Ökonomisch betrachtet ist der Koalitionsvertrag von Union und SPD vor allem eines: konservativ. Paradoxerweise ist das für die Sozialdemokraten keine schlechte Nachricht. Konservativ heißt im Fall der Großen Koalition zum Beispiel, dass Arbeitsmigranten vor Ausbeutung geschützt werden oder Arbeitnehmer vor sittenwidriger Ausbeutung. Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro soll so eingeführt werden, dass die Tarifpartner, also auch die Gewerkschaften, gestärkt werden, nicht geschwächt. Das ist Konservatismus, aber im guten Sinne.
Der Vertrag bedeutet auch eine Zäsur in der deutschen Wirtschaftspolitik. Er korrigiert eine Fehlentwicklung, die mit den Arbeitsmarktreformen der nuller Jahre begann. Die Agenda 2010, mit viel Beraterjargon ausgestattet, hat die Wachstumsgewinne der vergangenen Jahre vor allem den Gutverdienern zugeführt. Darunter litt die Kaufkraft der Masse. Auch deshalb ist es für viele deutsche Unternehmen heute profitabler, ins Ausland zu liefern. Dass dieser Umstand als ein Triumph wiedergewonnener Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen gefeiert wurde, ist ein historischer Irrtum – ebenso der Glaube, dass hierfür verantwortlich die Hartz-Reformen seien. Mit mindestens dem gleichen Recht könnte man beklagen, dass der deutsche Binnenmarkt an Attraktivät eingebüßt hat.
Ein genauerer Blick auf die Lohnstückkosten offenbart das deutsche Problem. Die sogenannten nominalen Lohnstückkosten zeigen an, wie wettbewerbsfähig eine Volkswirtschaft ist, die realen Lohnstückkosten messen den Anteil der Löhne am Volkseinkommen. Beide Größen haben sich zuletzt auseinander bewegt: Die Kosten, die für die Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen relevant sind, stiegen in den vergangenen Jahren schneller als die Kaufkraft der Arbeitnehmer. Der Aufschwung, der Mitte der nuller Jahre in Deutschland einsetzte, geschah also nicht, weil die Kosten sanken, sondern trotz steigender Lohnkosten. Warum? Weil viele Vorzeigeprodukte deutscher Firmen eben nicht gekauft werden, weil sie billig sind, sondern weil sie qualitativ besser sind.
Die auf den Export ausgerichtete Wachstumsstrategie hat gleich mehrere Spuren hinterlassen. Noch werden sie in Deutschland zu wenig debattiert. Erstens: Die deutschen Unternehmen investieren seit Jahren zu wenig im eigenen Land. Ihr Beitrag zum realen Wirtschaftswachstum betrug selten mehr als ein Prozent. Zweitens: Die schwache Nachfrage in Deutschland hat sich längst auf den europäischen Binnenmarkt ausgeweitet – was den deutschen Exporteuren bereits seit zwei Jahren Probleme macht. Ihnen gehen in Europa die Käufer aus. Da rächt sich die Predigt, wonach am deutschen Exportwesen die Euro-Welt genesen soll.
Wenn es um Europa geht, bleibt der Vertrag dementsprechend unkonkret. Die Botschaft ist auch hier eine konservative: das europäische Krisenmanagement soll weitergehen wie bisher. Die Koalition will zwar die Auflösung "der wechselseitigen Abhängigkeit von privater Verschuldung von Banken und öffentlicher Verschuldung von Staaten". Zuständig dafür sollen aber die Nationalstaaten sein. Alles zusammengenommen bedeutet das: Das deutsche Modell – Wettbewerbsfähigkeit durch interne Nachfrageschwäche – wird europäisiert. Das stellt sicher, dass die Banken wie bisher durchgefüttert werden, während der Rest auf Diät gesetzt wird.
Woher soll die Hoffnung für den Süden kommen?
Deutschland verlangt die Rosskur von den Krisenländern mit dem Argument, man selbst habe sich derselben bereits unterzogen. Das stimmt aber nur begrenzt. In der ersten Hälfte der nuller Jahre war es die Weltwirtschaft, die Deutschlands Wachstum antrieb. Das starke Wachstum der damaligen Zeit, das wissen wir heute, war trügerisch. Bis die Blase platzte, war dieses Wachstum der nahezu ausschließliche Motor des (schwachen) realen Wirtschaftswachstums in Deutschland. Die Investitionen der Unternehmen zogen dann auch nur kurz an, im Jahr 2006 und 2007.
Woher soll also jetzt die Zuversicht der Unternehmen in Portugal und anderswo kommen? Deutschland fordert diese Länder auf, die nominalen und realen Lohnstückkosten zu senken und den Staat zu entschulden. Woher soll also das Wachstum kommen? Was Portugal, Italien und Spanien bleiben wird, sind die Auslandsmärkte. Ein großer Teil davon besteht aber aus einem Deutschland, das behauptet, es könne und müsse sein exportabhängiges Wirtschaftsmodell nicht ändern.
Der Konservatismus der Sozialdemokratie wendete sich ursprünglich gegen den Radikalismus der kapitalistischen Wirtschaft. Dieser Impuls hat nach wie vor seine Berechtigung. Aber die soziale Marktwirtschaft, die in der Vergangenheit in Deutschland entstand, ist bisher nur eine nationale Lösung geblieben. Für Europa benötigen wir kontrollierte Experimente, so wie es der Reformismus der Sozialdemokratie selbst einmal war.
Kommentare
Wie wäre es mit...
..dem Experiment EIGENVERANTWORTUNG? In Südeuropa besteht immer noch ein unsozialer Arbeitsmarkt mit einem Kündigungsschutz aus Beton für die Senioren und Prekariat für die Jugend. Und warum soll Deutschland diese Probleme lösen (können)?
Griechenland jetzt MEHR Schulden hat als vor 3 Jahren
In Südeuropa besteht immer noch ein unsozialer Arbeitsmarkt mit einem Kündigungsschutz aus Beton für die Senioren und Prekariat für die Jugend.
Nein gibt es nicht mehr. Kündigungsschutz ist in Ländern wie Griechenland oder Spanien nicht existent. Aber das einzige, was die Reformen gebracht haben, sind mehr Arbeitslose. Es gibt doch Statistiken. Und die besagen, dass Griechenland jetzt MEHR Schulden hat als vor 3 Jahren. Und doppelt soviele Arbeitslose.
Kein deutsches Steuergeld ist an Griechen geflossen. Damit wurden Großbanken aus Deutschland und Frankreich aus ihren Verbindlichkeiten gekauft. So siehts aus.
Mit dem Euro kommen diese Länder nie wieder auf die Beine. Weil diese Währung in keinem Verhältnis zu deren Wirtschaftsleistung liegt.
Aber was erzähle ich, wenn populistische Tiraden doch das Meinungsbild bestimmen.
Die Rolle der Gewerkschaften wird in sofern gestärkt ...
<< Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro soll so eingeführt werden, dass die Tarifpartner, also auch die Gewerkschaften, gestärkt werden, nicht geschwächt. Das ist Konservatismus, aber im guten Sinne. <<
... das diese zukünftig mit den Arbeitgeber aufgrund des Arbeitnehmer Entsendegesetzes über Branchenmindestlöhne verhandeln dürfen, damit die Unternehmer den vorgesehenen flächendeckenden Mindestlohn flächendeckend bis 2017 umgehen können.
Was für ein Schildbürgerstreich!
@2 Das ist nur ein Viertel der Wahrheit: Bevor die Unternehmen..
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das tun können, müssen sie erst einmal in einen Arbeitgeberverband
eintreten und einen Vertrag abschließen (inkl. Manteltarifvertrag).
Das genau ist die Zielrichtung im Osten.
Und deshalb sind IG Metall, verdi und andere auch so hell begeistert!
Es ist einach genial ....
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Wie ist das denn nun mit den Arbeitslosen?
Hab da gehört, von dem Mindestlohn seien einige "Gruppen" ausgeschlossen, 1. Frage: Zählen dazu die Arbeitslosen?
2. Frage: Wenn ja, wie wird das geregelt? Sollen die dann für immer im Niedriglohn unter 8,50 arbeiten, nur eine gewisse Zeit, oder so lang bis das Arbeitsamt sagt, "ok genug gebüßt jetzt darfst du auch mal einen richtigen Job haben"?
Vielleicht habe ich da auch was missverstanden.
Im ganzen und grossen sehe ich die Arbeit der Politik im Sinne von "Nach und mit uns die Sintflut".
Denn wenn die nächste Europarettung kommt ( Frankreich; Griechenland II oder sowas), dann wird aus dem Stegreif etwas aus der Not geboren: WIR WISSEN JA, WIE DAS DANN AUSSIEHT. Über Nacht und Nebel werden wir dann ein ums andere Mal legal bestohlen.
Wer erwartet denn, dass in einer Kürze der Zeit, wo Rettung nötig ist, die Politik sich entschliesst bei den unangenehmen Lobbypartner zuzugreifen, zB durch eine Vermögensabgabe, "Reichensteuer" oder Verstaatlichung von Banken, die ja eh gesellschaftlich gesehen das ganze System durch Berufs-Zockerei schädigen (inkl. Preistreiberei an der Börse).
Naja, ok ich geb zu, das ist dick aufgetragen und ein Verbot der Börse wird wohl erst in einem neuen Zeitalter kommen; vielleicht aber früher, weil ja eh alles auf Crashkurs ist,.
genau darum geht es nicht
Würde Deutschland alleine mit Südeuropa weiter wurschteln,würde eben genau das irgendwann passieren : knappe kassen und als (trotz)Reaktion werden dann "die Reichen" herangezogen,siehe Frankreich,Tendenzen in Griechenland etc.
Auch Deutschland würde wohl alleine irgendwann mal "die Reichen" heranziehen und damit niemals auf die Beine kommen.
Gottseidank ist Deutschland nicht allein,sondern wird sich demnächst potenzierten Problemen durch Migration und BARabflüssen im Euroraum plus hausgemachte demographie ,Renten und Pensionsproblemen gegenüber sehen.
Und deshalb besteht Hoffnung,daß auch Resteuropa von "den Reichen" wegkommt und stattdessen wie Skandinavien und Holland jeden schon KNAPP über dem Durchschnittslohn massiv belastet.
Reiche zu belasten ist Symbolpolitik.Jedes Einkommen was über dem Durchschnitt liegt gehört stärker belastet.
Denn dann geschieht das Wunder: weil es sich nicht mehr lohnt,übertragen dann Firmen Verantwortung und Arbeit nach unten.Die lohnspreizung nimmt ab,und wir haben skandinavisches Wachstum ohne Billigjobs.
Aber allein traue ich das Deutschland nicht zu.WIr brauchen dafür massive Probleme von aussen um zur Vernunft gezwungen zu werden.
Ich selbst kann das Gerede von "den Reichen" nicht mehr hören.
Der knapp Besserverdienen ist es,um den es geht.
Gute "Zustandsbeschreibung".
In der Groko werden zwar nicht alle Dämme eingerissen. Das brauchen Sie auch gar nicht mehr, denn viele sind schon "offen". Ein paar "Korrekturen" und Verbesserungen sind dabei. Doch wohin Europa gerade "abdriftet", sollte doch eine Regierung erkennen können.
Die Kritikpunkte an der Agenda 2010 inkl. Europakurs wurde derartig häufig, z.T. in epischer Breite erwähnt ..., das es an ein Wunder grenzt, das SPD und CDU noch nicht mitbekommen haben. Und die täglichen Meldungen aus dem Süden ..müßten doch nachdenklich stimmen.
Also:
Sie sollten Sich dringend mal gute Ökonomen und Volkswirte "an Bord" holen, wie z.B. Götz Werner etc.
Eine Beratung von Amnesty Internat..und anderen Menschenrechtsorganisationen ist empfehlenwert.