Als Zorica Pawlowitsch am ersten Advent benommen wieder zu sich kommt, ist es für ihre Tochter zu spät: Leblos liegt die 13-jährige Sara auf dem Boden des kleinen Apartments, das Mutter und Tochter sich in der Hafenstadt Thessaloniki teilen. Die Todesursache: Rauchvergiftung. Drei Monate zuvor hatte die staatliche Elektrizitätsgesellschaft DEI wegen unbezahlter Rechnungen der Familie den Strom gekappt. Rund 2.500 Euro schuldet die arbeitslose Frau dem Konzern.

Als einzige Heizquelle benutzten die 54-Jährige und ihre Tochter einen Holzofen. Die giftigen Kohlenmonoxidgase wurden ihnen zum Verhängnis. Während Pawlowitsch wieder aus der Ohnmacht erwachte, ein Fenster öffnen konnte und um Hilfe rief, stirbt ihre Tochter.

Saras Tod hat die Regierung in Athen aufgerüttelt. Am vergangenen Donnerstag wies Ministerpräsident Antonis Samaras die Energieunternehmen an, die Stromversorgung für arme Familien wiederherzustellen und keine weiteren Haushalte vom Stromnetz zu trennen. Am Samstag tagte ein Krisenstab unter Leitung des Energieministers Giannis Maniatis; an der Sitzung nahm neben Politikern auch der Chef des Energieversorgers DEI, Arthouros Zervos, teil.

Das Ergebnis: Die rund 15.000 Not leidenden Haushalte, die zurzeit ohne Stromnetzanschluss sind, sollen spätestens bis Weihnachten unbürokratisch wieder angeschlossen werden. Außerdem sollen lokale Kommissionen aus Politikern und Ortsvertretern des Stromkonzerns DEI zukünftig sicherstellen, dass bedürftigen Familien nicht mehr der Strom abgedreht wird. "Wir ignorieren die Kosten für das Elektrizitätsunternehmen DEI nicht, aber das Schicksal der Menschen hat Vorrang", erklärt Maniatis. Ob die Sozialleistungen die Zustimmung der Troika finden, ist noch ungewiss.

Stromtarife sind seit 2007 um 60 Prozent gestiegen

Griechenland erlebt das sechste Jahr der Krise. Der Sparkurs, den das Land auf Druck der internationalen Geldgeber steuern muss, hat die Wirtschaftsleistung seit 2009 um ein Viertel einbrechen. Die Arbeitslosenquote ist auf fast 28 Prozent angestiegen. Von den knapp 1,4 Millionen Menschen, die ohne Job sind, bekommt nicht einmal jeder Fünfte staatliche Unterstützung. Nach Angaben von Eurostat leben fast 35 Prozent der Griechen unterhalb der Armutsschwelle.

In vielen Familien reicht das Einkommen nicht mal mehr für die Stromrechnung. Zumal die Stromtarife in Griechenland seit 2007 um fast 60 Prozent gestiegen sind. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres haben die Elektrizitätswerke 257.000 Kunden wegen unbezahlter Rechnungen den Strom abgedreht.

Zwar werden Anschlüsse wieder gewährt, sobald der säumige Kunde eine Anzahlung leistet oder sich mit dem Stromversorger auf Ratenzahlungen verständigt. Aber selbst dafür reicht das Einkommen oft nicht. So leben Zehntausende Griechen seit Monaten oder sogar Jahren ohne Strom.