Eine Einkaufspassage in Dortmund Ina Fassbender/Reuters

An Weihnachten nimmt die Irrationalität der Menschen ungewöhnliche Ausmaße an. Sie kaufen und kaufen und kaufen: Dinge, die niemand haben will und niemand braucht. Dinge, die einmal teuer produziert wurden und nach Heiligabend im Regal verstauben. Krawatten, Pullover, Sandwichtoaster. Sie nennen das Schenken. Für die klassische Ökonomie ist das großer Quatsch. Dem Homo Oeconomicus graut vor Weihnachten. Er denkt: Die Welt wäre eine bessere ohne Weihnachtsgeschenke.

Der Homo Oeconomicus ist ein Konstrukt, auf dem zahlreiche grundlegende Modelle der Volkswirtschaftslehre fußen – ein Mensch, der strikt rational handelt und stets seinen Nutzen maximieren will. In seiner bekanntesten Variante ist er rein egoistisch. In der Realität verhalten sich Menschen anders, nämlich bisweilen ziemlich altruistisch. Sie schenken einander einen Haufen Dinge. Ökonomen haben errechnet, dass so in den USA pro Jahr Werte von zehn bis 20 Milliarden Dollar verloren gehen. Denn die Beschenkten hätten für die geschenkten Dinge nie so viel ausgegeben, wie es die Schenkenden getan haben. Sondern, so der US-Ökonom Joel Waldfogel 1993, im Schnitt ein Zehntel bis ein Drittel weniger.

"Mit dem Geld hätten wir Griechenland längst gerettet", sagte der Wirtschaftsprofessor Achim Wambach. An der Kölner Universität mimt Wambach, leicht ironisch, in einer Weihnachtsvorlesung alljährlich den Nutzenmaximierer, den Homo Oeconomicus. "An Weihnachten zerstören wir Werte, weil wir alle die soziale Konvention haben, uns gegenseitig zu beschenken", sagt er dann. Wenn schon Geschenke, so Wambach, dann am besten Geld.

Am besten Geld schenken

Mit Geld kann sich jeder das kaufen, was er wirklich haben möchte. Geld vermeidet Fehlallokationen und damit, dass der Gesamtnutzen der Volkswirtschaft schmilzt. So etwas nennt sich Wohlfahrtsverlust und ist die Nemesis der Ökonomen. Aber Moment: Die Dogmen der klassischen Ökonomie wackeln ja gerade. Die Anzahl der Ökonomen, die in ihren Modellen vom Homo Oeconomicus abweichen, steigt.

Wambachs Gegenspieler in der Kölner Weihnachtsvorlesung gehört zu ihnen. Axel Ockenfels ist Verhaltensökonom, einer, den die FAZ einst als Rebell im Elfenbeinturm betitelte. Einer, der nicht die Geschenke, sondern die Annahme rein egoistischer Menschen für Quatsch hält. Ockenfels' Forschung zeigt unter anderem, dass altruistisches Verhalten evolutionär im Menschen verankert ist. Seine Replik auf den Homo Oeconomicus: Schenken zerstört mitnichten bloß Werte, es schafft auch welche.

Das illustrieren Experimente, in denen Menschen zum Beispiel entweder Schokolade oder eine Tasse geschenkt bekommen. Fall A: Sie können frei wählen. Etwa eine Hälfte der Teilnehmer will die Schokolade und die andere die Tasse. Fall B: Sie bekommen explizit Tasse oder Schokolade geschenkt und können danach tauschen. Kaum jemand will tauschen. Das Geschenk scheint den Beschenkten in Fall B mehr wert zu sein.

Die eigentliche Gefahr liegt laut Ockenfels im exzessiven Schenken. Wenn das Lebkuchenhäuschen für die Kinder das größte im Freundeskreis sein muss und das Geschenk für die Ehefrau jedes Jahr teurer werden muss. "Der Mensch will immer mehr haben als seine Nachbarn. Das führt zu Ineffizienzen, die relevanter sind als alle anderen." Also: Bloß nicht nur dem eigenen Ego zuliebe zu viel ausgeben. Diese Vorsicht allein bannt aber noch nicht die Gefahr des Wohlfahrtsverlusts.