Mexikanische Soldaten im vergangenen August in einem Feld voller Mohn- und Cannabispflanzen, im Bundesstaat Guerrero © Pedro Pardo/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Kleiman, vor zehn Jahren waren Sie gegen eine Legalisierung von Marihuana. Jetzt beraten Sie den Bundesstaat Washington, der den Stoff legalisieren will. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Mark Kleiman: Es gab schon immer gute Argumente dafür, Marihuana zu legalisieren. Viele Menschen konsumieren Cannabis, ohne dadurch zu Schaden zu kommen. Warum sollte man es ihnen verbieten? Das Verbot hat außerdem einige schlimme Nebenwirkungen: Es ist ein großer illegaler Markt entstanden, auf dem die Geschäfte oft mit Gewalt einhergehen. Allerdings gab – und gibt – es auch gute Gründe gegen eine Legalisierung.

ZEIT ONLINE: Welche?

Kleiman: Cannabis ist nicht harmlos. Vor allem wenn man viel davon konsumiert oder noch sehr jung ist, kann es der Gesundheit schaden. Wenn der Handel mit Cannabis zu einem ganz normalen Geschäft wird, wächst die Zahl der Konsumenten – und damit auch das Risiko, dass Menschen zu Schaden kommen. Die Industrie hat ein großes Interesse daran, viele Leute zu Heavy Usern zu machen. Eine Legalisierung hat gute und schlechte Folgen, das sage ich heute wie vor zehn Jahren.

ZEIT ONLINE: Was hat sich dann geändert?

Kleiman: Der Markt ist stark gewachsen, und mit ihm der Schmuggel und die Gewalt. Das verleiht den Argumenten für eine Legalisierung mehr Kraft. Politisch ist ein solcher Schritt außerdem wahrscheinlicher geworden. Ob die guten oder schlechten Konsequenzen der Legalisierung überwiegen, hängt sehr stark davon ab, welche Regeln den Markt beschränken.

ZEIT ONLINE: Wie müssten die Regeln aussehen?

Kleiman: Das Ziel muss sein, die Zahl der Heavy User niedrig zu halten. Es gibt verschiedene Wege, das zu erreichen. Man kann den gewerblichen Handel zum Beispiel ganz untersagen. Dann gibt es kein gewinnorientiertes Geschäft mit Cannabis, sondern nur ein staatlich kontrolliertes Monopol. Oder der Staat erlaubt nur die Produktion für den Eigengebrauch. Wenn man den  gewerblichen Handel doch erlaubt, kann der Staat den Konsum von Cannabis durch hohe Steuern teurer machen. Es wäre auch gut, Werbung und Marketing zu begrenzen. Man kann die Konsumenten auch verpflichten, sich selbst ein Limit zu setzen, das ihre Einkäufe und ihren Konsum begrenzt.

ZEIT ONLINE: Folgen denn die Bundesstaaten, die jetzt legalisieren, Ihrem Rat?

Kleiman: Sie wählen andere Wege, um den Verkauf von Cannabis einzuschränken. Zum Beispiel in Washington: Dort haben die Wähler über die Grundregeln des Marktes entschieden. In dem Bundesstaat wird der Verkauf von Marihuana bald ähnlich funktionieren wie der Handel mit Alkohol. Man braucht dann eine staatliche Lizenz, um Cannabis anzubauen oder zu verkaufen. Wer produziert, darf nicht an die Konsumenten verkaufen, und umgekehrt. Es wird also Zwischenhändler geben. In Colorado gibt es keine Pflicht zur Aufspaltung des Geschäfts. Im Moment nehmen die Behörden in Washington Anträge auf Lizenzen an.

ZEIT ONLINE: Wer kontrolliert die Qualität des Stoffs?

Jeder Konsument soll wissen, was er kauft.

Kleiman: Unabhängige Testlabors. Sie testen das Marihuana auf Verunreinigungen und mögliche Gifte. Der Staat wird dafür vermutlich Grenzwerte vorgeben. Die Labors testen auch den Gehalt an aktiven Substanzen, also vor allem THC. Jeder Konsument soll wissen, was er kauft.

ZEIT ONLINE: In den meisten Staaten der USA ist der Konsum von Cannabis immer noch illegal, zumindest außerhalb der Medizin. Wird man Schmuggel verhindern können?

Kleiman: Das dürfte schwierig werden. Ob geschmuggelt wird, hängt vor allem vom Preis ab – und ich befürchte, dass legales Cannabis sehr billig sein wird. Viele unterschätzen das. Sobald die legale Ware zum Beispiel im Einzelhandel Colorados billiger ist als das illegale Produkt im Großhandel anderswo, lohnt sich der Schmuggel. Man schickt einfach viele einzelne Kuriere los, die in Colorado einkaufen, und führt die Ware jenseits der Bundesstaatsgrenze wieder zusammen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das: "sehr billig"?

Ein legaler Joint wird weniger als fünf Cent kosten.

Kleiman: Im Moment kostet ein Gramm Marihuana auf dem illegalen Markt ungefähr zehn Dollar. Für einen Joint zahlt man vier Dollar. Ein legaler Joint wird vermutlich weniger als fünf Cent kosten – so viel wie eine Tabakzigarette. Wenn es so kommt, wird selbst eine hohe Cannabis-Steuer den Preisunterschied zwischen legalem Marihuana in Colorado oder Washington und illegalem Marihuana in anderen Bundesstaaten nicht mehr ausgleichen können.

ZEIT ONLINE: Sie fordern hohe Steuern. Es wäre doch im Interesse der Bundesstaaten, dem zu folgen.

Kleiman: Der Cannabishandel wird zunächst so oder so keine wichtige Einnahmequelle für den Staat sein. Der Markt muss sich erst entwickeln und den illegalen Markt überholen. In ein paar Jahren könnte das aber schon anders aussehen.

ZEIT ONLINE: Wie hoch sind denn die Steuern auf Cannabis im Bundesstaat Washington und in Colorado?

Kleiman: Beide erheben die Steuer relativ zum Preis der Ware. In Washington sind das 25 Prozent: Der Einzelhändler zahlt 25 Prozent des Endverkaufspreises, der Zwischenhändler 25 Prozent dessen, was er vom Einzelhändler bekommt, und der Produzent wiederum 25 Prozent des Preises, den er vom Zwischenhändler erhält. Rechnet man die Umsatzsteuer hinzu, landen am Ende etwa 40 Prozent des Endverkaufspreises beim Staat.

ZEIT ONLINE: Das klingt doch recht hoch.