ZEIT ONLINE: Frau Cheria, Frau Burckhardt, Sie beklagen, dass in der indischen Textilbranche immer mehr Mädchen Opfer des sogenannten Sumangali-Systems werden. Was genau bedeutet das?

Anita Cheria: Sumangali bedeutet "glückliche Braut". Obwohl sie in Indien mittlerweile verboten ist, existiert vor allem auf dem Land noch immer die Tradition der Mitgift. Im Bundesstaat Tamil Nadu, in dem sich der Großteil der indischen Textilfabriken und Baumwollspinnereien befindet, sprechen die Anwerber der Fabriken gezielt arme Familien an, die sich keine Mitgift leisten können. Sie versprechen, dass ihre minderjährigen Töchter in drei bis fünf Jahren Arbeit in einer Spinnerei etwa 500 bis 800 Euro verdienen können. Es wird suggeriert, dass sich die Firma um die Kinder kümmert: Die Mädchen bekämen eine Ausbildung, eine ordentliche Unterkunft und das Lohnpaket am Ende, versprechen sie. Für die Eltern, die häufig weder lesen noch schreiben können, ist das ein attraktives Angebot. Nur sieht die Realität völlig anders aus.

ZEIT ONLINE: Was erwartet die Mädchen in den Spinnereien?

Cheria: Harte Knochenarbeit – zehn, oft zwölf Stunden am Tag. Die Mädchen sind auf dem Fabrikgelände eingesperrt und können sich nicht frei bewegen. Die Wohnräume sind sehr schlecht ausgestattet, nicht mehr als ein paar Decken auf dem Boden. Die Mädchen müssen oft stundenlang anstehen, um sich zu waschen. Dazu ist das Essen schlecht. Kürzlich schlug eine Initiative in Tamil Nadu Standards für Sumangali-Mädchen vor: Auf zehn mal zehn Fuß sollten nicht mehr als zwölf Menschen leben und sich eine Toilette, ein Waschbecken, einen Eimer und einen Becher teilen. Das ist ein Vorschlag für eine Verbesserung! 

Gisela Burckhardt: Ich hatte bei meinem letzten Indienbesuch die seltene Gelegenheit, eine Spinnerei zu besuchen. In großen Hallen laufen die Spinnmaschinen in langen Reihen, 24 Stunden am Tag. Ein Mädchen muss alle Spindeln einer Reihe kontrollieren. Dort wo ein rotes Lämpchen blinkt, ist der Faden gerissen und es muss sofort hinrennen und ihn wieder einfädeln. Diese Arbeit ist körperlich extrem anstrengend. Es gibt drei Schichten von je acht Stunden. Aber wir wissen, dass die Mädchen eineinhalb Schichten arbeiten müssen, beispielsweise von 8 bis 16 Uhr und von 21 bis 2 Uhr in der Nacht. Viele Mädchen werden krank vom Baumwollstaub, der Hitze, der Rennerei und der schlechten Ernährung. Aber wer nicht die gesamten drei bis vier Jahre ableistet, bekommt nicht mal einen Teil der versprochenen Lohnsumme. Die Ausbeutung ist wirklich extrem.

ZEIT ONLINE: Die Lohnkosten in Indien sind weltweit mit die geringsten. Wieso greift die Textilbranche trotzdem auf diese Form der Kinderarbeit zurück?

Cheria: Die Textilindustrie entscheidet anhand der Lohnkosten darüber, wo in Indien produziert wird. Als Kerala, historisch ein Zentrum der indischen Textilbranche, nach der Unabhängigkeit kommunistisch regiert wurde und Mindestlöhne einführte, zog die Industrie in andere, ärmere Bundesstaaten. Erst in die Städte, dann – in den vergangenen zehn Jahren – vermehrt in ländliche Regionen, weil dort die Gewerkschaften nicht so stark sind. Es gibt in der Branche auch keine langfristigen Arbeitsverträge mehr, sondern die Spinnereien und Nähereien befristen die Anstellung auf drei oder vier Jahre. Sie arbeiten heute hauptsächlich mit Frauen, weil die schlechter organisiert sind als Männer. Die Sumangali-Mädchen sind bislang die letzten in dieser Kette. 

ZEIT ONLINE: Sumangali ist ein relativ neues Problem?

Cheria: Wir kennen Sumangali erst seit etwa 2005. Allerdings scheint sich das System der "Hostel"-Arbeiter, die nach einer Schicht nicht nach Hause gehen, sondern auf dem Fabrikgelände leben müssen, auszubreiten. 

ZEIT ONLINE: Wie viele Mädchen arbeiten derzeit als Sumangali?

Cheria: Die Schätzungen der NGOs, die vor Ort in Tamil Nadu sind, gehen von etwa 200.000 Mädchen aus. Von den etwa 400.000 Mitarbeitern in den Spinnereien in Tamil Nadu ist also etwa jede zweite Opfer des Sumangali-Systems. Die Vorgesetzten allerdings sind immer Männer. Die Mädchen werden häufig belästigt.

ZEIT ONLINE: Frau Burckhardt, wie viel Garn aus Spinnereien, die Sumangali beschäftigen, kommt nach Deutschland?

Burckhardt: Das ist für Außenstehende sehr schwer nachzuvollziehen. Man muss die Verbindung herstellen zwischen der Spinnerei, der Stoffproduktion und dem Exportpartner. In zwei Fällen ist uns das gerade über die Angaben der Hafenbehörden gelungen: Otto und Earnsting's Family beziehen nach unseren Recherchen von zwei Fabriken, die wiederum ihr Garn aus einer Spinnerei namens Bannari Amman bekommen. Dort herrscht nach unseren Informationen das Sumangali-System. Wir haben beide Firmen angeschrieben und sie auf diesen Missstand hingewiesen.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Unternehmen reagiert?

Burckhardt: Otto hat erklärt, man sei erschrocken, dass das noch existiere. Sie hätten ihre Lieferanten darauf hingewiesen, dass sie Sumangali nicht billigen. Diese Erklärungen sind leider nur wenig wert, wir erwarten von den Unternehmen, dass sie präventiv aktiv sind und verhindern, dass ihr Garn aus Sumangali-Fabriken kommt. Earnsting's Family hat, genau wie Otto auch, auf die Mitgliedschaft in der Ethical Trading Initiative verwiesen, in deren Rahmen man gegen diese Missstände angehe. Einige Unternehmen sind da aktiv geworden, nachdem im vergangenen Jahr zwei Studien über Sumangali erschienen sind, es gab viele Medienberichte, auch in der ZEIT. Aber die lokalen Partner in Indien sagen, dass sich außer Gesprächsrunden nichts tut. Die Zustände in den Spinnereien sind unverändert.