ZEIT ONLINE: Herr Professor Manning, alle reden davon, dass es am Arbeitsmarkt gerechter zugehen sollte, die Wahrheit aber lautet: Kein Marktergebnis wird als ungerechter empfunden als jenes, das der Arbeitsmarkt produziert. Wie kommt das?
Alan Manning: Das stimmt. Allerdings nimmt man von keinem Markt an, dass es dort immer gerecht und fair zugeht. Auf dem Arbeitsmarkt sind die Ungleichheiten nur sehr viel sichtbarer. Einige verdienen außerordentlich viel, andere sehr wenig. Unser aller Wohlergehen hängt von diesem Markt ab.
ZEIT ONLINE: Umso erstaunlicher, dass wir es zum Beispiel noch immer zulassen, dass Frauen weniger verdienen als Männer, obwohl sie genauso gut sind.
Manning: Ja, solche Diskriminierung wird als extrem ungerecht empfunden. Die Wissenschaft hat solche Gefühle – also die Empfindung von Fairness und Unfairness – zu lange ignoriert. In den klassischen Modellen der Ökonomen spielten sie kaum eine Rolle. Dabei ist es völlig irrational, diese Gefühle zu ignorieren, denn sie verändern, wie wir uns am Arbeitsmarkt verhalten.
ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?
Manning: Nehmen Sie eine Situation, in der viele Menschen arbeitslos sind. Die klassische Lehre würde vorhersagen, dass die Löhne unter Druck geraten, weil die Nachfrage nach Arbeitsplätzen hoch ist.
ZEIT ONLINE: Und dem ist nicht so?
Manning: Es geschieht in der Realität nicht so stark. Wenn ein Unternehmen seine Löhne senkt, hat das nachweisbare Nachteile. Zum Beispiel sinkt die Motivation der Mitarbeiter, weil diese sich unfair behandelt fühlen. Ein anderes Beispiel ist die Bezahlung in den Unternehmen: Wenn Sie ein Gehaltssystem haben, das die meisten Mitarbeiter nicht akzeptieren, weil es zu ungleich ist, dann haben sie ein gewaltiges Problem. Irgendwann will niemand mehr für sie arbeiten. Dass uns Fairness wichtig ist, ist offenbar Teil unserer menschlichen Natur.
ZEIT ONLINE: Einige Ökonomen behaupten allerdings bis heute, dass sich Marktteilnehmer rational verhandeln. Dabei sind wir doch am Arbeitsmarkt völlig irrational – wir arbeiten etwa oft viel mehr, als wir müssten.
Manning: Ich würde nicht sagen, dass wir uns irrational verhalten. Es ist einfach das, was wir fühlen.
ZEIT ONLINE: Was für ein Gefühl bringt uns denn dazu, uns oftmals auszubeuten?
Manning: Die meisten Menschen arbeiten weiterhin, um ihr Einkommen zu verdienen. Andererseits ist Arbeit heute auch eine Quelle von sozialer Interaktion. Die Vorstellung davon, was eine Person wert ist, ist eng verknüpft mit der Frage, was er arbeitet. Nicht umsonst ist die erste Frage, die wir einem Fremden stellen: Was machst du? Gemeint ist immer: Was arbeitest du? Arbeit ist also auch immer Status.
ZEIT ONLINE: Und das Streben nach Status treibt uns dazu, Überstunden zu machen – obwohl wir das nicht müssten?
Manning: Es gibt dafür viele Gründe. Zum einen hat jeder seinen individuellen Stolz. Man will seine Arbeit einfach gut machen. Es geht aber auch darum, was die anderen über einen denken: die Kollegen, der Chef, manchmal sogar die Freunde. Erfolgreiche Unternehmen haben das verstanden und nutzen dieses Gefühl, um die Leute zum Arbeiten zu motivieren. Außerdem gibt es einen weiteren Grund, den jeder aus dem Privatleben kennt: Wir mögen das Gefühl, andere glücklich zu machen oder einfach nur für andere etwas zu tun.
ZEIT ONLINE: Das klingt ein wenig so, als müsse der Staat die Bürger am Arbeitsmarkt vor sich selbst schützen. Brauchen wir mehr Staatseingriffe?
Manning: Ja, wir brauchen Regulierung. Aber sie muss smart sein.
Kommentare
Da steckt viel Wahres drin
Zitat:
„ZEIT ONLINE: Ein guter Arbeitsmarkt ist also einer, auf dem die Menschen möglichst wenig Angst haben?
Manning: Ja, so kann man das sagen.“
Und das hat HartzIV versaut. Notfalls muss der Arbeitnehmer jeden schlecht bezahlten Job annehmen. Das nutzen Einige aus.
Angst
<< „ZEIT ONLINE: Ein guter Arbeitsmarkt ist also einer, auf dem die Menschen möglichst wenig Angst haben?
Manning: Ja, so kann man das sagen.“
Und das hat HartzIV versaut. Notfalls muss der Arbeitnehmer jeden schlecht bezahlten Job annehmen. Das nutzen Einige aus. <<
Eben. Und deswegen bleibt die Agendareform ja auch unangetastet.
Und deswegen hat die SPD-Spitze auch so sehr den Fokus auf den flächendeckenden Mindestlohn gelegt. Statt den Niedriglohnbereich auszutrocknen indem man den Menschen die Angst nimmt und sie von dem Zwang befreit, jeden unterbezahlten Drecksjob anzunehmen, werden jetzt prekäre Beschäftigungsverhältnisse dauerhaft bei 8,50€ verfestigt.
Tolle Leistung, Genossen!
Zitat: Sogar Homgkong hat einen Mindestlohn
Schön einfach das Thema ausgebreitet und das kommt dabei raus wenn nicht Gewinnmaximierung und Shareholder Value die Ikonen sind die vorangetragen werden.
Es geht um die Menschen - wär hätte das gedacht?
man sollte auch mal
untersuchen,wie sich Löhne finden.
Es kann ja wohl kaum sein,daß die Lohnverteilung in Dänemark soviel gleichmässiger ist als hierzulande.WOhl kaum ist auch dias verstärkte Einkommenswachstum der oberen Lohngruppen durch höheren Fleiss dieser Gruppe zu erklären.
Was für Berufsgruppen sind denn besonders gut bezahlt,und wieso wird dann immer gleich von Leistung gesprochen?
Ist es Leistung wenn ein Fussballberater plötzlich eines seiner Talente zu einem grossen Verein schicken kann?
Wenn man einen Stammvertrag/Altvertrag hat und das doppelte verdient wie andere auf derselben Stelle? Wenn man als Staatsbanker plötzlich einfach doppelt so hoch eingestuft wird im Vorstand wie der Vorgänger wegen politischen Drucks? Oder die Staatsbank Gewinne macht wegen der Kreditvergabe an Griechenland? Der Orchsterchef plötzlich politisch die heraufstufung seines gesamten Orchesters zu Stiftungsangestellen durchsetzt als Forderung,daß er selbst kommt? (Oder Professoeren ähnliches für ihre Mitarbeiter auf niedrigerem Niveau durchsetzen).
Wenn man als Randsportartchefin (Frauenfussball) plötzlich wegen Namensgleichheit von Volkssportfunktionären (Fussball) profitiert und ähnliche Gehälter bezieht?
In einer Gesellschaft wie Deutschland ist Topverdienst ohne Staat kaum noch möglich,im Gegenteil oftmals wurde sogar bei staatsbetrieben durch Lohndumping ein höherer Gewinn erzielt,der dann den Vorstandschefs zum Teil als Millionenbonus zugeflossen ist.
Beschämend
...wie lange man "forschen" muß, um zu solch einer Erkenntnis zu kommen.
"Der Brite Alan Manning erforscht seit mehr als 30 Jahren, wie Arbeitsmärkte funktionieren. Er sagt: Es ist die Zeit gekommen, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen".