrich.